Ehe-Schlacht im Kleinen Haus

Wer hat Angst vor Virginia Woolf

1962 in New York uraufgeführt, wurde das Theaterstück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" so richtig bekannt durch die Verfilmung mit Liz Taylor und Richard Burton. Jetzt gab es eine mitreißende Aufführung im Kleinen Haus.
17.11.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Günter Matysiak
Wer hat Angst vor Virginia Woolf

Die furiose Eheschlacht endete in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" anrührend still.

INGO MOELLERS

1962 in New York uraufgeführt, wurde das Theaterstück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" so richtig bekannt durch die Verfilmung mit Liz Taylor und Richard Burton. Jetzt gab es eine mitreißende Aufführung im Kleinen Haus.

Die fabelhafte Leslie Malton, die all die oben genannten Eigenschaften mit feurigem Elan auf die Bühne bringt, geht gleich in die Vollen. Und sie hält dieses Hochdruckspiel durch bis zum anrührend stillen Ende. Was sich da auf der Bühne in einem lässig unordentlichen Wohnzimmer abspielt, ist kein Ehegeplänkel mehr, sondern eine mörderische Eheschlacht, neben der Strindbergs Ehedramen sich fast als Idyll ausnehmen. Martha demütigt George mit hemmungsloser Leidenschaft. George (Felix von Manteuffel), Geschichtsdozent von Schwiegervaters und damit des College-Dekans Gnaden, nimmt das kontrolliert hin, kontert aber auch bösartig, verletzend, lässt lauernd spüren, dass er noch etwas in der Hinterhand haben könnte.

Martha hat sich noch den neuen Biologieprofessor Nick (hinter Urs Stämpflis sportlicher Überlegenheit lauerten tausend Ängste) und dessen Frau Honey (in Judith Hoerschs blonder, immer kotzender Piepsmaus steckte eine zerbrechlich ernste Seele) als Publikum ihrer Schaukämpfe eingeladen. Martha und George nehmen Nick und Honey nicht nur als Zuschauer, sie ziehen beide in ihre Eheschlacht hinein. George entlockt Nick mit Heimtücke, dass er Honey nur wegen ihrer Schwangerschaft geheiratet hat, die sich dann aber als hysterische Scheinschwangerschaft herausstellte. Und George stellt Honey mit seinem Wissen verächtlich bloß.

Martha macht sich vor Georges Augen an Nick heran, hat in der Küche Sex mit ihm. George reagiert mit scheinbarem Desinteresse. Da zeigte Leslie Malton dann auch die Kunst der leisen Töne, ließ ihr stilles Erschrecken über Georges Verhalten spüren. Der bringt im dritten Akt das zerfetzende Seelengefecht zu seinem verhalten-dramatischen Ende. Nicht nur Honey und Nick haben ein Baby-Problem. Auch Martha und George haben ein Kind. Aber auch Marthas Sohn ist eine Illusion. George tötet den Sohn in einem imaginären Autounfall. Während Martha verzweifelt um ihren Sohn kämpft, die Wahrheit nicht wahrhaben will, spricht George die Worte des Requiems, der lateinischen Totenmesse.

Er hat sich und Martha von ihrer Lebenslüge befreit. Der stockende Schlussdialog zwischen Martha und George ist von berückender Schönheit und Zärtlichkeit. Martha: „Musstest du wirklich?“ George, nach einer Pause: “Ja“. Martha: „Ich bin nicht sicher …“ George: „Es war höchste Zeit“. Und dann legt George ihr ganz zart die Hand auf die Schulter, sie lässt den Kopf darauf sinken, und er singt ganz leise „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Und Martha sagt ganz leise und ängstlich: „Ich … George … ich … ich …“. So endet das Stück mit der auch im Programmheft formulierten Hoffnung, dass man als Paar aus der selbst bereiteten Hölle auch wieder heil herauskommen kann.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+