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Frohe Botschaft für die Erde

Martin Wein 23.09.2016 3 Kommentare

Die Erde wird so schnell nicht untergehen: Blick aus der internationalen Raumstation ISS auf den Mittelmeerraum mit Frankreich und Italien sowie die Alpen. 
Die Erde wird so schnell nicht untergehen: Blick aus der internationalen Raumstation ISS auf den Mittelmeerraum mit Frankreich und Italien sowie die Alpen.  (Reuters)

Neulich haben Freunde „den Bund fürs Leben geschlossen“. Weißes Kleid, rote Rosen und ein Ring „sie zu knechten (. . .), ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“ – nein, das war ein anderer Film. Jedenfalls lassen die Leute einfach nicht davon ab, an eine gemeinsame Zukunft bis ans Ende ihrer Tage zu glauben. Dabei spricht die Statistik dagegen. 400.115 Ehen wurden 2015 in Deutschland geschlossen, 163.335 wieder getrennt. Eine Ehe ist also kaum mehr als ein Fifty-Fifty-Joker! Gerade mal 13 Jahre hat eine geschiedene Ehe durchschnittlich gehalten, verzeichnet das Statistische Bundesamt – bei Männern. Bei den angeblich so romantischen Frauen ist es sogar noch ein Jahr weniger.

Während wir also im Privatleben hoffnungslos – und sympathisch – romantisieren, wähnen wir schon vor der Haustür das Grauen schlechthin. Wenn unserer Ansicht nach der Weltuntergang zumindest noch nicht unmittelbar bevorsteht, dann doch wenigstens der Zusammenbruch der Geldwirtschaft, des Sozialstaats und der Moral, der Ruin der Umwelt und des Klimas und dank Facebook & Co sogar das Ende echter Freundschaften. Es bleiben Arbeit, Elend und das neue iPhone. Für einen Katastrophenfilm und zur Aufmerksamkeitssteigerung für ARD-Brennpunkte mag das Setting stimmig sein. Fragen wir – wie in den elektronischen Medien längst üblich – eine Expertin, ergibt sich allerdings ein anderes Bild. Monika Bütler ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Sie sagt: „Es gibt genug Anzeichen dafür, dass die Welt nicht kollabiert“. Der Weltuntergang – einfach abgeblasen.

Soso, werden Sie sagen. Und was ist mit Katastrophen, Kriegen und Korruption? Die gibt es natürlich. Aber es lohnt doch ein Blick auf die großen Entwicklungslinien jenseits der Tagespolitik. Und die zeigen fast überwiegend nach oben – und zwar weltweit. Beispiele? Der aus Rheinland-Pfalz stammende junge Ökonom Max Roser – er forscht und publiziert derzeit an der Universität Oxford – hat sie zusammengestellt. Auf seiner Internetseite ourworldindata.org versammelt er Hunderte wissenschaftlich belegte Grafiken und Tabellen gegen die pessimistische Grundhaltung unserer Zeit.

Die Lebenserwartung liegt demnach heute selbst in den ärmsten Ländern höher als in Europa noch vor 100 Jahren. In Deutschland hat sie sich von 1875 bis 2015 von 38,4 auf 80,5 Jahre verdoppelt. Aber auch in Indien leben die Leute heute statistisch betrachtet doppelt so lang, nämlich 65 Jahre (statt 25,4). In Äthiopien war noch 1950 im Regelfall nach 34 Jahren Schluss, heute sind es im Durchschnitt immerhin 59. Und wir alle leben besser: So stieg die Kalorienzufuhr weltweit von 1950 bis 2010 von 2200 auf gesunde 3000. Und das liegt keineswegs nur an überfressenen US-Amerikanern. Selbst in Nigeria standen einem Einwohner 2010 täglich 2711 Kalorien zur Verfügung. 1950 waren es 1915. Dabei gleichen sich die Werte nicht nur zwischen den Ländern an, sondern auch innerhalb der Gesellschaften.

Ökonom Max Roser. 
Ökonom Max Roser.  (FR)

Nicht nur Reiche werden reicher

Es stimmt auch nicht, dass nur Reiche immer reicher würden. Umgerechnet auf einen US-Dollar-Kurs von 2011 hat sich das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland von 1950 bis 2010 verneuntfacht auf 46.000 Dollar. Aber auch in Portugal ist es von 2700 auf 28.5000 explodiert, in Albanien von 3350 (1970) auf 10.700 und im fernen Bhutan im Himalaya von 2700 auf 6900 Dollar. Auch an die Zukunft wird gedacht. Gingen vor 60 Jahren nur in Europa, Nordamerika und Australien Kinder mindestens vier bis sechs Jahre zur Schule, so liegen heute nur noch Mali, Niger und Mosambik darunter.

Und was ist mit den Kriegen, die aus Syrien, der Ukraine oder dem Gaza-Streifen allabendlich in unsere Wohnzimmer flimmern? Der US-Politologe Peter Brecke hat 3708 Konflikte seit 1600 akribisch analysiert. Nach seinen Berechnungen war die Zahl der Toten im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung niemals höher als im Dreißigjährigen und im Zweiten Weltkrieg. Seit 1950 nimmt sie kontinuierlich ab – was allerdings auch an der wachsenden Bevölkerung liegt. Im Gegenzug ist die Zahl der Demokratien von kümmerlichen neun im Kriegsjahr 1942 auf immerhin 87 im Jahr 2009 gestiegen (nach Zählung der Universität Colorado).

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Wälder wachsen wieder

Selbst die Zukunftstrends liegen im Plus. In Europa wachsen die Wälder wieder – die weit stärker abgeholzt wurden als die tropischen Regenwälder. Die Weltbevölkerung wird nach UN-Prog­nose bis 2100 zwar noch dramatisch auf elf Milliarden anwachsen. Aber nach ihrem Peak um 1970 ist die Geburtenrate von 2,1 Prozent weltweit schon auf 1,2 Prozent geschrumpft. Das liegt weniger an Deutschland, als vielmehr an Indien, China und weiteren Schwellenländern. Zum Ende des Jahrhunderts wird das Wachstum der Menschheit nach aktueller Erwartung mit weltweit 0,06 Prozent zum Erliegen kommen.

Besteht aber nun nicht die große Gefahr, dass unsere Entscheidungsträger ihre Hände in den Schoß legen und die Füße auf den Tisch, wenn sie kein „Brennpunkt“-Moderator mehr mit Sorgenfalten interviewt? „Der Pessimismus lähmt Investitionen in die Zukunft“, warnt im Gegenteil Volkswirtschaftlerin Bütler. Auf der Basis verzerrter Wahrnehmung würden meistens weitreichende politische Entscheidungen getroffen, oft fragwürdige.

Zum Glück glauben viele Untergangspropheten ihren eigenen Aussagen nicht. Vor Jahren traf der Autor dieses Textes in einer abgelegenen Gegend Deutschlands einen selbsternannten UFO-Experten zum Gespräch. Nachdem der Mann fliegende Invasoren über Nachbars Garten gesehen haben wollte, sah er das Weltende in greifbarer Nähe. Sein Geheimwissen entnahm er einschlägiger Lektüre. Nachdem das Interview im Block war, konnte der Gast sich eine letzte Frage am Gartentor nicht verkneifen. Warum der Ufo-Forscher denn seinen Zaun gerade noch frisch gestrichen habe, wollte er wissen, wo doch bald ohnehin alles zu Ende sei?

 

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Leserkommentare
K_ter_Lysator am 22.10.2019 09:14
Das die Verkehrssituation in Findorff (und auch andere Stadtteile) den Status "sub-optimal" nicht erreicht ist kein vom Freimarkt abhängiges Problem. ...
Wesersteel am 22.10.2019 09:04
Deutschland soll Soldaten/innen laut AKK nach Syrien schicken UND hier sitzen die jungen Syrer im trocknen - was verkehrte Welt !

Man ...
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