Am Sonnabend feiert die Installation "oben ohne" im Wasserturm Premiere - nur noch wenige Restkarten Wandlung vom Bau- zum Klangkörper

Delmenhorst. Stille. Die Stille ist ganz besonders wichtig für "oben ohne". Erst wenn es ruhig wird im Wasserturm, wenn die Zuhörer auch innerlich runterfahren, wirken die Töne, die Thomas Putze aus dem Stoffregen-Bau im Ruhestand rausholt, so richtig intensiv. Das Sommerfest der Städtischen Galerie Haus Coburg wird an diesem Sonnabend vor dem Wasserturm gefeiert. Und - ganz wichtig - auch darin. Im Mittelpunkt steht Putzes Klanginstallation. Und die ist ein Erlebnis.
31.08.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas D. Becker

Delmenhorst. Stille. Die Stille ist ganz besonders wichtig für "oben ohne". Erst wenn es ruhig wird im Wasserturm, wenn die Zuhörer auch innerlich runterfahren, wirken die Töne, die Thomas Putze aus dem Stoffregen-Bau im Ruhestand rausholt, so richtig intensiv. Das Sommerfest der Städtischen Galerie Haus Coburg wird an diesem Sonnabend vor dem Wasserturm gefeiert. Und - ganz wichtig - auch darin. Im Mittelpunkt steht Putzes Klanginstallation. Und die ist ein Erlebnis.

Übrigens auch optisch. Blaue Schnüre sprießen zur Zwischendecke. Sie winden sich über Umlenkrollen, enden an Stahlrohren und Hölzern, die an den leeren Wassertank donnern und scheppern, an Stellräder dengeln und an rostige Trennscheiben knallen. Oder Putze öffnet via Seil die alte Gittertür vor dem Tank, die mal sanft quietscht, mal schroff knirscht. Aus dem Bau- wurde ein Klangkörper.

40 Gäste werden für jede Performance eingelassen. 30 werden auf der Empore sitzen, hinter Putze. Aber zehn können auch liegen. Tragen, ebenfalls aufgehängt an blauen Schnüren, schweben in der Luft. Sie wippen und schaukeln sanft, wenn sich die Besucher darauf legen. Liegend eröffnet sich eine wundervolle Perspektive: 18 Meter erstreckt sich der Raum in die Höhe, die streng geometrische Architektur Stoffregens verstärkt den Eindruck zusätzlich. Die Zwischendecke besteht aus neun Quadraten, die kleinen Fenster sind mittig in die Wände gebaut, das Zulauf- und das Ablaufrohr, die den Wassertank speisten oder aussaugten, stehen wie zwei Parallelen im Raum. Es ist eine protestantisch-karge Kathedrale der Industriekultur. Die schräg laufenden blauen Seile bilden zu der nüchternen Geradlinigkeit den Kontrast, verwandeln den Turm in ein riesiges Saiteninstrument, das den Raum auf eine neue, eine geradezu unerhörte Weise erfahrbar macht.

Akustische Abenteuerreise

Es war eine abenteuerliche Reise, auf die sich die "oben ohne"-Macher begeben haben. "Ich habe im Februar mal einen schüchternen Anruf bei Thomas Putze gewagt", erzählt Galerie-Chefin Annett Reckert. Denn sie wollte zum Sommerfest etwas Besonderes machen, keine reine Wein-Weib-Gesang-Feier, es sollte auch Kunst im Spiel sein. "Die Frage war, wer sich das zutraut. Und ich wusste: Thomas Putze kann mit so einem Raum arbeiten."

Putze ist Bildhauer ist Installationskünstler ist Performancekünstler. Zuerst dachten er und Annett Reckert an eine Ausstellung, an Skulpturen, gestellt, gehängt. "In der direkten Begegnung mit dem Wasserturm war mir klar, dass er zugestellt nur ein weiterer Raum sein würde", sagt Putze. "Aber ich wollte seine Besonderheit zur Sprache bringen. Ich wollte die Höhe des Raumes erfahrbar machen." Und so entstand die Idee, den Wasserturm singen und klingen zu lassen. Es war der Aufbruch zu einer akustischen Expedition, angetrieben von einer geradezu kindlichen Entdeckerlust.

Putze schlug mit Hämmern gegen den Stahltank, trommelte mit der Faust darauf und patschte mit der Hand dagegen, trat gegen Wände und Rohre. Und der Wasserturm sang, er hallte und echote, wandelte den kalten Industrial-Sound des Metalls teilweise in orchestral anmutende Töne. "Wir haben hier ein ganz großes Spektrum, teils sind es sphärische Klänge, teils brachiale Sounds." Einer Partitur wird Putze beim Spiel nicht folgen, eine Dramaturgie hat er aber im Kopf. Wie die aussieht, verrät er nicht. Nur so viel: Auch die Besucher sollen eingebunden werden, sollen an den blauen Seilen zupfen und tönen. Und Thomas Putze, der auch mal als Industriekletterer gejobbt hat, wird zum Ende der Vorstellung zwischen den Rohren hochsteigen, von dort weiterspielen.

Großartig fanden Annett Reckert und Thomas Putze, wie die Stadt ihnen half. Denn im Rathaus gab es keine Bedenkenträger und "Was soll der Quark denn"-Miesepeter, im Rathaus saßen nur Helfer und Unterstützer. Das hatten beide nicht erwartet, aus anderen Städten sind sie da ganz anderes gewohnt. Der Fachdienst Immobilienmanagement half, entwickelte ein neues Sicherheitskonzept, baute einen neuen Notausgang ein. "Und dabei muss man bedenken, dass wir nicht viel Zeit hatten und diese Aufgabe noch oben drauf kam", erzählt Architektin Andrea Vennebörger. Besonders Maximilian Schütt, der in seinem dritten Lehrjahr als Bauzeichner bei der Stadt steckt, half mit. Er entwickelte mit den Handwerkern des Fachdienstes mit einfachsten Mitteln wie den Seilen und Dachlatten die Mechanik für die Töne, ganz praktisch, ganz handfest, so ganz anders als sein Alltags-Computerjob.

Annett Reckert äußerte dann noch einen Herzenswunsch, nämlich den ganzen Geldgebern zu danken. Denn als die Installationssidee geboren wurde, war sie nicht nur ein Low-Budget, sondern eher ein No-Budget-Projekt. Dann kam der Freundeskreis Haus Coburg und steuerte Geld bei, viele private Kleinspender machten ebenfalls mit. Und natürlich ein paar Firmen, ohne die es nicht ginge, wie die EWE, die OLB, die Raiffeisen-Volksbank sowie die Delmenhorster Traditionsfirma Wehrhahn. Und übrigens auch das Hanse-Wissenschaftskolleg, in dem Putze mit seiner Familie gerade als Artist in Residence lebt.

Beim Sommerfest wird die Klanginstallation "oben ohne" um 18.30, 19.15, 20, 20.45, 21.30 und 23.15 Uhr zu erleben sein; es gibt nur noch wenige Restkarten. Von 17 bis 18.30 Uhr und von 22.15 bis 23 Uhr kann der Wasserturm bestiegen werden. Vor dem Stoffregen-Bau wird gefeiert, was auch ohne Eintrittskarte möglich ist: Es gibt zum Beispiel schwäbische Spezialitäten und Wein, von 18 bis 20 Uhr können Musikinstrumente gebaut werden, ab 20 Uhr gibt es eine Open-air-Poesie-Performance, ab 20.30 Uhr spielt Samote. Schon nachmittags wird ab 15 Uhr ein Poetry-Slam-Workshop in der Galerie mit Moritz Neumeier angeboten. Am Sonntag beginnt um 10 Uhr im Wasserturm ein Gottesdienst mit Pastor Thomas Meyer und Performer Thomas Putze, um 12 und 14 Uhr wird die Klanginstallation erneut aufgeführt, um 15 Uhr arbeitet die Musikpädagogin Kristina Schönbeck mit Kindern im Turm (Anmeldung erforderlich). Am Freitag, 9. September, findet das Percussion-Konzert

"Towersounds" statt. Anmeldungen und Infos zu allen Programmpunkten unter 04221/14132.

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