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Küsten im Wandel
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Warum sich Küsten verändern

Jürgen Wendler 02.09.2016 0 Kommentare

Australia New South Wales Maroubra beach in the evening PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY GOAF0
Australia New South Wales Maroubra beach in the evening PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY GOAF0 (imago stock&people, imago/Westend61)

Vom 4. bis 7. September diskutieren in Bremen mehr als 500 Fachleute aus aller Welt die Veränderungen in Küstengebieten und die Rolle des Menschen dabei. Hinter der Konferenz, die jährlich stattfindet und für die jedes Mal ein anderer Ort gewählt wird, steht die Estuarine & Coastal Sciences Association. Ziel dieser internationalen Organisation ist es, die Ergebnisse von Forschern aus unterschiedlichen Disziplinen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen und daraus Schlussfolgerungen für den Umgang mit Küstengebieten abzuleiten. Vorsitzender der diesjährigen Konferenz ist Tim Jennerjahn vom Bremer Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert.

Graslandschaft statt Nordsee

Küsten sind die Schnittstellen zwischen Land und Meer. Ob der Akzent auf dem Meer oder dem Land liegt, hängt vom Interesse des Betrachters ab, das heißt aus wissenschaftlicher Sicht von der Fragestellung. Die Zahl der Menschen, die in tief liegenden Küstengebieten leben, beträgt Expertenangaben zufolge mehr als eine Milliarde. Schon dies erklärt das große Interesse an diesen Regionen.

Küstengebiete sind nicht nur ein wichtiger, sondern zugleich auch ein Lebensraum, der sich immer wieder stark verändert hat. So lag zum Beispiel vor rund 20 000 Jahren, auf dem Höhepunkt der bislang letzten ausgedehnten Kaltzeit, der Meeresspiegel gut 120 Meter niedriger als heute. Vor etwa 120 000 Jahren, in einer Warmzeit, lag er hingegen mehrere Meter höher. Wer heutzutage mit einem Schiff in der Deutschen Bucht unterwegs ist, befindet sich über einem Gebiet, in dem vor 10 000 Jahren Jäger und Sammler unterwegs waren. Damals befand sich die Küstenlinie Hunderte Kilometer weiter nördlich als heute, nämlich zwischen Skagen im Norden von Dänemark und Nordengland. Überflutet wurde die als Doggerland bezeichnete Graslandschaft mit Birkenhainen und Kiefernwäldern erst, als die Gletscherschmelze nach dem Ende der letzten Kaltzeit zu einem starken Anstieg des Meeresspiegels führte.

Deiche werden erhöht

Laut Weltklimarat  (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) ist der Meeresspiegel von 1901 bis 2010 um etwa 19 Zentimeter gestiegen. Weil nach wie vor Wasser von schmelzenden Gletschern ins Meer fließt und das wärmer werdende Meerwasser sich zudem stärker ausdehnt, steigt der Meeresspiegel weiter. Im Bremer Raum und anderswo werden deshalb zurzeit Deiche erhöht.

Die Geschichte der Auseinandersetzung des Menschen mit den Naturgewalten ist eine leidvolle. Immer wieder fanden bei Sturmfluten im Bereich der Nordseeküste Tausende Menschen den Tod. So sollen allein bei der Flut vom 16. Januar 1219 schätzungsweise 36 000 Menschen ums Leben gekommen sein. Bei der Weihnachtsflut des Jahres 1717 ertranken angeblich mehr als 11 000 Menschen. Größere Landverluste durch Deichbrüche hat es in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert allerdings nicht mehr gegeben.

Die gleichermaßen aufwendige wie technisch anspruchsvolle Strategie, Küstengebiete vor Überflutung und Landverlust zu schützen, wird erst seit einigen Jahrhunderten in großem Stil verfolgt. Als Meister der Landgewinnung gelten die Niederländer. Ein frühes Beispiel liefert das Haarlemmermeer zwischen Haarlem, Amsterdam und Leiden. Nach Deichbrüchen war im 15. Jahrhundert eine riesige Wasserfläche entstanden, die am Ende auch Amsterdam bedrohte. Jan Adriaanszoon Leeghwater kam im 17. Jahrhundert auf die Idee, das Haarlemmermeer mithilfe von Windmühlen leer zu pumpen. Tatsächlich konnten auf diese Weise Gebiete trockengelegt werden. Die endgültige Trockenlegung gelang im 19. Jahrhundert mithilfe von Dampfpumpstationen. Heute befindet sich in dem Gebiet unter anderem der Amsterdamer Flughafen Schiphol.

Ein Mammutprojekt nahmen die Niederländer nach der verheerenden Sturmflut des Jahres 1953 in Angriff, als Zehntausende Hektar Land überschwemmt worden waren und mehr als 1800 Menschen den Tod gefunden hatten. Beim sogenannten Deltaprojekt galt es, die gefährdete Küstenlinie im Mündungsgebiet von Rhein, Maas und Schelde zu verkürzen. Dazu wurde eine Sturmflutbarriere errichtet, deren bewegliche Tore bei Bedarf geschlossen werden können.

Was die Naturgewalten bewirken können, lässt sich seit vielen Jahren auch auf der Insel Sylt beobachten. Weil das Meer an ihr nagt, musste wiederholt Sand aufgespült werden. In den Tropen sorgen Korallenriffe und Mangrovenwälder dafür, dass Küstengebiete nicht schutzlos dem Meer ausgeliefert sind. Sie verhindern, dass Wellen ungebremst auf die Küste treffen.

Mangroven als Schutzraum

Mangroven sind Bäume, die im Gezeitenbereich wachsen und sich mit ihrem ausgedehnten Wurzelwerk im schlammigen Untergrund verankern. Ebenso wie Seegraswiesen sind sie auch deshalb wichtig, weil sie dem Fischnachwuchs einen Schutzraum bieten. Um zu gedeihen, sind Man-groven darauf angewiesen, dass Flüsse abgetragenes nährstoffreiches Bodenmaterial – sogenannte Sedimente – ins Küstengebiet tragen, wo es sich ablagern kann. Wie Menschen den Sedimenttransport und damit auch die Mangroven beeinflussen, lässt sich laut Jennerjahn zum Beispiel am Rio São Francisco in Brasilien studieren. Für die Gewinnung von elektrischem Strom spielt die Wasserkraft in dem südamerikanischen Land eine zentrale Rolle. Deshalb sind in zahlreichen Flüssen – auch im Rio São Francisco – Dämme errichtet worden, mit der Folge, dass weniger Nährstoffe und Sedimente ins Meer gespült werden. Nach den Worten des Bremer Biogeochemikers sind Mangroven verschwunden und mit ihnen Fische. Damit fehle Fischern der Region die Grundlage, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Bremer Konferenz mit vielen Facetten

Das Beispiel macht deutlich, warum Experten wie die Teilnehmer der Bremer Konferenz der „ökologischen Netzwerkanalyse“ inzwischen besonderes Gewicht beimessen. Für Lebensräume spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle, die miteinander zusammenhängen und zwischen denen es Wechselwirkungen gibt. Neben physikalischen Grundlagen wie beispielsweise der Wirkung von Wellen betrachten Forscher deshalb auch Stoffkreisläufe, unterschiedliche Tiere und Pflanzen sowie die Auswirkungen, die menschliche Einflüsse haben – auch auf den Menschen selbst.

„Wenn es gilt, das Geschehen in solchen Ökosystemen am Computer zu simulieren, werden viele verschiedene Prozesse einbezogen“, erläutert Jennerjahn. Vieles, was im Hinterland geschehe, könne sich auf die Küstenregionen auswirken. Würden beispielsweise tropische Regenwälder abgeholzt, um Platz für den Anbau bestimmter Pflanzen zu schaffen, etwa Sojabohnen oder Ölpalmen, könne unter dem Einfluss des Windes und des Regens mehr Bodenmaterial abgetragen und ins Meer gespült werden. Probleme könnten entstehen, wenn die Mengen an Sedimentmaterial zu groß seien. Korallenriffe zum Beispiel könnten dadurch geschädigt werden.

Die Verbindungen zwischen dem Geschehen in den Tropen und Europa seien sehr viel enger, als vielen Menschen bewusst sei, sagt Jennerjahn. So hätten Aquakulturen, in denen Krebse und Fische für den europäischen Markt gezüchtet würden, in südostasiatischen Ländern immer mehr an Bedeutung gewonnen. Mancherorts würden Mangroven abgeholzt, um solche Anlagen einrichten zu können. Mit den Aquakulturen seien große Umweltprobleme verbunden, weil zu viele Nährstoffe und auch Antibiotika in die Küstengewässer gelangten. Wichtig sei, den Menschen in diesen Ländern zu helfen, die Zusammenhänge besser zu verstehen. Europäische Forscher könnten dazu beitragen, die nötigen Erkenntnisse zu gewinnen und vor Ort zu vermitteln. Die Mitarbeiter des Leibniz-Zen-trums für Marine Tropenökologie haben dies in den vergangenen Jahren unter anderem in Indonesien getan.

In Indonesien, dem größten Archipel der Welt mit etwa 17 500 Inseln, leben zurzeit auf einer Fläche, die mehr als fünfmal so groß ist wie die Deutschlands, etwa 240 Millionen Menschen. Mehr als 130 Millionen davon sind nach Angaben aus dem Bremer Leibniz-Zentrum in den Küstengebieten zu Hause. Welche Gefahren dort drohen können, hat nicht zuletzt das schwere Seebeben vor der Nordwestküste der zu Indonesien gehörenden Insel Sumatra im Dezember 2004 gezeigt. Der dadurch verursachte verheerende Tsunami kostete allein in Indonesien mehr als 170 000 Menschen das Leben.

Forschung in Indonesien

Eine Nahrungsgrundlage für die Bewohner des Landes liefern unter anderem Korallenriffe, Mangrovenwälder und Seegraswiesen mit ihrer großen Vielfalt an Tierarten. Aufgrund der dichten Besiedlung der indonesischen Küstengebiete und der intensiven wirtschaftlichen Aktivitäten unterliegen diese Ökosysteme jedoch einem enormen Druck. Erfahren haben Forscher dies unter anderem auf Java, einer der großen Inseln Indonesiens, wo im Umfeld einer Ölraffinerie viele Schadstoffe in Wasser- und Sedimentproben nachgewiesen werden konnten.

Dem Problem einer zu großen Nährstoffbelastung ist Jennerjahn gemeinsam mit Kollegen unter anderem im Süden Indiens nachgegangen, am Fluss Pamba. Um einen Mangel an Nährstoffen im Boden auszugleichen und das Pflanzenwachstum zu fördern, werden Düngemittel eingesetzt. Darin enthaltene Stoffe wie Stickstoff und Phosphor kommen allerdings nicht nur den Pflanzen zugute, sondern können auch in Flüsse und Meere gelangen und dort zu Problemen führen. Die Menge an Stickstoff und Phosphor, die weltweit von Flüssen in die Meere getragen wird, hat sich seit den 1970er-Jahren verdreifacht.

Zu viele Nährstoffe als Problem

Eine Folge der großen Nährstoffmengen sind Algenblüten, die zu einer Gefahr für wertvolle Ökosysteme wie die tropischen Korallenriffe werden können. Jennerjahn und seine Kollegen wiesen im Fluss Pamba große Mengen an Ammoniumstickstoff nach, den sie vor allem auf menschliche Ausscheidungen zurückführen. Im Bereich der Plantagen ermittelten sie hohe Konzentrationen an Stickstoff aus Düngemitteln. Im Durchschnitt weist der Pamba nach ihren Erkenntnissen eine Stickstoffkonzentration von dreieinhalb Kilogramm pro Hektar und Jahr auf.

Dass es solche Probleme allerdings nicht nur in den Tropen gibt, zeigt nach den Worten des Bremer Wissenschaftlers der Vergleich mit der Weser. Hier liege die Stickstoffkonzentration noch wesentlich höher, nämlich bei zwölf Kilogramm pro Hektar und Jahr. Von den Äckern im Umfeld werde zu viel Gülle in den Fluss gespült.

Auch das Beispiel der Weser macht laut Jennerjahn deutlich, wie schwierig es ist, solcher Probleme Herr zu werden. In Europa mangele es weder an Wissen noch an Versuchen, Verbesserungen zu erreichen. So enthält die Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union die Forderung, einen guten ökologischen Zustand der Fließgewässer herzustellen. Deren Funktion als Lebensraum für Tiere und Pflanzen soll demnach dauerhaft gesichert werden.


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Leserkommentare
werderfan am 23.10.2019 21:15
Ich versuche das mal kurz für die Demokratiefreunde zu erläutern:
1. Der Umweltausschuss des Beirats Blumenthal tagt am nächsten Montag ...
IhrenNamen am 23.10.2019 21:02
Ich bin mal sehr gespannt wie sich das auf die Spendensumme auswirkt.
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