Interview mit Beraterin in Delmenhorst Wenn das Glücksspiel zur Sucht wird

Der heutige Mittwoch ist bundesweiter Aktionstag gegen Glücksspielsucht. Andreas D. Becker sprach darüber mit der Diplom-Pädagogin Simone Beilken von der Drogenberatungsstelle in Delmenhorst.
28.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Wenn das Glücksspiel zur Sucht wird
Von Andreas D. Becker

Der heutige Mittwoch ist bundesweiter Aktionstag gegen Glücksspielsucht. Andreas D. Becker sprach darüber mit der Diplom-Pädagogin Simone Beilken von der Drogenberatungsstelle in Delmenhorst.

Am Aktionstag Glücksspielsucht stellen Sie und Ihre Kollegen an diesem Mittwoch Sportwetten in den Mittelpunkt. Wieso – spielen Automaten keine Rolle mehr?

Simone Beilken: Doch, der Anteil von Automatenspielen am Umsatz der Glücksspielindustrie wächst sogar noch immer. Aber der Anteil der Sportwetten nimmt ebenfalls zu. Und aus meiner Erfahrung durch Präventionsarbeit an den Berufsbildenden Schulen II lassen sich die Aussagen der Jugendlichen dort auch prägnant zusammenfassen: Spielhallen sind bei denen out, während Sportwetten völlig normal sind. Da sagen die jungen Leute: „Das macht man doch.“ Das finde ich bezeichnend.

Was reizt Jugendliche an Sportwetten?

Viele Jugendliche sehen sich sowieso als Sportexperten. Sport ist ein Thema, über das sie auch in ihrer Peer-Group fachsimpeln, weil es einfach ein sehr guter Zeitvertreib am Samstag ist. Und sie meinen dann, dass sie mit ihrem Expertenwissen auch Geld gewinnen können.

Gibt es so etwas wie Risikogruppen?

In der Forschung gibt es zumindest Erkenntnisse darüber, was Risikofaktoren sind. Menschen mit brüchigen Biografien, mit Bindungsstörungen, mit suchtkranken Eltern, mit Migrationshintergrund oder aus einem schwierigen sozialen Umfeld sind gefährdeter. Ein ganz wichtiger Faktor dabei ist auch die Verfügbarkeit des Suchtmittels. Die ist bei Sportwetten natürlich sehr groß, weil ich im Internet 24 Stunden spielen kann. Dann gibt es überall Kulturvereine oder Sportbars, in denen die Wetten angeboten werden.

Es gibt aber doch recht sichere Wetten.

Nein. Sportwetten sind ein Glücksspiel. Es ist total zufallsabhängig, wie ein Spiel ausgeht.

Wie groß ist denn die Chance, abhängig zu werden?

Sportwetten haben ein enorm hohes Suchtpotenzial. Das Gehirn reagiert bei Spielsucht genau wie bei Kokain. Das machen sich viele Menschen aber einfach nicht bewusst. Sie denken nicht darüber nach, dass Sportwetten kein harmloser Freizeitvertreib sind – vor allem wenn sie anfällig für Süchte sind. Aber ganz abgesehen davon: Glücksspiel ist schlicht verboten in Deutschland.

Dann könnte doch jede Sportsbar, die solche Wetten anbietet, einfach geschlossen werden.

Nein. Dabei ist es im Grunde vergleichbar damit, wenn ich einen Laden eröffne, in dem ich Kokain verkaufe. Der würde unter Garantie noch am gleichen Tag wieder geschlossen werden von den Behörden. Wenn wir dieses Beispiel nehmen, würden alle sagen, dass es abwegig ist, so einen Laden zu eröffnen. Bei Sportwetten wirkt es auf viele nicht so schlimm, sie sind gesellschaftlich akzeptierter.

Wo ist das Problem mit den Sportwettenanbietern?

Sie agieren in einem gesetzlich nicht geregelten Bereich, in einem rechtsfreien Raum. Denn laut Grundgesetz ist Glücksspiel verboten, es sei denn, es gibt eine Ausnahmegenehmigung wie für Spielbanken, Toto oder Lotto. Nicht jeder darf Glücksspiele anbieten. Trotzdem gibt es die Sportwetten, ohne Sondergenehmigung. Sie zahlen sogar Steuern. Das ist in meinen Augen unlogisch.

Es gibt mit Oddset auch eine staatliche Sportwette.

Oddset ist für Spieler nicht attraktiv. Das zeigt sich auch an den Marktanteilen. Im regulierten, staatlich kontrollierten Markt liegen Sportwetten bei einem Prozent, während der unregulierte Markt mit Sportwetten in Wettshops und im Internet bei über sieben Prozent liegt. Vor allem die Live-Wetten, die im unregulierten Bereich angeboten werden, entfalten ein großes Suchtpotenzial.

Sie beraten auch Spielsüchtige. Haben Sie viel Kundschaft?.

Ja, im Schnitt sind es 100 bis 130 Betroffene, die jedes Jahr zu mir kommen. Und die meisten von ihnen spielen auch an Automaten. Aber der Anteil derjenigen, die wetten, nimmt zu. Wobei das, wie die Jugendstudie zum riskanten Konsum in Delmenhorst gezeigt hat, vor allem ein jüngeres Publikum anspricht. 291 der befragten Unter-18-Jährigen wetten mindestens ein Mal im Monat. Das ist aus unserer Sicht schon eine bedenkliche Regelmäßigkeit.

Spielsucht soll vor allem bei Menschen mit Migrationshintergrund verbreitet sein.

Ich würde sagen, dass über 40 Prozent meiner Klienten tatsächlich einen Migrationshintergrund haben. Das ist zum einen auch kulturell bedingt, weil in vielen arabischen Ländern oder auch in Osteuropa oft um Geld gespielt wird. Zum anderen ist Flucht und Entwurzelung ein Risikofaktor. Man merkt das selbst in der zweiten oder dritten Generation immer noch.

Wo setzen Sie in der Präventionsarbeit an?

Ich will vermitteln, dass es so etwas wie Glücksspielsucht überhaupt gibt. Außerdem sage ich, dass Glücksspiel nicht per se schlimm ist, so wie auch Alkohol. Es kommt nur darauf an, wie man damit umgeht. Als klare Regel gebe ich den Jugendlichen an den Schulen mit, dass sie immer nur so viel Geld einsetzen sollen, wie sie auch bereit wären, im Klo runterzuspülen.

Der Gesetzgeber konnte sich noch nicht dazu durchringen, den Sportwetten-Markt zu regulieren. Gäbe es denn auch Dinge, die die Stadt und die Polizei tun könnten, um Sie in Ihrer Arbeit zu unterstützen?

Ich könnte mir vorstellen, dass vielleicht jugendliche Testspieler eingesetzt werden, so wie es auch Testkäufe bei Alkohol gibt. So könnte wenigstens ein Augenmerk darauf gelegt werden, ob der Jugendschutz eingehalten wird. Obwohl ja eigentlich niemand an Glücksspielen teilnehmen darf. Darüber hinaus wäre es auch wichtig, dass sich die Anbieter zu ihrer Verantwortung bekennen, auf die Gefahren der Wetten hinweisen, ihren Kunden beibringen, wie man richtig spielt. Oder dass sie auch wie Spielbanken oder mittlerweile fast alle Spielhallen in Delmenhorst Hausverbote gegen bestimmte Kunden aussprechen, um sie am Spielen oder Wetten zu hindern. Aber im Moment dürfen Sportwettenanbieter alles und müssen gar nichts.

Zur Person: Simone Beilken (42) ist seit acht Jahren bei der anonymen Drogenberatungsstelle in Delmenhorst für die Beratung und Prävention bei Glücksspielsucht die Ansprechpartnerin. Sie ist diplomierte Pädagogin und hat früher unter anderem in der stationären Jugendhilfe gearbeitet. Neben der Beratung von Betroffenen und deren Angehörigen gehören auch Suchtprävention zu ihren Aufgaben.

Am heutigen Aktionstag wird das Video „Sportexporte = Wettexperte?“ über die Risiken von Sportwetten im Maxx-Kino am Bahnhof unter anderem im Vorprogramm laufen. Zudem liegen in Kneipen und Delbussen rote Karten auf, die neugierig machen. Wer den QR-Code auf der Rückseite scannt, findet ebenfalls das Video, das es auf Deutsch, Türkisch und Arabisch gibt.
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