Gastarbeiter der ersten Generation Zurück in die Vergangenheit

33 ehemalige türkische Gastarbeiter besuchten das Fabrikmuseum, sprachen über ihre Zeit auf der Nordwolle und bekamen einen Überblick über die Historie ihres Ex-Arbeitgebers.
03.03.2019, 18:02
Lesedauer: 2 Min
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Von Nico Brunetti

Delmenhorst. Bei Güral Atsiz kommt Freude auf. Die Überraschung, die der Sohn für seinen Vater vorbereitet hatte, ist geglückt. Mit dem Besuch im Fabrikmuseum auf dem Nordwolle-Gelände in Delmenhorst konnte er besondere Gefühle im 72-jährigen Ibrahim Atsiz hervorrufen: Dieser arbeitete von 1973 bis 1977 auf der Nordwolle. „Er lebt das gerade: Er ist voller Adrenalin, sein Herz schlägt schneller, er erinnert sich an die alte Zeit“, beschrieb sein 50 Jahre alter Sohn, der in Delmenhorst im Integrationsbeirat sitzt. Er sowie sein Vater folgten damit am Freitag dem Ruf der islamischen Gemeinden Mevlana und Ditib. Und damit waren sie nicht alleine. Weitere 32 ehemalige türkische Gastarbeiter der ersten Generation aus den 1960er- und 1970er-Jahren fanden sich anlässlich der Einladung im Fabrikmuseum ein.

„Das zeugt von Interesse“, zeigte sich der Museumsleiter Carsten Jöhnk zufrieden. Er führte die Gruppe bei ihrer Zusammenkunft durch die verschiedenen Räumlichkeiten und verschaffte ihnen in mehreren Etappen einen Überblick über die Geschichte der Nordwolle. Sofort erkannte die Masse der türkischen Belegschaft dabei einige der Maschinen wieder. Auch das Gerät von Ibrahim Atsiz steht im Fabrikmuseum: die Ringspinnmaschine. „Das ist ja mein Arbeitsplatz“, sagte er aufgeregt auf Türkisch zu seinem Sohn. Seine Tätigkeit bestand im Wesentlichen darin, die Maschine kontinuierlich zu überwachen und Störungen im Spinnvorgang frühzeitig zu erkennen und schnell zu beheben. Neben einem aufmerksamen Auge war hier insbesondere die Geschicklichkeit der Hände gefragt. Hier engagierte er sich als Vorarbeiter.

Für Ibrahim Atsiz war es damals ein großer Schritt die Türkei zu verlassen. Denn eigentlich führte er ein funktionierendes Restaurant in Malatya, wo er zwölf Mitarbeiter beschäftigte. Als sich dann jedoch die Chance bot, nach Deutschland zu kommen, musste er nicht lange überlegen. „Das ist ein europäisches Land. Da hat man viele Möglichkeiten und kann seinen Kindern etwas bieten“, übersetzte sein 50-jähriger Sohn die Worte seines Vaters. Wenn Ibrahim Atsiz darüber nachdenkt, dann würde er die gleiche Entscheidung erneut treffen. „Er hat alles richtig gemacht“, übersetzte Güral Atsiz.

Im Hinblick auf seine Beweggründe unterscheidet sich Atsiz von den anderen ehemaligen türkischen Gastarbeitern. „Die meisten sind wegen der finanziellen Not nach Deutschland gegangen“, berichtete Ahmet Arslan, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit der Mevlana Gemeinde. Nach ihrer Ankunft ging damals auch alles ganz schnell, wie Arslan auf Nachfrage von der Gruppe erfährt. Vom Bahnhof ging es direkt in die Fabrik. Dort bekamen sie Arbeitsklamotten und einen Vorschuss, mit dem die Erstbestückung der Wohnung erfolgen konnte. Das Gehalt lag zwischen 400 und 800 D-Mark, die Miete kostete zwischen 35 und 50 D-Mark. Um für den Job in Deutschland ausgewählt zu werden, mussten die ehemaligen türkischen Gastarbeiter kerngesund sein. Dies sei ein entscheidendes Kriterium bei der Vorauswahl durch die Arbeitsämter in der Türkei gewesen. Qualifikationen seien damals dagegen nicht wichtig gewesen. Viele sollen die Tätigkeit auf der Nordwolle ohne jegliche Kenntnisse über die Maschinen begonnen haben.

Von Jöhnk erhielten die ehemaligen türkischen Gastarbeiter einen freundlichen Empfang. „Sie kennen den Ort besser als ich. Für uns ist es etwas Besonderes, dass sie hier sind“, lauteten seine ersten gesprochenen Sätze in Richtung der türkischen Belegschaft. Das 1996 eröffnete Museum möchte vom Dasein von Atsiz & Co. profitieren. „Wir erhoffen uns von ihnen Material zur Dokumentation der Historie und Themen für die Dauerausstellung. Sie sind Zeitzeugen, zu denen wir den Kontakt aufrechterhalten wollen“, sagte der Museumsleiter.

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