Delmenhorster Grundschulkinder

Wenn das Handy die Kindheit dominiert

Eine Befragung zum Medienkonsum der Delmenhorster Grundschüler wurde nun ausgewertet: Das Smartphone ist das meistgenutzte Medium unter den Kindern, aber auch das Fernsehen spielt nach wie vor eine große Rolle.
03.09.2019, 16:36
Lesedauer: 3 Min
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Von Ilias Subjanto
Wenn das Handy die Kindheit dominiert

Plädieren für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Smartphone: Tobias Kanzok, Martina Gaebel, Tim Berthold, Iris Matthiesen und Birgit Süßmuth (von links).

INGO MÖLLERS

Delmenhorst. Wenn die Mitglieder eines Delmenhorster Haushalts an einem Werktag am Frühstückstisch sitzen, sehen viele von ihnen fern und und verwenden das Smartphone. Das klingt zunächst nicht außergewöhnlich – auffällig ist jedoch, dass es dabei auch um Grundschulkinder geht. Von diesen schauen vor Beginn des Unterrichts bereits 37,9 Prozent fern und 28,1 Prozent beschäftigen sich mit einem Smartphone.

Diese Zahlen stammen aus einer Befragung zum Medienkonsum, die die AG Grundschule des Kommunalen Präventionsrats der Stadt Delmenhorst (KPR) bei Delmenhorster Grundschülern zu deren Medienkonsum Anfang 2019 durchgeführt hat. Die Ergebnisse dieser Befragung hat der KPR vergangene Woche vorgestellt.

Die AG Grundschule ist eine Arbeitsgruppe des Fachkreises Suchtprävention und Gesundheitsförderung des KPR. Vertreten in der AG Grundschule sind Schulsozialarbeiter der Landesschulbehörde sowie der Delmenhorster Jugendhilfestiftung, Präventionsfachkräfte und der erzieherische Jugendschutz der Stadt Delmenhorst.

Tim Berthold, Präventionsfachkraft bei der Anonymen Drogenberatung in Delmenhorst, war maßgeblich an der Planung und Durchführung der Befragung beteiligt. „Es haben über 2000 Grundschüler teilgenommen, pro Jahrgang 500 Kinder“, berichtet er. „Die Befragung richtete sich direkt an die Grundschüler und wurde daher so einfach wie möglich gehalten.“ Ziel sei es gewesen, etwas über das Medienkonsumverhalten der Delmenhorster Grundschüler herauszufinden, erläutert der Präventionsexperte. Hierbei seien keine personenbezogenen Daten außer dem Geschlecht und der Jahrgangsstufe erhoben worden. „Wir möchten mit den Daten ein Gesamtbild der Mediennutzung durch Grundschüler für ganz Delmenhorst abbilden und nicht das Verhalten Einzelner in den Blick nehmen“, erklärt Berthold.

Prävention sollte früh beginnen

Abgefragt wurden zu den Medien Fernseher, Smartphone, Computer und Videospielkonsole die Nutzung, die Verfügbarkeit, der Besitz sowie grobe Zeiträume der Nutzung. „Die Kinder verbringen viel Zeit mit den elektronischen Medien. Dies erzeugt bei ihnen eine gewisse Routine“, resümiert Berthold. Zwar entwickle nicht jeder, der viel mit dem Smartphone spiele oder Fernsehen schaue, ein Suchtverhalten. Jedoch berge eine extensive Nutzung elektronischer Medien im Grundschulalter natürlich auch Risiken, warnt der Präventionsexperte. „Diejenigen, die abhängig werden, haben ganz früh angefangen. Das gilt auch für den Medienkonsum“, sagt er. Das bedeutet: Auch die Suchtprävention sollte möglichst früh beginnen.

Laut Befragung benutzen bereits 71,6 Prozent der Schüler im Grundschulalter ein Smartphone, mit 47,7 Prozent hat fast die Hälfte sogar ein eigenes Gerät. 39,5 Prozent der befragten Schüler haben das Smartphone in ihrem Zimmer. Der Schul-Sozialarbeiter Tobias Kanzok sieht dabei den Spaßfaktor an erster Stelle: „Schon im ersten Schuljahr beschäftigen sich die Kids mit Spiele-Apps auf dem Smartphone“, sagt er. Er verweist darauf, dass 62,2 Prozent der Delmenhorster Grundschüler das Smartphone nutzen, um Spiele zu spielen.

Doch auch im Smartphone-Zeitalter spielt Fernsehen nach wie vor eine große Rolle: 70,4 Prozent gucken nach der Schule fern. „Die Verfügbarkeit ist ebenfalls von Bedeutung. 38,5 Prozent haben einen eigenen Fernseher auf dem Zimmer“, berichtet Präventionsfachkraft Berthold. Damit sei eine unbeaufsichtigte und ungefilterte Nutzung möglich. Berthold erinnert daran, dass auch im Nachmittagsprogramm viele Inhalte nicht kindgerecht seien, etwa Krimiserien mit Gewaltdarstellungen.

Birgit Süßmuth, Leiterin der Wilhelm-Niermann-Grundschule, betont, dass ihren Schülern das Mitbringen von Smartphones grundsätzlich verboten sei. „Wenn wir Handys bei den Kindern sehen, sammeln wir die Geräte ein“, sagt Süßmüth entschieden. Auch würden die Eltern der betroffenen Kinder über den Verstoß gegen das Handyverbot informiert. Ganz ohne Verbindung zur Außenwelt müssen die Kinder auf der Wilhelm-Niermann-Schule nicht bleiben. „Wer dringend telefonieren muss, kann das gerne von unserem Sekretariat aus machen“, sagt die Schulleiterin.

„Medienfreier Tag“ geplant

Die Ergebnisse der Befragung möchte die AG Grundschule nun gemeinsam mit den Delmenhorster Grundschulen nutzen, um die Präventionsveranstaltungen passgenau auszurichten. So soll am Freitag, 22. November, ein „medienfreier Tag“ stattfinden. „An diesem Tag wollen wir die Familien aller Delmenhorster Grundschüler auffordern, auf die private Nutzung elektronischer Medien zu verzichten“, kündigt Berthold an.

Zudem ist im November eine Aktionswoche Medien an den Grundschulen geplant. Laut Schul-Sozialarbeiter Tobias Kanzok behandeln die Schulen in dieser Woche Themen rund um das Thema Internet. „Außerdem wollen wir Möglichkeiten alternativer Beschäftigung aufzeigen, wie zum Beispiel Gesellschaftsspiele – damit ohne Smartphone keine Langeweile entsteht“, sagt Kanzok. Gesellschaftsspiele würden leider immer mehr in Vergessenheit geraten, obwohl viele Kinder sie eigentlich lieben würden, erklärt Kanzok.

Stattfinden sollen ebenfalls mehrere lokale Elternabende zu Themen wie Gefahren des Medienkonsums, Sicherheit im Netz oder angesagte Videospiele wie Fortnite.

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