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Martin Schulz will EU-Kommissionspräsident werden – ein Porträt des Sozialdemokraten
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Nie wieder auf der Verliererseite

Anja Ingenrieth 02.03.2014 0 Kommentare

Party of European Socialists (PES) congress
Blumen und Applaus für Martin Schulz nach der Nominierung in Rom. (Fabio Frustaci, dpa)

Martin Schulz, gestern von der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE) in Rom zum Spitzenkandidaten für die Europawahl im Mai gekürt, weiß, wie sich Verlierer fühlen. „Ich war mal ganz unten in der Gosse“, sagt der SPD-Politiker, der nun für eins der höchsten EU-Ämter kandidiert – das des Kommissionspräsidenten.

Die Jugend verbrachte Schulz auf dem Fußballplatz – als linker Verteidiger bei Rhenania 05 Würselen. Sein großer Traum: Profi-Kicker werden. Als dieser nach einer schweren Knieverletzung platzte, begann Schulz zu trinken – so viel, bis er alles verlor: Freunde, Wohnung, Arbeit. Damals war er 24 Jahre alt und wollte sich umbringen. Sein Bruder Erwin, ein Arzt, hatte ihm gesagt, dass er nur anrufen solle, wenn er sein Leben endlich ändern wolle. Schulz bat Erwin in der Nacht vom 26. Juni 1980 um Hilfe. Er ging kurz danach in eine Entzugsklinik und rührt seither keinen Alkohol mehr an.

Schulz kämpfte sich ins Leben zurück und die Karriereleiter hinauf: der Schulversager, der das Gymnasium nach der Mittleren Reife verlassen musste, wurde Buchhändler und engagierte sich bei den Jusos. Mit 31 war er Stadtoberhaupt in seiner Heimat Würselen und jüngster Bürgermeister Nordrhein-Westfalens.

1994 wurde Schulz ins Europäische Parlament gewählt. Als er das erste Mal mit einem Mitarbeiter den leeren Sitzungssaal in Straßburg besichtigte, nahm er auf dem Stuhl des Präsidenten Platz und sagte: „Hier sitze ich eines Tages.“ Das klingt fast so wie die Geschichte von Gerhard Schröder, der begierig an den Gitterstäben des Kanzleramts rüttelte – Jahre bevor er dort tatsächlich als Regierungschef einzog. Auch Schulz machte seinen Wunsch wahr. Seit 2012 ist er Europas oberster Volksvertreter, vorher führte er die sozialdemokratische Fraktion im EU-Parlament.

Auf dem Weg dorthin half ihm ausgerechnet sein politischer Erzfeind Silvio Berlusconi. Italiens Ex-Ministerpräsident war über Schulz‘ Kritik an seinem Regierungsstil so empört, dass er ihm in einer Parlamentssitzung 2003 öffentlich die Rolle des KZ-Aufsehers in einem italienischen Film über die Nazi-Zeit anbot. Der mediale Aufschrei war groß. Und über Nacht wurde Martin Schulz europaweit bekannt. Nun soll die vorläufige Krönung seiner Karriere folgen: Schulz will Chef der EU-Exekutive und damit einer der mächtigsten Männer Europas werden.

Schon lange arbeitet der Rheinländer auf diesen Tag hin. Er war es, der die Idee hatte, den von nationalen Themen und Kandidaten beherrschten Urnengang zu personalisieren und zum Duell der Köpfe und Konzepte für Europa zu machen. Er warf seinen Hut früh in den Ring, setzte die politischen Gegner so unter Druck. Nun stellen alle europäischen Parteien erstmals Spitzenkandidaten auf, die im Falle eines Sieges Kommissionschef werden sollen. Sprich: Die Bürger bestimmen bei der Wahl am 25. Mai nicht nur nationale Europaparlamentarier, sondern auch ihren „EU-Regierungschef“. Das ist ein Konzept nach Maß für Martin Schulz – der fließend Englisch und Französisch spricht. Er ist ein überzeugender Redner, der gerne populistisch poltert, aber auch den Staatsmann geben kann, auch wenn das, wie zuletzt in der Knesset, nicht immer glückt.

Schon seit Monaten hat Schulz in den Wahlkampfmodus geschaltet – zum Missfallen der Konkurrenten. So regte sich die Union darüber auf, dass der Präsident am Besuchereingang des Europaparlaments ein mannsgroßes Plakat von sich aufstellte. Kein Vorgänger in dem überparteilichen Amt habe dieses so offensiv genutzt, um sich in Szene zu setzen, sagen die Kritiker. Und führende Europaparlamentarier der CDU verlangen von Schulz gar, sein Präsidentenamt niederzulegen. Der Liebhaber rheinischer Kraftausdrücke hält das für Quatsch. Und Urheber von Blödsinn belegt er gerne mit dem Prädikat: „Eierkopp“.

Nach Ostern beginnt die heiße Wahlkampfphase. Dann muss seine Frau Inge noch öfter ohne ihn auskommen als bisher. Denn auf seinen vielen Reisen dürfen meist nur das Tagebuch und Schulz‘ Talisman-Hippo mit. Sein Team tüftelt auf Hochtouren an der Strategie für eine europaweite Kampagne. Schulz setzt auf seine Herkunft und das Credo: „Einer von uns“. Und eins ist für den „Jungen vom Land“ klar: Auf der Verliererseite will er nie wieder stehen.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 17:00
Hallo @Suzi ....

Was Sie da immer so verstehen ;-)

Das erklärt auch, warum Sie so oft falsch liegen!

Ja zu ...
darkstarbremen am 19.10.2019 16:49
Was redet Frau Bogedan denn da? Weil die Schuler in der Grundschule oder in der 5. Klasee ein niedriges Bildungsniveau haben dürfe man nicht ...
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