Wahlkampf in Delmenhorst

Ein Vorurteil kann zum Vorteil werden

Er ist erst 25 Jahre alt, doch gerade das treibt ihn an, wie er sagt: Philipp Albrecht möchte Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Delmenhorst - Wesermarsch - Oldenburg-Land werden.
18.01.2021, 15:34
Lesedauer: 5 Min
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Ein Vorurteil kann zum Vorteil werden
Von Annika Lütje

Philipp Albrecht sitzt auf heißen Kohlen. Er wartet darauf, dass er endlich loslegen kann – so richtig. Er hat sich so viel vorgenommen und möchte nun endlich seine Ideen an den Mann und die Frau bringen. Denn er möchte CDU-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis 28, Delmenhorst – Wesermarsch – Landkreis Oldenburg, werden. Doch ob er auch als Kandidat aufgestellt wird, muss sich erst noch zeigen. „Eigentlich hätte die Kandidatenaufstellung am 15. Februar stattfinden sollen. Doch wegen der Corona-Krise musste die Veranstaltung ausfallen“, erzählt er. Wann die Aufstellung nachgeholt wird, steht noch nicht fest.

Sollte Albrecht als Kandidat ins Rennen gehen und auch noch in den Bundestag gewählt werden, wäre er unter 709 Abgeordneten einer von zweien, die unter 30 Jahre alt sind. „Das treibt mich an“, sagt der 25-Jährige. „Klar, eine gute Mischung im Parlament ist wichtig, aber die Durchmischung der Altersstruktur ist ausbaufähig. Die Generation, die immer als politikverdrossen abgestempelt wird, ist motiviert und will sich engagieren“, ergänzt er.

Albrecht stammt aus Damme und hatte „schon früh Interesse an Politik“, wie er sagt. „Als ich auf das Gymnasium kam, wurde ich durch Zufall zum Schülervertreter gewählt. Ich hatte Spaß daran, mich für andere einzusetzen. So kam ich zur Politik. Und die CDU fand ich schon immer gut“, erzählt er. Ist ja auch klar, könnte man meinen – schließlich ist die Region um Damme von der CDU geprägt. „Meine Mitgliedschaft hat aber keine familiären Gründe. Meine Familie mütterlicherseits besteht sogar aus SPD-Wählern“, sagt er und scheint froh darüber, dass er schon mal mit dem ersten Vorurteil aufräumen kann.

Das zweite Vorurteil ist offenkundig sein Alter. Wie soll so einem jungen Menschen ein erfolgreicher Wahlkampf samt Wahlerfolg gelingen? Doch jung bedeutet nicht gleichzeitig unerfahren – und somit könnte sich das Vorurteil als reiner Vorteil entpuppen. Von 2015 bis 2020 war Albrecht der Landesgeschäftsführer der Jungen Union in Oldenburg und damit zuständig für neun kreisfreie Städte und Landkreise im Oldenburger Land. Von 2016 bis zum vergangenen Jahr war er zudem der stellvertretende Vorsitzende des CDU-Kreisverbands Vechta, wo seine Themen die Wirtschaft und das Digitale waren. Seit September 2020 ist er stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Union Niedersachsen. Zurzeit ist er Kreisgeschäftsführer der CDU Köln, wo er im vergangenen Jahr den Kommunalwahlkampf mit über 200 Kandidaten verantwortet hat.

Das legt zumindest nahe, dass Albrecht weiß, wie Wahlkampf funktioniert. Modern und dynamisch soll sein Wahlkampf werden. Plattformen wie Facebook und Instagram sollen eine große Rolle spielen. Aber auch vor Ort wolle er mit vielen Menschen ins Gespräch kommen. „Ich möchte auch die Menschen außerhalb meiner Filterblase erreichen“, sagt er und ergänzt: „Die Themen, mit denen wir uns beschäftigen, werden immer komplexer, vieles ist nicht mehr ganz so einfach zu durchschauen.“ Er selbst hat einen Bachelor in Politikwissenschaften und Volkswirtschaft sowie einen Master in Public Policy. „Dadurch habe ich einen ganz guten Blick auf die Dinge“, sagt er. Aber den hätten zum einen nicht alle, und zum anderen reiche der nicht aus.

„Deshalb finde ich wichtig, alle beteiligten Akteure an einen Tisch zu bekommen, mehr externe Expertise einzuholen und vor allem zuzuhören. Mir geht es dabei auch um Querdenker und AfD-Wähler. Ich möchte mich ihnen nicht anbiedern, aber ich möchte verhindern, dass wir Menschen verlieren, nur weil wir nicht genug zuhören und unsere Standpunkte nicht richtig erklären“, führt Albrecht aus. Dafür nehme er auch in Kauf, sich im Haustürwahlkampf anschreien zu lassen. „Aber auch daraus ergeben sich zum Teil gute Gespräche“, sagt er.

Die Region, für die er kandidiert, sei ihm nicht fremd. Allein als Landesgeschäftsführer in Oldenburg habe er sie gut kennengelernt und viele Kontakte geknüpft. Deshalb stehe es für ihn fest, dass er nach Ganderkesee zieht, sobald er weiß, ob er als Kandidat antreten darf. „In dem riesengroßen Wahlkreis ist es mir wichtig, zentral zu wohnen. Ich möchte mich dann auch vor Ort kommunal und ehrenamtlich engagieren“, sagt Albrecht.

Seine Hauptthemen hat er auf seinen Wahlkreis zugeschnitten. Da ist zum Beispiel der Mittelstand, den er als „Rückgrat dieses Wahlkreises“ bezeichnet. Ihn möchte Albrecht durch die Schaffung neuer Gewerbeflächen, die staatliche Förderung innovativer Konzepte und den Abbau von Bürokratie stärken. Vor allem der letzte Punkt brennt ihm unter den Nägeln: „Die Bonpflicht ist ein Musterbeispiel dafür, dass ein gut gemeintes Anliegen völlig aus dem Ruder laufen kann. Natürlich möchte auch ich, dass so wenig wie möglich schwarz abgerechnet wird. Aber diese Unmengen an Papier, die nicht einfach zu entsorgen sind und die die meisten Kunden gar nicht haben wollen, sind auch keine Lösung. Man könnte das alles viel einfacher digital erfassen“, gerät er geradezu in Rage.

Doch auch das Digitale hebt seine Laune nicht gerade: „Der Breitbandausbau ist so eine Sache. Wir haben die Ideen, wie das aussehen könnte, und die finanziellen Mittel, um es umzusetzen. Aber wir haben niemanden, der in der Lage ist, die Anträge zu schreiben, weil das Bürokratiemonster sind. Wir müssen da aufpassen, weil unser Wohlstand von heute nicht selbstverständlich ist.“ Glasfaser und 5G „bis an jede Milchkanne“ lautet Albrechts Motto.

Apropos Milchkanne: Die Landwirtschaft ist sein drittes Schwerpunktthema. „Die Not ist in dem Bereich groß. Niemand fährt mit seinem Traktor zwei Tage nach Berlin und zurück, nur weil es ihm Spaß macht“, sagt er. Die Erkenntnis und die Bereitschaft zur Veränderung sei unter den Landwirten vorhanden, „aber wir müssen ihnen auch Planbarkeit schaffen“, sagt Albrecht und weiter: „Wenn wir Veränderungen wollen, müssen wir den Akteuren auch die nötigen Einnahmen dafür ermöglichen und mehr für ihre Produkte zahlen. Wir müssen auf eine Tierwohlabgabe setzen, die bei den Landwirten ankommt und nicht im Handel. Generell muss die Marktmacht des Handels reduziert werden.“

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Wer wird Direktkandidat der CDU?

Weiter warten heißt es für die Bewerber der CDU für die Bundestagskandidatur 2021: Nachdem bereits die für den 13. November geplante Urwahl auf Mitte Dezember verlegt werden sollte, muss diese Veranstaltung nun erneut verschoben werden. Wie Dirk Vorlauf, Vorsitzender im Kreisverband Oldenburg-Land, erklärt, steht ein konkretes Datum noch nicht fest. Auch die Form der Zusammenkunft ist noch unklar. Zwei Szenarien sind laut Vorlauf denkbar. Zum einen könnte die Urwahl gemeinsam mit allen drei Kreisen in der großen Messehalle in Wüsting stattfinden, so wie es für den 13. November einmal geplant war. Dort würden sich die Hygiene- und Abstandsregelungen gut einhalten lassen, meint Vorlauf. Dies sei die bevorzugte Variante. Wenn das Infektionsgeschehen jedoch nach wie vor hoch sei, werde jeder Kreis eine eigene Veranstaltung mit entsprechend weniger Leuten machen. Digital würde man dann die drei Kreise zusammenschalten.

Bei dieser Urwahl will die CDU aus den vier Anwärtern Raoul Kripp­ner, Philipp Hannöver, Rita Taphorn und Philipp Albrecht ihren Direktkandidaten für den Wahlkreis 28 (Delmenhorst – Wesermarsch – Landkreis Oldenburg) bestimmen.

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