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Anonymität im Wandel der Zeiten

Jürgen Wendler 18.12.2015 0 Kommentare

Protesters hold up their Guy Fawkes masks on the Liberty Bridge, during a demonstration by supporters of the Anonymous m
Teilnehmer einer Demonstration in Budapest mit Guy-Fawkes-Masken. Dieser Ausdruck erinnert an einen katholischen Offizier, der 1605 das englische Parlament sprengen wollte. Grund war die Verfolgung von Katholiken. Guy-Fawkes-Masken sind zu einem Symbol für den Gedanken des Widerstands geworden. Sie tauchten bei Demonstrationen gegen Scientology ebenso auf wie bei Kundgebungen, die sich gegen die Macht der Finanzindustrie richteten. (© Bernadett Szabo / Reuters, REUTERS)

Manche sprechen gar bereits vom Ende der Anonymität. Die Professorin Michi Knecht von der Universität Bremen, die sich als Ethnologin mit der Erforschung von Kulturen befasst, zählt nicht dazu. Sie sieht zwar Umbrüche, vermutet aber, dass Anonymität Menschen auch in Zukunft wichtig sein wird. Was genau mit ihr in modernen Gesellschaften geschieht, wird sie in den nächsten drei Jahren gemeinsam mit Mitarbeitern und Kollegen der Universitäten Hamburg und Lüneburg untersuchen. Das Forschungsprojekt wird von der Volkswagenstiftung gefördert.

Selbstdarstellung im Internet

Der Begriff Anonymität geht auf ein griechisches Wort mit der Bedeutung ohne Namen zurück. Wenn jemand anonym bleibt, ist es nicht möglich, ihn einer bestimmten Handlung zuzuordnen. Manche Menschen legen allerdings besonderen Wert darauf, nicht anonym zu bleiben, etwa, wenn sie im Internet oder anderswo über sich und ihre Ansichten informieren. Menschen gleichgültig zu begegnen, die sich auf diese Weise offen zu sich selbst bekennen, fällt schwer. Diese Wirkung der Selbstdarstellung ist häufig gewollt. Gleichgültigkeit anderer gehört zu den Dingen, die viele besonders fürchten. Die oft erwähnte Anonymität der Großstädte kann als Segen erscheinen, aber auch als Gefahr, besonders dann, wenn einzelnen Menschen die Vereinsamung droht.

In früheren Zeiten hatten es Bewohner von Städten schon deshalb schwerer, anonym zu bleiben, weil diese deutlich kleiner waren. Bremen zum Beispiel zählte im 13. Jahrhundert etwa 10 000 bis 15 000 Einwohner. Mitte des 18. Jahrhunderts waren es rund 28 000. Einzelne waren in der Regel eng an andere gebunden, so beispielsweise dadurch, dass sie einer Zunft angehörten, einem Zusammenschluss von Handwerkern eines Gewerbes. Ab dem 12. Jahrhundert war es allgemein üblich, dass sich in Städten Zünfte bildeten. Ihr Ziel bestand darin, die Mitglieder wirtschaftlich abzusichern. Zunftordnungen legten unter anderem die Preise, die Qualität und die Menge der herzustellenden Waren, die Zahl der Lehrlinge und Gesellen sowie den Lohn und die Arbeitszeit fest. Es war üblich, dass Gesellen nicht allein lebten, sondern in den Haushalten ihrer Meister.

Die Praxis, in der Familie vor allem die kleine Einheit aus Eltern und ihren Kindern zu sehen, gibt es erst seit ein paar Jahrhunderten. Das Wort Familie geht auf den lateinischen Begriff „familia“ zurück. Im Mittelalter bezeichnete dieser nicht etwa die Gemeinschaft der Blutsverwandten, sondern schloss zum Beispiel im Falle adliger Grundherrn auch die von ihnen abhängigen Bauern und Handwerker mit ein. Man lebte und arbeitete gewöhnlich zusammen, im Hause des städtischen Handwerksmeisters ebenso wie in dem des Kaufmanns.

In Gruppen eingebunden

Ein Geschichtswissenschaftler hat es so auf den Punkt gebracht: „Der Einzelne lebte nicht allein, sondern im Verband.“ Und dass dieser mehr galt als der Einzelne, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass viele, die Wichtiges leisteten, weitgehend anonym blieben: Autoren, Gelehrte, Kanzleischreiber oder auch Architekten. Diese Anonymität war allerdings nicht bewusst gewählt, sondern ergab sich aus der Vorstellungswelt jener Zeit, in der das Individuelle nicht den Stellenwert besaß, der ihm heute zugeschrieben wird.

Masken schaffen Freiheit

Wie Michi Knecht erklärt, ist Anonymität, wie sie heute verstanden wird, ein Ergebnis der Aufklärung, das heißt der Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts, als europäische Gelehrte sich dafür stark machten, in der Vernunft und nicht etwa in kirchlichen Lehren das einzige Mittel zu sehen, um die Welt zu durchschauen. An Bedeutung gewann damals auch die Vorstellung, dass alle Menschen von Natur aus mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet seien, etwa dem Recht auf Leben und Freiheit. Anonymität kann dazu dienen, die Freiheit des Einzelnen zu schützen, so zum Beispiel, wenn er bei einer Wahl eine bestimmte Entscheidung trifft. Wer dabei anonym bleiben kann, seine Entscheidung also nicht mit seinem Namen versehen muss, muss nicht damit rechnen, dafür verfolgt zu werden. In früheren Jahrhunderten, so sagt die Bremer Kulturwissenschaftlerin, seien Autoren von Büchern oftmals anonym geblieben, um vor Verfolgung geschützt zu sein.

Ein uraltes Mittel, um Anonymität zu sichern, ist die Maske. In adeligen Kreisen war es schon vor Jahrhunderten üblich, Maskenbälle zu veranstalten. Sie boten die Möglichkeit, die herrschende Ordnung für kurze Zeit außer Kraft zu setzen und in eine andere Rolle zu schlüpfen. Der Ausdruck Maske wird auf das italienische „maschera“ und ein ähnlich klingendes arabisches Wort für Verspottung beziehungsweise Possenreißer zurückgeführt. Der Karneval, die Praxis, vor Beginn der Fastenzeit ausgiebig zu feiern, ist im christlichen Abendland bereits für das 13. Jahrhundert belegt. Schon im Mittelalter bestand der Karneval nicht nur aus Festlichkeiten, Gelagen und Vergnügungen, sondern unter anderem auch aus Maskeraden. Damals kam es durchaus vor, dass kirchliche Praktiken verspottet wurden.

In der Maske nur ein Mittel zu sehen, um anonym zu bleiben, wäre allerdings falsch. Masken waren im Laufe der Geschichte nicht zuletzt im Zusammenhang mit magischen Praktiken von Bedeutung und dienten zum Erschrecken von Feinden, zur Erinnerung an die Toten beziehungsweise zur Verehrung der Ahnen, zur Darstellung von Geistern und personifizierten Kräften. Schon in der altsteinzeitlichen Kunst finden sich Darstellungen von Menschen mit Tiermasken. Auch Totenmasken waren früh verbreitet, in Ägypten ebenso wie in den alten Hochkulturen Amerikas. In Europa wurden Totenmasken aus Gold und Bronze in bronzezeitlichen Gräbern entdeckt, so beispielsweise in Mykene. Totenmasken aus Gips- oder Kaolinmasse – um ein weiteres Beispiel zu nennen – fanden sich in großer Zahl in frühgeschichtlichen Gräbern in Sibirien.

Vielschichtiges Phänomen

Im antiken Griechenland wurden Masken bei Initiationsriten getragen, und in Rom war es bei den vornehmen Familien üblich, wächserne Masken der Ahnen aufzubewahren. Im Theater dienen Masken von jeher dazu, Gefühle besser zu veranschaulichen und bestimmte Typen darzustellen. In außereuropäischen Kulturen, etwa in Afrika und Ozeanien, wurden Masken unter anderem bei Fruchtbarkeitsritualen und Zeremonien getragen, bei denen es darum ging, Bezüge zur mythischen Geschichte herzustellen.

Warum sich Anonymität heute im Alltag von Menschen als vielschichtiges Phänomen darstellt, veranschaulicht Michi Knecht mit einer ganzen Reihe von Beispielen. Ein Interesse, nicht identifiziert zu werden, haben nicht nur Menschen, die sich im Internet frei und unbeobachtet bewegen möchten oder an Demonstrationen teilnehmen, sondern zum Beispiel auch Eizellen- und Samenspender. Die Bremer Wissenschaftlerin hat sich in den vergangenen Jahren unter anderem mit Reproduktionstechnologien, also dem Einsatz moderner medizinischer Verfahren auf dem Gebiet der Fortpflanzung, befasst und dabei international einen Wandel beobachtet. „Spenderkinder organisieren sich und machen Politik gegen die Anonymität“, sagt die Professorin.

Moderne Gemeinschaftsgüter

Was sich hinter diesem Verhalten verbirgt, verdeutlichen diese Sätze auf der Internetseite des Vereins Spenderkinder: „Die Sicht der betroffenen Kinder wird oft vernachlässigt, da sie im öffentlichen Bild vor allem als niedliche Babys vorkommen, die von Erwachsenen mit unerfülltem Kinderwunsch sehnlichst gewollt sind. Alles technisch Machbare scheint gerechtfertigt, um diesen Wunsch zu erfüllen. Ähnlich wie auch adoptierte Menschen haben über 80 Prozent der aufgeklärten Spenderkinder ein Bedürfnis zu erfahren, wer ihr biologischer Vater ist.“

Die Vielschichtigkeit des Phänomens der Anonymität zeigt sich laut Michi Knecht auch bei anonymen Selbsthilfegruppen und bei der Entwicklung frei zugänglicher Software. Die Selbsthilfegruppen garantierten eine Anonymität in Teilbereichen. Während die Gruppenmitglieder bei den Treffen einerseits vieles von sich preisgäben, blieben andere Teile ihrer Identität verborgen, etwa ihr Name und die Rollen, die sie im Alltag ausfüllten. Im Internet, so erklärt die Kulturwissenschaftlerin weiter, seien anonyme Verfahren der Zusammenarbeit gang und gäbe. So schüfen Softwareentwickler gemeinsam Werte – unter Umständen, ohne sich jemals von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Letztlich entstünden Gemeinschaftsgüter, und diese stünden in einem Spannungsverhältnis zum Privateigentum.

Ständiges Vernetzen wird zur Last

Nach den Worten der Professorin werfen solche und vergleichbare Praktiken sowie andere Zeiterscheinungen, bei denen Anonymität eine Rolle spielt, viele Fragen auf. Einzelne müssten sich fragen, wann sie anonym bleiben wollten, und die Gesellschaft müsse klären, wie sich Anonymität sichern lasse. Ziel des Forschungsprojekts sei es, zu einem allgemeinen Verständnis des Phänomens der Anonymität zu gelangen. Geklärt werden müsse unter anderem, was Anonymität bedrohe und wo Anonymität Gefahren berge.

Gegen die These vom Ende der Anonymität spricht nach den Worten von Michi Knecht unter anderem, dass es inzwischen mehr Jugendliche gibt, die bewusst auf die Kommunikation mit dem Smartphone verzichten und stattdessen die persönliche Begegnung suchen. Ein neues Schlagwort, das zuletzt an Bedeutung gewonnen habe, laute Entnetzung. Auch dabei mache sich ein Bedürfnis nach Anonymität bemerkbar. Der Soziologie-Professor Urs Stäheli von der Universität Hamburg hat darauf hingewiesen, dass heutige Menschen ständig „Vernetzungsaufforderungen“ ausgesetzt seien. Ob in Unternehmen oder bei der Nutzung sozialer Medien: Stets werde die Forderung erhoben, sich zu vernetzen. Ständig offen für andere und erreichbar sein zu müssen führe jedoch zur Ermüdung und Erschöpfung. Die Lösung bestehe darin, sich von dem Druck zu entlasten und zurückzuziehen – zumindest für eine gewisse Zeit.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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