Wetter: Regen, 10 bis 18 °C
Veterinäre greifen auf Humanmedizin zurück
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Mehr Reserveantibiotika in Ställen

Silke Looden 10.08.2016 3 Kommentare

In der Tiermedizin werden vermehrt sogenannte Reserveantibiotika eingesetzt, die eigentlich für den Menschen bestimmt sind. Ärzte warnen vor den Auswirkungen, die das Verordnungsverhalten langfristig haben könnte.

Gedrängt stehen Schweine am Futtertrog im Stall eines Mastbetriebes. 
Gedrängt stehen Schweine am Futtertrog im Stall eines Mastbetriebes.  (dpa)

Die gute Nachricht zuerst. Die Abgabemenge von Antibiotika in der Tiermedizin hat sich von 2011 bis 2015 auf 837 Tonnen bundesweit halbiert. Die schlechte Nachricht gleich hinterher: Im gleichen Zeitraum ist der Verbrauch von sogenannten Reserveantibiotika, die eigentlich der ­Humanmedizin vorbehalten sind, in der Nutztierhaltung deutlich gestiegen, um bis zu 82 Prozent. Das geht aus der jüngsten Veröffentlichung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zum Antibiotika-Verbrauch hervor.

Wegen zunehmender Resistenzen ist die Pharma-Industrie seit 2011 verpflichtet zu melden, wie viele Antibiotika an ­Veterinäre verkauft wurden. Nach wie vor werden die meisten Antibiotika für Tiere im Emsland sowie in den Landkreisen Cloppenburg und Vechta eingesetzt. Im sogenannten Schweinedreieck befinden sich besonders viele Mastställe.

Mehr zum Thema
Silke Looden über Reserveantibiotika: Kommentar: Wirkungslos
Silke Looden über Reserveantibiotika
Kommentar: Wirkungslos

Der steigende Verbrauch von Reserveantibiotika in der Tiermast ist eine akute Gefahr für die

...

 mehr »

Das Bundesamt stellt fest, dass vor allem der Verbrauch bestimmter Wirkstoffe in der Tiermedizin angestiegen ist, ­darunter Fluorchinolone (plus 82 Prozent) und Cephalosporine der dritten Generation (plus 52 Prozent). Diese Antibiotika sind für die Therapie beim Menschen von ­besonderer Bedeutung, weil sich gegen die neueren Wirkstoffe noch nicht so viele Resistenzen entwickelt haben. Die Medikamente sind also besonders wirksam.

Forderung nach Verbot des Einsatzes von Reserveantibiotika

Die Ärzteinitiative gegen Massentierhaltung fordert deshalb ein Verbot des ­Einsatzes von Reserveantibiotika in der Tiermedizin. Die Humanmediziner vermuten, dass die Tierhalter die Reserveantibiotika vor allem deshalb einsetzen, weil sie geringer dosiert werden. Eine Tonne Reserveantibiotika ersetze 70 Tonnen herkömmlicher ­Antibiotika, erklärt die Initiative in einer Pressemitteilung. Die Mengenreduzierung ist erklärtes Ziel der Bundesregierung.

Die Ärzteinitiative warnt davor, nur auf den Verbrauch zu achten. Durch den verstärkten Einsatz der Reserveantibiotika in der Tiermedizin werde die Resistenz-­entwicklung beschleunigt, sodass die ­Mittel in der Humanmedizin zunehmend an Wirkung verlören. Das gelte nicht nur für ­Fluorchinolone und Cephalosporine, sondern insbesondere auch für Colistin. Dazu Andreas Tief, Sprecher im Bundesamt für Verbraucherschutz: „Es ist in der Tat so, dass Colistin die dritthöchste Abgabemenge bei den Antibiotika in der Tiermedizin aufweist.“

Keine Antibiotika zur Kaschierung schlechter Lebensbedingungen

Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) hatte in der Vergangenheit wiederholt vor einem „Post-Antibiotika-Zeitalter“ gewarnt, in dem die einstige Wunderwaffe der Medizin nicht mehr hilft. Meyer: „Es gilt zu verhindern, dass insbesondere Reserveantibiotika in der Massenbehandlung (...) zur Kaschierung schlechter Haltungsbedingungen verwendet werden. Mehr Platz, mehr Auslauf und artgerechte Haltung reduzieren den Antibiotikaeinsatz wesentlich.“

Landwirtschaftsminister Christian Meyer
Agrarminister ­Christian Meyer hockt im Stall eines Entenzüchters. Der Grünenpolitiker engagiert sich für die Verringerung des Einsatzes von Antibiotika in der Nutztierhaltung. (CARMEN JASPERSEN, dpa)

Meyer nimmt damit insbesondere Bezug auf die sogenannte Metaphylaxe, bei der Tausende Tiere über das Trinkwasser Antibiotika erhalten, wie es bei Geflügelmastanlagen im Falle einer Infektion üblich ist. Meyer betont: „Es darf nicht sein, dass hochwirksame und eigentlich für den Menschen reservierte Antibiotika in der ­industriellen Massentierhaltung verschwendet werden.“

Niedersachsen fordert seit Langem ein Verbot oder zumindest eine Einschränkung des Einsatzes von Reserveantibiotika in der Massentierhaltung durch den Bund und wirft Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) Untätigkeit vor. Die Agrarministerkonferenz der Bundesländer setzt sich für eine Liste mit Wirkstoffen ein, die der Humanmedizin vorbehalten sind. „Dies hat der Bund bis heute nicht umgesetzt“, kritisiert Meyer, „das ist fahrlässig für den Gesundheitsschutz für den Menschen.“

Verwendung hat Auswirkungen auf auf Resistenzentwicklung

Aus Tierschutzsicht seien diese Präparate in der Landwirtschaft nicht unverzichtbar, erklärt die Sprecherin des niedersächsischen Bauernverbandes Landvolk, Gabi von der Brelie. Es sei Aufgabe der Mediziner, den Einsatz der Reserveantibiotika auf das unbedingt notwendige Maß zu reduzieren. Das Landvolk könne hier nur an seine Mitglieder und an die Veterinäre appellieren. Die Sprecherin verweist auf das privatwirtschaftliche Qualitätssicherungssystem (QS). Demnach sei der Verbrauch von Flourchinolen und Cephalosporinen in der Schweine- und Geflügelmast sogar zurückgegangen.

Wie sich der Anstieg der kritischen Antibiotika auf die verbleibenden Tierarten verteilt, ist unklar. So dokumentiert das Bundesamt für Verbraucherschutz nur die Abgabemenge der Präparate, nicht aber die Verabreichung an einzelne Tierarten. Im Übrigen, betont von der Brelie, gelte der sorgsame Umgang mit Antibiotika nicht nur für die Veterinär-, sondern auch für die Humanmedizin. So hätten die Reserveantibiotika in der Tiermedizin nur einen Anteil von zwei Prozent, in der Humanmedizin seien es über 50 Prozent.

Nach einer aktuellen Studie der Berliner Charité geht jeder zweite Tierarzt fälschlicherweise davon aus, dass sein Verordnungsverhalten keinen Einfluss auf die ­Resistenzentwicklung von Antibiotika hat. Zudem glaubten 58 Prozent von 1000 befragten Erwachsenen, dass ihr eigenes Verhalten bei der Verwendung von Antibiotika keinerlei Auswirkung auf deren Wirksamkeit habe. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben jedes Jahr 50.000 Patienten in Europa und in den USA an Infektionen, gegen die Antibiotika nicht mehr helfen.


Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 18 °C / 10 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 90 %
Community-Regeln des WESER-KURIER
Community-Regeln des WESER-KURIER

Um eine anregende, sachliche und für alle Parteien angenehme Diskussion auf www.weser-kurier.de sowie auf Facebook zu ermöglichen, haben wir folgende Richtlinien entwickelt, um deren Einhaltung wir Sie bitten möchten. 

Leserkommentare
peteris am 21.10.2019 12:30
Vielleicht wissen wir am 1.11. um 11:11h mehr.


Sie meinen sicher den 11.11. um 11:11h?
suziwolf am 21.10.2019 12:19
Und dann ... @kretschmar -
[auch wieder] eine gemeinsame Währung -

Das britische £ - Sterling -
europaweit jetzt ...
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Der WESER-KURIER bei Twitter
WESER-KURIER Kundenservice