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Bausenator Joachim Lohse im Interview
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„Es tut sich was in der Stadt“

Pascal Faltermann 24.02.2017 0 Kommentare

Reihenhäusern in den zentrumsnahen Stadtteilen sind unter Bremern sehr beliebt.
Reihenhäusern in den zentrumsnahen Stadtteilen sind unter Bremern sehr beliebt. (Christina Kuhaupt)

Miete oder Eigentum, günstig oder teuer? Was meinen Sie, wie wohnen die Bremer?

Joachim Lohse: Es gibt zwei typische Wohnweisen in Bremen. Die eine ist der Geschosswohnungsbau, den die Gewoba und andere ehemals gemeinnützige Genossenschaften wie die Brebau oder weitere, mittlerweile von der Vonovia übernommenen Firmen halten – das sind mehrere zehntausend Wohnungen. Das zweite prägende Beispiel sind die Reihenhäuser in den zentrumsnahen Stadtteilen, die ja sogar in der Architektur als „Bremer Haus“ einen eigenen Begriff bekommen haben. Weil es sehr typisch und stadtbildprägend ist. Darunter gibt es viele Einzeleigentümer, also eine sehr heterogene Landschaft, was eine Qualität aufzeigt, weil viele im Eigentum wohnen. Viel davon wird aber von den Einzelnen vermietet.  

Warum ist der Wohnraum in Bremen eigentlich so knapp?

Die Verknappung des Wohnraums in Großstädten entsteht hauptsächlich dadurch, dass die Menschen immer mehr Quadratmeter in Anspruch nehmen und erst danach, weil Menschen dazugekommen sind. Das liegt an der Versinglelung der Gesellschaft. Wir haben eine Single-Rate auf dem Bremer Immobilienmarkt von etwa 52 Prozent. Das ist bundesweit spitze. Aber auch ein Single braucht Nebenräume wie Küche und Bad. Hinzu kommt, dass teilweise ältere Singles oder Paare in großen Häusern günstig leben, weil sie abbezahlt und die Kinder aus dem Haus sind.

Und was tut die Politik gegen die Wohnungsknappheit?

2011 haben wir uns im Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, dass bis 2020 jährlich 1400 Wohnungen entstehen sollen. Davor lag die Anzahl bei 700 bis 800 Wohnungen pro Jahr. Politisch gewollt war also fast eine Verdopplung. Der Senat hat seit 2012 gehandelt: Wir haben drei Wohnraumförderprogramme aufgelegt, jeweils mit einem Volumen von 40 Millionen Euro. Damit verbunden wurde die Sozialwohnungsquote von 25 Prozent bei größeren Wohnbauprojekten. Dadurch haben wir das Angebot im niedrigpreisigen Segment vergrößert, wo es einen hohen Bedarf in Bremen gibt. 

Bremische Bürgerschaft - HdB - Fragestunde - Senator Joachim Lohse
Bausenator Joachim Lohse will in Bremen mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen und hat dafür drei Wohnraumförderprogramme auf den Weg gebracht. (Frank Thomas Koch)

Aber hat das die gewünschte Wirkung auf den Wohnungsmarkt erzielt?

Man muss dazu sagen, dass nicht der Staat in Bremen baut, sondern private Investoren. Bremen muss für die Rahmenbedingungen sorgen. Wir müssen unser Handeln also daran messen, ob ausreichend Bauanträge gestellt und ausreichend Baugenehmigungen erteilt werden. Seit 2013 liegen wir oberhalb der Zielzahl von 1400 genehmigten Wohnungen. In den vergangenen beiden Jahren waren es sogar durchschnittlich 2000 genehmigte Wohneinheiten. Im Moment hinken die Fertigstellungen allerdings deutlich hinterher. Wir prüfen gerade vermehrt, woran das liegt. Das ist dringend notwendig, da es nicht sein kann, dass allein die Baubehörde kritisiert wird, wenn im Einzelfall die drei Monate für eine Baugenehmigung nicht eingehalten werden, es aber anschließend mehr als drei Jahre oder länger dauert, bis die Wohnung tatsächlich fertig wird.

Woran liegt das?

Das werden wir uns anschauen. Die geförderten Projekte verfolgen wir sehr genau, da wir auch mit den Investoren und Bauherren sprechen, wie die Wohnungen beschaffen sind. Da sind wir nah dran und sehen auch, wie die Fördergelder nach Baufortschritt abgerufen werden. Die Hälfte der Baugenehmigungen wird aber erteilt in anderen Projekten, was Nischenprojekte, Baulücken, Hintergrundstücke und dergleichen sind. Das ist sehr viel unübersichtlicher. Ich bin derzeit dabei zu recherchieren, in welchem Typus von Bauvorhaben eigentlich die langen Verzögerungen sind. Manchmal streitet man sich zum Beispiel um Erschließungsfragen.

Gibt es in Bremen überhaupt genügend Bauflächen?

Wir entwickeln zusätzliche Flächen. Die Frage stellt sich immer wieder, wie die Diskussionen um die Osterholzer Feldmarkt oder das Gebiet in der Ochtum-Niederung bei Brokhuchting zeigen. Wir können nachweisen, obwohl wir sehr viel bauen, dass die ausgewiesenen Flächen nicht weniger geworden sind. Es kommen immer wieder neue Flächen ins Visier. Das jüngste Beispiel ist das Kellogg-Gelände, wo jetzt eine Entwicklung stattfinden wird, da Kellogg perspektivisch den Standort verlassen wird. Wir sprechen aber auch über das Klinikum-Mitte, wo die Konzeption schon sehr weit gediehen ist, die Gartenstadt Werdersee, auch in der Überseestadt haben wir viele Flächen, wo zum Teil wie an der Marcuskaje auch die Wohnungen schon stehen. Weitere Beispiele sind der Büropark Oberneuland, der Ellener Hof, das Coca-Cola- und Könecke-Gelände oder die Galopprennbahn. Wir merken, es tut sich was in der Stadt. Und an verschiedenen Stellen gibt es Entwicklungen, durch die dann auch Wohnbebauung im Innenbereich möglich ist.

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Und wie geht es in der Zukunft weiter?

Wir haben wir uns zum Ziel gesetzt, dass Bremen nach innen wachsen soll. Das geht, weil Bremen ungefähr 30 Prozent dünner besiedelt ist als jede vergleichbare Großstadt in Deutschland. Pro Einwohner haben wir also 30 Prozent mehr Fläche. Das heißt aber auch, dass unsere Straßen und Versorgungsleitungen 30 Prozent teurer sind. Die nutzen wir nicht so effektiv wie andere Städte. Das intensivieren wir und es wird am Ende der Wirtschaftlichkeit und damit auch den Mietnebenkosten zu Gute kommen.

Also geht es nur noch in die Höhe?

Das ist die Frage. Bauen in die Höhe ist in Bremen ein spezielles Thema, was die Menschen nicht so gewohnt sind. Ab drei Etagen wird hier gerne mal vom Hochhaus gesprochen. Ich glaube, es würde Bremen guttun, wenn man an einigen Stellen etwas mutiger auch in die Höhe bauen würde. Wir müssen uns entscheiden: Wenn wir in der Fläche nicht nach Außen bauen können, wenn wir Sorge haben, nach innen zu viele Freiflächen zu bebauen und in die Höhe wollen wir auch nicht, können wir nur noch zum Erdmittelpunkt bauen. Doch das ist überhaupt nicht überzeugend. Man muss sich entscheiden, in welche Richtung man wachsen will.

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Es wurde viel im sozialen Wohnungsbau und im hochpreisigen Segment gebaut. Aber wie schaffen Sie ein gutes und ausreichendes Wohnungsangebot für alle Bevölkerungsschichten? Für die Normalverdiener und Familien?

Es ist immer eine Frage des Vergleichsmaßstabs. Es ist richtig, dass wir viel für den Sozialwohnungsbau gemacht haben. Das ist auch gut und richtig. Das, was hier als hochpreisig gilt, gilt in Hamburg oder München als ein moderates Mietniveau. Noch sind die Mieten zum Glück noch nicht so hoch wie in Hamburg, München, Köln oder Düsseldorf. Aber wir müssen zugeben, dass die Mieten in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. Das ist etwas, was wir bremsen wollen. Eine wichtige Rolle dabei übernimmt die Gewoba mit rund 35 000 Wohnungen in Bremen. Also jede siebte Wohnung in Bremen ist eine Gewoba-Wohnung, die haben bis heute einen durchschnittlichen Quadratmeterpreis von unter sechs Euro. Es gibt also ein vergleichsweise gutes Bestandsangebot. Im übrigen Markt ist der Preis gut einen Euro höher.

Das Interview führte Pascal Faltermann

Joachim Lohse ist seit Sommer 2011 Senator für Umwelt, Bau und Verkehr. Der 58-jährige Politiker der Grünen will in Bremen mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen und hat dafür drei Wohnraumförderprogramme auf den Weg gebracht.

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Leserkommentare
peteris am 21.10.2019 12:30
Vielleicht wissen wir am 1.11. um 11:11h mehr.


Sie meinen sicher den 11.11. um 11:11h?
suziwolf am 21.10.2019 12:19
Und dann ... @kretschmar -
[auch wieder] eine gemeinsame Währung -

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