Christiane Liesmann aus Bassum hat ein Buch über ihre Geburtsstadt geschrieben und dabei eine emotionale Reise gemacht „Wir wurden als Pack beschimpft“

Bassum. Manchmal schließt sich ein Kreis erst sehr spät – erlebt hat das Christiane Liesmann aus Bassum. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in Pommern während des Zweiten Weltkrieges, dann folgten Angst, eine Flucht im Viehwaggon und ein Neuanfang in Bassum.
20.11.2015, 00:00
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„Wir wurden als Pack beschimpft“
Von Markus Tönnishoff

Manchmal schließt sich ein Kreis erst sehr spät – erlebt hat das Christiane Liesmann aus Bassum. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in Pommern während des Zweiten Weltkrieges, dann folgten Angst, eine Flucht im Viehwaggon und ein Neuanfang in Bassum. Vor einiger Zeit hat sie ihre alte Heimatstadt Stolp besucht, dort eine bewegende Begegnung gehabt, und nun ein Buch darüber geschrieben – ein Rendezvous mit der Kindheit.

Pommern, einst deutsch, heute polnisch. Deshalb heißt Stolp nicht mehr Stolp, sondern Slupsk. Im Jahr 2001 war Liesmann war das erste Mal dort, zehn Jahre später erneut. „Und das war die Initialzündung für das Buch“, sagt Liesmann. Denn bei dieser Fahrt entdeckte sie das Herz ihrer Kindheit wieder – ihr Geburtshaus. Da wollte sie gerne hinein, aber dort wohnen selbstredend Menschen, sodass man nicht einfach hineinspazieren kann. „Ich habe den Reiseleiter gebeten, auf Polnisch auf einen Zettel zu schreiben, dass ich mir nur gerne kurz die Wohnung ansehen möchte“, erinnert sie sich. Also klingelte Liesmann, und es öffnete eine junge Mutter. „Sie hat Deutsch gesprochen und mir die Wohnung gezeigt. Es war alles noch wie damals. Da habe ich geweint.“ Danach nahm sie die Stadt weiter unter die Lupe. „Ich habe alle Orte meiner Kindheit wiedergefunden“, freut sie sich.

Wieder zurück in Bassum ordnete sie ihre Gedanken und Erinnerungen, dann wurde der Computer eingeschaltet, ihr Buch sollte entstehen. „Nach dem Krieg haben mir viele Menschen von Stolp erzählt“, erklärt Liesmann. Diese Erzählungen vermengte sie mit ihren eigenen Erinnerungen und brachte sie zu Papier. Herausgekommen ist eine Geschichte der Stadt, aber auch eine Familiengeschichte. Liesmann schildert die Entstehung von Stolp, das Leben in der Stadt und die Kriegszeit, aber auch Stationen im Familienleben, die Einschulung, eine Typhuserkrankung der Mutter und die Badeurlaube im Sommer an der Ostsee. „Die Ostsee ist bis heute eine Heimat für mich.“

Doch auch das Ende einer schönen frühen Kindheit in Stolp behandelt Liesmann. „1944 mussten wir fliehen, wir vier Kinder und unsere Mutter“, erzählt sie. In der Nähe lag die Wilhelm Gustloff, ein Kreuzfahrtschiff, das nun Flüchtlinge in den Westen bringen sollte. „Auch wir sollten auf das Schiff.“ Doch es gab keinen Platz mehr. Eine glückliche Fügung für die Familie, denn es war die letzte Fahrt der Gustloff: In Höhe von Stolpemünde schoss ein sowjetisches U-Boot mehrere Torpedos auf das Schiff, drei von ihnen trafen, nach etwa einer Stunde war die Gustloff gesunken, rund 9000 Menschen nahm sie mit in ihr nasses Grab. „Gut, dass wir keinen Platz mehr auf dem Schiff bekommen haben“, sagt Liesmann.

Stattdessen gelang es der Familie, mit dem letzten Zug aus Stolp herauszukommen und Lütjendorf, einen Ort in Mecklenburg-Vorpommern, zu erreichen. Später, dann bereits in Celle, stieß der Vater wieder zur Familie, er war aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden. 1946 wurde die Familie nach Bassum gebracht. „In einem offenen Lkw“, wie sich Liesmann erinnert.

In der Lindenstadt sollte die Familie in eine Wohnung an der Bremer Straße untergebracht werden. „Aber die Besitzerin sagte, dass sie so eine große Familie nicht im Haus haben wolle.“ Also ging es zunächst in das Hotel Stadt Bremen, ebenfalls an der Bremer Straße. „Wir Flüchtlinge wurden als Pack beschimpft, niemand wollte uns haben“, sagt Liesmann.

Das Leben nahm seinen weiteren Gang – und wurde sogar besser. Ihr Vater eröffnete ein Papierwarengeschäft. „Als die Leute erkannten, dass die Flüchtlinge durch ihren Fleiß Leben in die Gemeinschaft brachten, wurden wir anerkannt. Aber das hat gedauert“, erklärt Liesmann.

Mittlerweile ist Bassum Liesmanns Heimat geworden – eine Heimat, mit deren Geschichte sich sehr beschäftigt hat. Fünf Bücher verfasste sie über die vergangenen Zeiten in der Lindenstadt, aber ihr jetziges liegt ihr besonders am Herzen. Das Buch stelle eine emotionale Reise in die Kindheit dar. „Und die möchte ich allen Menschen vermitteln, die damals ein ähnliches Schicksal erlebt haben – und ich möchte die jetzige Generation etwas zum Nachdenken anregen. Die heutigen Flüchtlinge erleben das gleiche, was wir damals erlebt haben.“

Das Buch „Stolp“ hat 218 Seiten und ist mit historischen und aktuellen Fotos bebildert. Zu bekommen ist es bei Liesmann, die unter der Telefonnummer 04 21 / 15 07 erreichbar ist. Beim Bassumer Advent am 28. und 29. November will Liesmann ihr Buch auch anbieten.

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