Serie "Offene Wahl" (6)
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Investitionsstau beim Logistikweltmeister

Peter Hanuschke 17.03.2015 2 Kommentare

Hauptbahnhof Bremen
Ein staufreier Güterverkehr auf der Schiene. Damit das dauerhaft an allen Tagen gewährleistet ist, wird derzeit nach einer Lösung für den Flaschenhals am Bremer Hauptbahnhof gesucht.FOTO KLAMA

Deutschland wurde im vergangenen Jahr nicht nur Fußballweltmeister, sondern auch Logistikweltmeister – zumindest nach dem alle zwei Jahre von der Weltbank veröffentlichten Logistik-Performance-Index, bei der 6000 Logistikunternehmen aus der ganzen Welt Deutschland unter 160 Ländern auf den ersten Platz wählten. Mehr als 3,9 Milliarden Tonnen wurden 2014 in Deutschland abgewickelt und mit 2,9 Millionen Beschäftigten ein Marktvolumen von über 230 Milliarden Euro erwirtschaftet – und daran ist Bremen maßgeblich beteiligt.

Anders als bei der Fußballweltmeisterschaft hat Bremen wesentlich mit zum Titelgewinn bei der Logistik-WM beigetragen. Das spiegelt sich unter anderem bei der Beschäftigungsstruktur wider: Laut dem Statistikportal Statista sind rund zwölf Prozent der Beschäftigten im Bundesland Bremen in der Logistikbranche tätig – Spitzenwert in Deutschland.

Doch Weltmeister sein, heißt nicht Weltmeister bleiben – die Spanier hatten das auf fast tragische Weise bei der Fußball-WM erleben müssen: Das Team war überaltert und träge. Noch wird die Infrastruktur – das Herzstück für eine funktionierende Wirtschaft – in dem Logistik-Performance-Index als sehr gut gelobt. Doch reicht das aus, um auch bei der nächsten „Logistikweltmeisterschaft“ den Titel zu holen? In Deutschland wurde das Straßen- und Schienennetz zwar über Jahrzehnte kontinuierlich ausgebaut – allerdings kommt diese Infrastruktur in die Jahre; Straßen und Schienen müssen saniert, gepflegt und ersetzt werden.

Und da hat Deutschland mächtig an Boden verloren: Im internationalen Vergleich nimmt Deutschland einen der hinteren Plätze ein, wenn es um Investitionen in die eigenen Straßen, Schienen und Wasserwege geht. Gerade einmal 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wurden etwa 2011 in die Infrastruktur gesteckt. Japan investiert mehr als ein Prozent, und in Polen sind es sogar 2,5 Prozent.

Und auch ohne den dringend notwendigen Abbau des Investitionsstaus würden sich die Probleme in den logistischen Abläufen von alleine verschärfen: Künftig werden nicht weniger Güter über Straßen, Schienen und Wasserwege gelenkt, sondern werden die Mengen Jahr zu Jahr zunehmen. So wird prognostiziert, dass sich beispielsweise der Containerumschlag in Deutschland mit einer jährlichen Steigerung von 4,3 Prozent bis 2030 mit 30 Millionen Standardcontainern mehr als verdoppelt. Vornehmlich soll dieses Wachstum in Hamburg und Bremerhaven stattfinden. Sind diese Containerhäfen von den Kapazitäten her dazu überhaupt in der Lage, diese Mengen umzuschlagen und reichen die Infrastrukturen?

„Eine Verdopplung der aktuellen Mengen bis 2030 ist bei den heutigen Infrastrukturen in den Häfen und dem Hinterland nicht möglich“, sagt Burkhard Lemper, einer von drei Direktoren des Bremer Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL). „Voraussetzung für das mögliche Eintreten der Prognosen ist die Bereitstellung ausreichend leistungsfähiger Infrastrukturen in den Häfen und dem Hinterland.“ Die Hinterlandinfrastrukturen seien für das derzeitige Verkehrsaufkommen im Durchschnitt noch ausreichend. Problematisch werde es sofort, sobald kaum vermeidbare Reparaturmaßnahmen umgesetzt werden. „Mittelfristig ist auch im Bereich der Hinterlandinfrastruktur ein Ausbau erforderlich, soll ein möglichst effizienter und reibungsloser An- und Abtransport gewährleistet sein“, ist Lemper überzeugt.

Bei der Bundesvereinigung Logistik schafft es Bremen bereits jetzt schon in ihren bundesweiten Infrastruktur-Atlas der Engpässe – so mit der Autobahn A281. Die, wenn sie denn komplett wäre, die Anbindung an überregionale Verkehrswege sowie an die Weserhäfen am linken Flussufer und den Flughafen „deutlich verbessern würde“. Der Schwerlastverkehr von und zum Güterverkehrszentrum könnte zügiger über die Stadtautobahn geführt werden und so auch das bestehende Straßennetz entlasten. Doch bislang konnten nur Teilabschnitte realisiert werden: Das Projekt wird seit rund 30 Jahren durch Klagen und Einwände von Anwohnern, Behörden und Politikern blockiert.

Auch das umgangssprachlich als Y-Trasse bezeichnete Bahnprojekt Hamburg-Bremen-Hannover ist mittlerweile seit 20 Jahren im Gespräch. Der Großteil des Projekts umfasst eine Neubaustrecke zwischen Hamburg und Hannover, daneben einen kurzen Streckenausbau für eine Abzweigung bei Visselhövede nach Bremen. Der Bau der Y-Trasse hätte für den Schienengüterverkehr erhebliche Kapazitätssteigerungen zur Folge: Güterzüge würden für die Vorbeifahrt von ICE-Zügen auf den bisherigen Strecken nicht mehr auf die Ausweichgleise verdrängt und könnten zudem in dichterem Abstand hinter den ähnlich schnellen Regionalzügen verkehren. Momentan befindet sich die Y-Trasse jedoch erst im Stadium der Vorentwurfsplanung. Im Entwurf zum Investitionsrahmenplan 2011-2015 für die Verkehrsinfrastruktur des Bundes ist das Projekt in die niedrigste Kategorie D eingeordnet, was nicht auf einen baldigen Baubeginn schließen lässt. Zudem gibt es Widerstände von Bürgerinitiativen und Umweltschutzorganisationen gegen die Y-Trasse. Seit Mitte des Jahres 2013 werden daher drei alternative Konzepte zur Y-Trasse diskutiert.

Was die Fertigstellung der Autobahn 281 und damit der Ringschluss um Bremen angeht, hat Robert Völkl, Geschäftsführer vom Verein Bremer Spediteure, eine klare Forderung: Der Termin sei für 2020 avisiert. Dieser Zeitrahmen müsse unbedingt eingehalten werden. „Schon viel zu lange warten die Anrainer im GVZ auf eine leistungsfähige Verkehrsanbindung.“ Eine weitere Verzögerung würde das Vertrauen der Wirtschaft in die Verlässlichkeit der Politik und ihrer Zusagen schwer erschüttern.

Völkl: Auch die Kapazitätserweiterung der Schienenanbindung von Bremerhaven sei angesichts der erwarteten Mengenzuwächse dringend erforderlich. Der Ausbau der Mittelweser für das 110 Meter lange Großmotorgüterschiff müsse wie geplant erfolgen. „Hier darf sich Bremen nicht aus seiner Verantwortung stehlen und es dem Bund überlassen, die Planungen nur halbherzig umzusetzen.“ Die Investitionen in die Schleusen von Dörverden und Minden in Höhe von 120 Millionen Euro wären vergeudet.

Handlungsbedarf gibt es auch aus Sicht von Lemper in den nächsten Jahren bei allen drei Hinterlandverkehrsträgern: Straße, Schiene und Binnenwasserstraße. „Wobei Straße und Schiene eher durch Engpässe gekennzeichnet sind, während die Binnenschifffahrt Kapazitäten hat, aber wettbewerbsfähiger werden muss.“ Gerade in der Containerschifffahrt komme es darauf an, günstige Preise je Container und Kilometer Strecke anbieten zu können, um gegen die flexiblere Straße und die Schiene bestehen zu können. „Daher ist der Einsatz möglichst großer Schiffseinheiten auch in der Binnenschifffahrt wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit.“ Das erfordere aber ausreichend dimensionierte Schleusen, ausgebaute Wasserwege und gegebenenfalls größere Durchfahrtshöhen bei den Brücken über Flüsse und Kanäle.

Die Bundesvereinigung Logistik fordert in ihrem Bericht eine Verdopplung der Ausgaben für Infrastruktur. Und sie kritisiert nicht nur stockende Verfahren, sondern lobt Projekte, die schneller oder zumindest wie geplant umgesetzt wurden, und zwar durch Öffentlich-Private-Partnerschaften (ÖPP) mit denen „deutliche Effizienzgewinne“ erzielt wurden – etwa beim Ausbau der A1 zwischen Bremen und Hamburg, dem bisher größten ÖPP-Projekt im Autobahnbau in Deutschland.

Ob für den A281-Tunnel bei Seehausen tatsächlich ein privater Bauherr gefunden wird, bleibt abzuwarten. Die zwei Modellprojekte für Tunnel, die durch diese Finanzierungsvariante bisher realisiert wurden, gibt es in Rostock und Lübeck – beide gelten als gescheitert.

Eines ist aber auf jeden Fall sicher – die nächste Weltmeisterschaft kommt, nur wer sie gewinnt, ist offen.


Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 17 °C / 9 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Gewitter.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 70 %
Community-Regeln des WESER-KURIER
Community-Regeln des WESER-KURIER

Um eine anregende, sachliche und für alle Parteien angenehme Diskussion auf www.weser-kurier.de sowie auf Facebook zu ermöglichen, haben wir folgende Richtlinien entwickelt, um deren Einhaltung wir Sie bitten möchten. 

Leserkommentare
alterwaller am 18.10.2019 20:26
Eine "ich-bin-dagegen-Initiative" nach der anderen. Bremen ist zwar meine Heimatstadt aber inzwischen bin ich froh mich vor ca. 6 Jahren vom Acker ...
Posaune am 18.10.2019 20:16
Aus Luftschlössern werden keine Lustschlösser entstehen weil sich Luft und Lust nicht sonderlich verstehen ;-).

Träume kann man ja ...
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Der WESER-KURIER bei Twitter
WESER-KURIER Kundenservice