"Des Teufels General" im Kleinen Haus

Zwiespältige Inszenierung

Carl Zuckmayers Drama „Des Teufels General“ lief am vergangenen Montag im Kleinen Haus in Delmenhorst. Vor einem bemerkenswert jungen Publikum.
24.02.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Günter Matysiak

Angesichts immer gewaltbereiterer Neonazis muss sich auch das Theater einmischen. Das geht auch mit Stücken, die unsere schlimme Vergangenheit zum Thema haben. Da war in der vergangenen Saison Falladas „Jeder stirbt für sich allein“, das war in der laufenden Saison ein bisschen auch Grass’ „Die Blechtrommel“, das war aktuell Carl Zuckmayers Drama „Des Teufels General“.

Es lief am Montag im ausverkauften Kleinen Haus vor bemerkenswert viel jungem Publikum in einer Produktion der Konzertdirektion Landgraf. Inszeniert hatte es tourneetheatergerecht Klaus Kusenberg, der auch Generalintendant des Staatstheaters Nürnberg ist.

General Harras, hochdekorierter Kampfflieger im Ersten und Zweiten Weltkrieg (das Stück spielt 1941), tritt auf, seine Entourage folgt ihm etwas später. Einen ganzen ersten Akt wendet sich Gerd Silberbauer mit schnarrend schneidiger Jovialität und noch im intimen Dialog mit lauter Stimme seinen Leuten zu – den Menschen, die von ihm als „Zentrum des Geschehens“ abhängig sind, egal, ob als Freund, ob als Feind, in Liebe oder Hass.

Zu den Leuten, die im ersten Akt, quasi als handelnde „dramatis personae“ eingeführt werden, gehören etwa Friedrich Eilers, Fliegeroberst, den Thorsten Nindel mit tiefem Ernst in seinen Zweifeln am Töten darstellt. Seine Ehefrau Anne (streng liebevoll: Marsha Zimmermann) heißt diese Zweifel nicht gut, sie glaubt von Herzen und Gesinnung an den Sieg. Das tut mit machtbewusster Überlegenheit und zynischer Herablassung auch Markus Fisher als NS-Kulturleiter und strammer Nazi Dr. Schmidt-Lausitz, Gegenspieler des General Harras.

Unter den hinzukommenden Damen ist Martina Dähne zu nennen, die sich als Pützchen von der schnoddrigen Göre zur scharfen Nazi-Schnepfe wandelt, die Harras für ihre Sache (politisch und erotisch) „rumkriegen“ will. Aber ihm ist ihre „Uniform“ zu braun. Die Uniform-Frage hat Franziska Isensee unverfänglich gelöst mit Pseudo-Uniformen, mit Lederjacken zum Frackhemd und Stiefeln.

Der Marschbefehl gen Osten für die anwesenden Militärs tötet die feuchtfröhliche Feierstimmung, in der Harras gerne spöttische Sprüche gegen die Nazis losließ, auch in Gegenwart von Schmidt-Lausitz. Der lange erste Akt wirkte durch Gerd Silberbauers laustarke Bühnenpräsenz und durch ein rasantes Tempo, das allerdings für feinere Emotionalität wenig Raum ließ.

Den zweiten und dritten Akt fasste die Inszenierung zusammen. Als General Harras sich in die blutjunge Diddo (zart und leidenschaftlich: Elisabeth Halikiopoulos) verliebte, legte er fast seine Schneidigkeit ab. Er, der inzwischen wegen Sabotageverdachts einige Tage Gestapo-Haft hinter sich hatte, verlor seine Heldenpose, als er sich verzweifelt seine Angst eingestand. Realistische Angstgefühle bereitete die Inszenierung dem Publikum mit einer Propellermaschine auf der Bühne, die mit viel in den Saal gewirbeltem Kunstnebel und Lärm einen britischen Luftangriff imitierte.

Als Harras’ Mitarbeiter Oderbruch (ein stiller Held ohne Selbstzweifel) ihm die Sabotage an den Flugzeugen gestand, blieb für Harras nur der Fliegertod. Er stürzte sich mit einer sabotierten Maschine in den Tod. Das hört sich auf dem Theater gut an, ist aber letztlich Helden-Blabla, wie vieles von Harras Gerede.

Das Stück bleibt auch in dieser Inszenierung zwiespältig. Einerseits sagte Harras den Satz: „Das Gemeine zulassen ist schlimmer, als es zu tun.“ Andererseits war er jemand, der sowohl das Gemeine zuließ und davon profitierte, als auch als aktiver Soldat das Gemeine tat.

Zuckmayer wollte kein kritisches politisches Essay schreiben, sondern „ein Drama, das Lebensdeutung versucht“ über Menschen, „die leiden und handeln, ihren Weg suchen oder ihn verfehlen“, wie er selbst einmal sagte. Das darzustellen, ohne Lösungen parat zu haben, ist der Inszenierung auch gelungen. Dafür gab es großen Beifall.

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