SPD-Senioren laden an jedem dritten Freitag zum Reparaturcafé in die AWO-Begegnungsstätte

„Wegwerfen war gestern“

Delmenhorst. Die Kaffeemaschine spuckt nur noch röchelnde Töne, aber keinen Kaffee mehr aus. Ab damit auf den Müll? Da ist das Gute doch nich’ von ab, sagt man gern.
24.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Marco Julius
„Wegwerfen war gestern“

Frührentner Christoph Sander gehört zu den Tüftlern und Handwerkern im Reparaturcafé, die helfen, Dinge wieder flottzumachen. So wie hier ein Radio, das verstummt war. Sander sagt, anderen zu helfen, verschaffe ihm neuen Lebensmut.

Ingo Moellers

Die Kaffeemaschine spuckt nur noch röchelnde Töne, aber keinen Kaffee mehr aus. Ab damit auf den Müll? Da ist das Gute doch nich’ von ab, sagt man gern. Andererseits: Kaffeemaschinen gibt es heute so günstig, lohnt sich da der Aufwand überhaupt? Karl Günter Ziesmer hat da eine ganz klare Meinung. Er ist nicht nur Vorsitzender der Delmenhorster SPD- Arbeitsgemeinschaft 60plus, also der Seniorengruppe der SPD, sondern auch Initiator des Reparaturcafés, das die Senioren jetzt immer am dritten Freitag im Monat von 15 bis 17 Uhr in der AWO-Begegnungsstätte an der Cramerstraße 193 anbieten.

„Wegwerfgesellschaft“, wenn Ziesmer dieses Wort schon hört. Er hat ein Anliegen: „Kaputte Dinge wieder zum Laufen zu bringen, denn sie sind für den Müll viel zu schade.“ Und Ziesmer steht nicht allein da. Schon bei der Premiere im Februar rannten ihm die Bürger quasi die Bude ein, der Raum wurde schnell zu klein. 70 bis 80 Gäste seien es gewesen, nicht nur Senioren, einige kamen nur auf einen Kaffee vorbei, schließlich heißt es Reparaturcafé, andere brachten direkt Dinge mit, die den Geist aufgegeben hatten. Vor allem Küchengeräte mussten Ziesmer und seine acht Helfer wieder in Gang bringen. „15 Leuten konnte sofort geholfen werden“, freut sich der 76-Jährige.

Der Kabelbruch an der Stereoanlage, der defekte Stecker am Toaster – oft sind es Kleinigkeiten, der Teufel steckt eben im Detail. Und auch wenn Ziesmer und seine Helfer wie Christoph Sander im Kleinen ansetzen, im Blick haben sie dennoch das große Ganze. „Es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt er. Abfallvermeidung sei angesichts der grassierenden Umweltverschmutzung eine Herausforderung der Gesellschaft. Argumente hat Ziesmer viele zur Hand. „Müllvermeidung schont die Umwelt und entlastet die Brieftasche“, sagt er zum Beispiel. Er sagt aber auch: „Recycling ist gut, Müllvermeidung ist noch besser.“ Er weist auf die Gefahren für Pflanzen, Tiere und Menschen hin, die von Kleinplastikteilen und Mikroplastik ausgehen. „In den Meeren tickt eine Zeitbombe, wir müssen die Vermüllung der Flüsse und Meere stoppen.“

Partei-Propaganda will Ziesmer in dem Café nicht machen. Natürlich stehe SPD drauf, aber die AG 60plus setze sich für alle Senioren ein. „Wir tragen hier nicht ständig die rote Fahne vor uns her“, sagt er – und lacht. Und ein Stuhl, an dem ein Bein lose ist, hat ja auch erst einmal nichts mit Parteipolitik zu tun. Ziesmer und seine Helfer, darunter Handwerker im Ruhestand und ausgewiesene Tüftler, setzen im Kleinen an, um im Großen etwas zu verändern. Da kommen Liebhaber-Stücke auf den Tisch, aber auch Geräte, wo die Garantie eben erst abgelaufen ist. Vieles ist tatsächlich zu retten, ein Ersatzteil hier, eine Schraube festdrehen dort. Manchmal müssen aber auch Ziesmer und Co. ihre Grenzen erkennen und sagen: „Tut uns leid, hier geht nix mehr, das gute Stück ist reif für den Müll.“ Wobei es natürlich nicht dabei bleibt: „Wir beraten auch zum Thema Entsorgung, erläutern, wo welcher Müll hingehört, weisen auf die Sammelstellen hin.“ Ein defekter Fön gehört eben nicht einfach in den Hausmüll.

Der Ansturm ist auch beim zweiten Reparaturcafé nicht kleiner geworden. „Zum Glück konnte uns die AWO einen größeren Raum zur Verfügung stellen“, freut sich Ziesmer. Und irgendwie kennt das Café nur Gewinner. Da sind die, die sich freuen, dass ihre Kaffeemaschine nicht mehr röchelt, sondern wieder „braunes Gold“ in die Tasse laufen lässt, da sind die, die das gute Gefühl haben können, geholfen zu haben, gebraucht zu werden. So wie eben Christoph Sander, Frührentner mit langer krankheitsbedingter Leidensgeschichte. „Ich blühe hier richtig auf und gewinne neuen Lebensmut“, sagt er. Anderen helfen, sein handwerkliches Geschick, sein Improvisationstalent zeigen zu können, das er als einst als Mess- und Regeltechniker im Beruf erworben hat, das macht ihm große Freude. Und da sind die, die beim Kaffee ins Schnacken kommen. Die Förderung der Gemeinschaft ist ein wichtiges Anliegen der SPD-Senioren. Und selbst die, deren Geräte nicht repariert werden konnten, dürfen sich in dieser Runde als Gewinner fühlen. Ein tröstendes Wort gibt es immer.

Ziesmer und Co. freuen sich über weitere Helfer. Ob Handwerker oder Expertin an der Nähmaschine oder am Stopfpilz: Wer Lust hat, sein Können einzubringen, kann einfach vorbeischauen. Auch Sach- und Geldspenden sind durchaus erwünscht. „Wegwerfen war gestern“, sagt Ziesmer.

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