Altenpflegekräfte in Delmenhorst Wenn kaum einer da ist, der helfen kann

In Delmenhorst fehlt es, wie in vielen Teilen Deutschlands, zunehmen an Fachkräften in der Altenpflege. Einige Auszubildende haben nun die Initiative ergriffen, um auf das Thema aufmerksam zu machen.
03.07.2018, 18:08
Lesedauer: 3 Min
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Wenn kaum einer da ist, der helfen kann
Von Esther Nöggerath

Ein älterer Mann mit Rollator sieht sich hilflos um, eine Frau im Rollstuhl ruft nach Unterstützung, weil sie es nicht alleine auf die Toilette schafft. Weil keiner kommt, der ihr unter die Arme greift, versucht sie es dann doch alleine – und stürzt. Die Pflegekräfte hetzen währenddessen gestresst von einem Ort zum nächsten, es fehlt an Zeit und auch an weiteren Kollegen. Die aktuelle Lage in der Altenpflege ist gravierend. Um auf das Thema aufmerksam zu machen und die Leute direkt vor Ort dafür zu sensibilisieren, haben vor Kurzem Schüler der evangelischen Altenpflege in Delmenhorst solche Szenen aus dem Berufsalltag in der Öffentlichkeit nachgestellt. "Wir steuern trotz Pflegereform auf einen Pflegenotstand zu", sagt Theodor Müller, stellvertretender Schulleiter der Altenpflegeschule, der die Idee zu dem Projekt hatte. "Wir wollen einfach deutlich machen, dass die Pfleger überlastet sind und dass das Thema alle etwas angeht." Denn schließlich wird jeder irgendwann alt und ist dann möglicherweise auch auf Hilfe angewiesen.

Rund 65 Schüler lernen derzeit an der evangelischen Altenpflegeschule, auch die kommende Klasse ist schon so gut wie voll. "Wir haben glücklicherweise keine Probleme, die Klassen zu besetzen", sagt Müller. Und die Schüler würden den Beruf gerne wählen. Aber sie wollen eben auch, dass sich etwas ändert, damit es für die Pfleger und auch die Pflegenden besser wird. "Es gibt nur wenig Pflegekräfte und die Situation ist so angespannt, dass es oft auch einen sehr hohen Krankenstand gibt", erklärt Müller.

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Ähnlich bewertet auch Silke Watzke die derzeitige Situation in der Altenpflege. "Das ist ganz klar eine ganz wichtige gesellschaftliche Aufgabe und ein Beruf, der mit Blick auf den demografischen Wandel auch einfach dringend benötigt wird", sagt die Leiterin des Instituts für Weiterbildung in der Kranken- & Altenpflege (IWK) in Delmenhorst. Der Fachkräftemangel sei enorm, auch wenn es seit der Ausbildungsinitiative vor fünf oder sechs Jahren einen Anstieg bei dem Ausbildungsberuf gegeben habe. "Seitdem sind die Zahlen etwa gleich gut geblieben, aber das reicht einfach nicht", sagt Watzke. Die Miesere dauere schon zu lange und die neuen Auszubildenden müssten nicht nur den steigenden Bedarf, sondern auch die normale Fluktuation durch altersbedingtes Ausscheiden ausgleichen. "Da hätte eigentlich viel früher etwas getan werden müssen", findet die Institutsleiterin.

Watze blickt auch sorgenvoll in die Zukunft und auf die neue generalistische Pflegeausbildung, die ab 2020 kommen soll. Dadurch soll es künftig nur noch eine gemeinsame Ausbildung, nicht mehr getrennt nach Kranken- oder Altenpflege geben. "Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, dass dadurch auch noch Ausbildungsplätze wegfallen, weil einige Einrichtungen vielleicht nicht den Sprung zur generalistischen Pflegeausbildung schaffen", befürchtet sie. Außerdem wäre es wichtig, dass trotzdem noch fachspezifische Inhalte erhalten bleiben, denn in der Altenpflege gebe es teils ganz andere Anforderungen. "Es wird notwendig sein, dass alle Partner, Krankenhäuser, Schulen und Heimeinrichtungen zusammenarbeiten, um die Ausbildung noch weiter auszubauen."

Den Fachkräftemangel im Pflegebereich merken auch die Jobvermittler. "Der Bedarf bei examinierten Altenpflegern ist sehr schwer zu decken", sagt Claudia Zimmermann, Pressesprecherin der auch für Delmenhorst zuständigen Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven. Deswegen wird auch gezielt versucht, Menschen für den Bereich umzuschulen. "Die Altenpflege gehört zu den Berufen, in denen wir in den letzten Jahren wohl mit am meisten Weiterbildungen vermittelt haben", berichtet Zimmermann. Altenpfleger sei auch ein Beruf, den man gut nach einer Pause im Berufsleben mit 40 oder 50 Jahren noch machen könne. "Gerade bei einem Wiedereinstieg nach einer Pflegezeit bietet sich das an", sagt Zimmermann. Wobei es letztendlich natürlich auch immer auf den einzelnen Kunden selbst ankomme.

Dass es an Altenpflegern fehlt, merkt man auch, wenn man sich die Stellenausschreibungen der Senioren- und Altenheime in Delmenhorst ansieht. Da gibt es kaum jemanden, der nicht sucht. Auch die private Residenz-Gruppe Seniorenresidenzen, die unter anderem das Haus am Park betreibt, merkt die derzeitige Lage am Markt. "Auch bei uns ist der Fachkräftemangel zu spüren", teilt Unternehmenssprecher Julian Valentino Schuschat mit. "Durch eine gute Atmosphäre innerhalb der Einrichtung haben wir jedoch keine so große Fluktuation und ein positives Arbeitsumfeld spricht sich herum, sodass wir offene Stellen schnell besetzen können."

Theodor Müller und seine Schüler jedenfalls wollen sich weiterhin dafür einsetzen, auf das Thema aufmerksam zu machen und für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Die Aktion in der Fußgängerzone wollen sie noch mal wiederholen, dieses mal dann eventuell in Bremen, um noch mehr Leute zu erreichen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

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