„Klang-Helden“ und „Klang-Ensemble“ aus Oldenburg geben ein phänomenales Konzert in Düsternort

Wenn die Engel singen

Delmenhorst. Die englische Küche steht in schlechtem Ruf. Die englische Musik stand immer wieder in dem Ruf, gar nicht vorhanden zu sein.
20.12.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Günter Matysiak

Delmenhorst. Die englische Küche steht in schlechtem Ruf. Die englische Musik stand immer wieder in dem Ruf, gar nicht vorhanden zu sein. Die Engländer selbst meinten, ihr Land wäre „ein Land ohne Musik“. Und wenn dann im Laufe der Musikgeschichte „die eigenen Leute“ mal wieder fehlten, musste man sich die Musiker importieren. So wurde Georg Friedrich Händel in England rasch zum „Mr. Haendel“, und auch Felix Mendelssohn Bartholdy wurde gern ins englische Musikleben integriert, nicht zuletzt auch, weil seine Musik wie die Händels dem Bedürfnis der Engländer nach einem populären, der Folklore nahen Tonfall, entgegenkam. Dieser Tonfall der englischen Musik hat sich bis in die Gegenwart erhalten.

Er prägte auch das Konzertprogramm „Britische Weihnacht“, mit dem die „Klang-Helden“, der Jugendchor am Oldenburgischen Staatstheater, gemeinsam mit dem Klang-Ensemble Oldenburg, dem dazugehörigen Chor aus Eltern und Freunden, am Sonntag in der vollbesetzten Kirche „Zu den Zwölf Aposteln“ auftraten. Die Leitung hatte Thomas Honickel, der auch am Klavier saß. Für seine Arbeit mit und für junge Leute wurde der Kapellmeister am Staatstheater Oldenburg zweimal mit einem „Echo Klassik“ ausgezeichnet. Dieses Programm war wunderbar geeignet für die Vorweihnachtszeit – und wenn das überschwängliche Bild gestattet ist: Man konnte in Düsternort die Engel singen hören.

Das Programm begann zum Eingang des Chores mit prachtvoller Orgelfestlichkeit und Bachs „Fantasie“ G-Dur mit Honickel an der Orgel. Dann sang der Chor „The very best time of the year“, ein Weihnachtslied von John Rutter, einem der meistaufgeführten Chorkomponisten. Der Chor sang diese wunderschöne Musik mit müheloser sängerischer Leichtheit, die Klanghomogenität innerhalb und zwischen den Stimmgruppen und die dynamische Beweglichkeit waren phänomenal. Da wurde Chorklang förmlich zelebriert, manchmal in jedem einzelnen Ton. Den Oboenpart dieses Satzes spielte Sarah Gärtner aus dem Chor mit großem, weichem Ton und spannungsvoller melodischer Gestaltung.

Variationen von „Ave Maria“

Dann folgten eine Reihe von „Ave-Maria“-Vertonungen, voller Chor-Innigkeit und wunderschöner Natürlichkeit gesungen. Da wurde sogar das von kritischen Geistern oft fast verteufelte „Ave Maria“ von Johann Sebastian Bach und Charles Gounod mit der Solistin Simone Hauburger mit jugendlich klarem, vibratolosem Sopran und zügiger Temponame jedem Kitschverdacht ferngehalten. Nach John Rutters Wiegenlied „Ave Maria“ voller süßer, chorisch lupenrein intonierter Harmonik war Laura Asche die Solistin in einem „Ave Maria“ nach dem berühmten „Intermezzo“ von Pietro Mascagni mit hochbeweglichem, strahlendem Sopran und lockeren Spitzentönen. Andrew Carters „A maiden most gentle“ repräsentierte perfekt den angesprochenen volksliedhaften Tonfall. Den haben ja auch so Sätze wie César Francks „Panis angelicus“, das mit den beiden Solosopränen Kaja Bultmann und Melody Wank voller vokaler Leichtheit und gänzlich unsentimental daherkam.

George Bizets „Agnus Dei“ nach einem Satz aus der „L'Arlésienne“-Suite zeigte sowohl diesen wunderbar schwebenden, tragfähigen Pianoklang als auch ein unangestrengtes, locker gesungenes Forte. Es war alles, was romantische Chormusik braucht: endlose, dichte Melodiebögen, weicher Klang, Innigkeit und Inständigkeit des Ausdrucks. Die vier Sätze von Felix Mendelssohn Bartholdy waren voller ausgewogener Klangbalance, weicher Einsätze und romantischer Klangsinnlichkeit. Etwa im streng-schönen „Abschied vom Walde“ oder im a cappella gesungenen Satz aus dem „Elias“. Ansonsten war das Klavier immer bereichernder Klang und orchestrale Stütze.

Nach der Pause gehörte das Programm den vermeintlich Großen der englischen Musikgeschichte: Edward Elgar aus der Spätromantik, Gustav Holst aus der klassischen Moderne und John Rutter noch einmal aus der populären Moderne. Elgars „Ave verum corpus“, vom „Klang-Ensemble“ allein gesungen, hatte auch diesen unangstrengten, feinen Chorklang. Die Kantate „The Snow“ auf einen Text von Alice Elgar zeigte den Gesamtchor wieder als einen in musikalische Ausdruckstiefen eindringenden Klangkörper voller gestalterischer Überlegenheit. Nach John Rutters „Nativity carol“ war seine Vertonung des Psalm 21 wirkungsvolle, auch dramatisch bewegte Neoromantik, auch was die Besetzung mit der Solo-Oboe (Sarah Gärtner) und dem Klavier anging.

Ein toller Chorabend

In Holsts „Christmas Day, Fantasy on Old Carols“ mit seiner kunstvollen und so transparent dargebotenen Verflechtung von fünf Weihnachtsliedern zeigte Leonard Steuber neben der schon erwähnten Simone Hauburger, dass auch die Männerstimmen zu den „Engelstimmen“ gehören. Die knappe, aber inhaltsreiche Moderation lag in den Händen von Malin Grahl und Constantin Firmbach aus dem Chor. Nach diesem tollen Abend gab es stehende Ovationen, Blumen, Präsente und als Zugaben den „Dezember“ aus Erich Krautmachers „Monatsliedern", mit Rutters „Look at the World“ einen veritablen Pop-Song und das „O du fröhliche“ – zum Mitsingen fast zu schade, weil man lieber dem Chor zuhörte.

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