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Wenn Massen mitreißen

Jürgen Wendler 30.09.2016 0 Kommentare

In solchen Situationen blieb ihnen nur die Wahl zwischen Kampf oder Flucht. Stress bedeutet, dass sich der Körper darauf vorbereitet. Wissenschaftler sprechen deshalb im Zusammenhang mit den Vorgängen, die sich bei Stress beobachten lassen, auch von einer Kampf-oder-Flucht-Reaktion.

Stress kann viele Ursachen haben. Millionen Menschen auf der Erde fühlen sich in ihrer Existenz bedroht, weil sie in Kriegsgebieten leben, unter Hunger oder Wassermangel leiden. Stress kann aber auch entstehen, wenn keine unmittelbare Lebensgefahr besteht, so zum Beispiel in Verbindung mit Prüfungen, einer großen Arbeitsbelastung, finanziellen Problemen oder bei aufwühlenden Auseinandersetzungen mit anderen Menschen, etwa dem Partner. Unter Umständen kann es passieren, dass ganze Menschengruppen in Stress geraten, und das so stark, dass Panik ausbricht. Beispiele hierfür liefern unter anderem Naturkatastrophen und Großbrände. Eine internationale Forschergruppe hat kürzlich im „Journal of the Royal Society Interface“ eine Studie veröffentlicht, in deren Mittelpunkt die Frage stand, wie sich Menschen unter beengten Verhältnissen in einer Notsituation verhalten.

Virtuelle Notsituation

Um Antworten auf ihre Frage zu bekommen, simulierte die Forschergruppe um Mehdi Moussaïd vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin eine Evakuierungssituation in einem unübersichtlichen Gebäude mit vier Ausgängen, von denen allerdings nur einer passierbar war. 36 Testpersonen saßen vor Computerbildschirmen und erhielten die Aufgabe, in dieser Situation einen Avatar, eine künstliche Figur, zu steuern. Die Wissenschaftler machten mit ihren Testpersonen mehrere Experimente, bei denen sie nicht nur unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden mussten, sondern auch gezielt Stress ausgesetzt wurden, etwa, indem sie das virtuelle Gebäude in weniger als einer Minute – also unter großem Zeitdruck – verlassen sollten. Einzelne Testpersonen wurden mithilfe eines Richtungspfeils auf ihrem Bildschirm zum einzigen passierbaren Ausgang geleitet. Die anderen wussten aber nicht, wer über den richtigen Ausgang informiert war. Nach Darstellung der Wissenschaftler haben die Ergebnisse gezeigt, dass sich Menschen im virtuellen Raum im Wesentlichen so verhalten wie im wirklichen Leben. Die Erkenntnisse aus solchen Studien seien übertragbar. Profitieren könnten von ihnen deshalb nicht nur Verhaltensforscher, sondern beispielsweise auch Stadtplaner und Architekten, die Evakuierungspläne testen wollten.

Herdenverhalten

Eine Aufgabe der Testpersonen bestand darin, in einem schmalen Flur aneinander vorbeizugehen, ohne sich zu berühren. Dabei verhielten sie sich genauso, wie dies Menschen im wirklichen Leben zu tun pflegen. 95 Prozent der Studienteilnehmer wählten beim Passieren anderer die rechte Seite. Wie das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung erklärt, haben frühere Studien belegt, dass Europäer intuitiv auf der rechten Seite laufen. Die Experimente der Forschergruppe um Mehdi Moussaïd machten auch deutlich, dass unter Stress das Gedränge und die Zusammenstöße schnell zunehmen. Am gefährlichsten wurde es dort, wo Entscheidungen getroffen werden mussten, wo es eng wurde, sich ein Rückstau bildete oder eine Sackgasse auftauchte. Wenn Menschen gezwungen waren, umzukehren und gegen den Strom zu laufen, stiegen die Risiken.

Die Ergebnisse der Studie legen auch nahe, dass Menschen in Notsituationen eher ein Herdenverhalten entwickeln, das zu Unfällen führen kann. In einer beengten Situation und bei großem Stress sind Menschen nach Darstellung der Wissenschaftler stärker den sozialen Signalen der betroffenen Gruppe ausgesetzt, das heißt: Sie nehmen besonders intensiv wahr, wie sich die Gruppe verhält und wie sie fühlt. Der Einzelne neigt demnach in solchen Situationen eher dazu, sich beeinflussen zu lassen und der Gruppe zu folgen.

Was bei Stress im Körper geschieht

Die Studie ist bei Weitem nicht die erste, die zeigt, wie sich die Wahrnehmung und das Verhalten bei Stress verändern. Um den Körper auf einen Kampf oder die Flucht vorzubereiten, das heißt mobil zu machen, werden Stoffe wie Adrenalin und das ver­wandte Nor­adrenalin ausgeschüttet, Hormone des Nebennierenmarks. Hormone veranlassen unter anderem Leberzellen dazu, den Energielieferanten Glukose abzugeben, der von den Muskeln benötigt wird. Der Organismus stellt auf diese Weise sicher, dass die erforderliche Energie zur Bewältigung der Herausforderungen zur Verfügung steht. Auch auf das Herz-Kreislauf-System und die Atmung haben die hormonellen Veränderungen Einfluss. Der Puls und das Schlagvolumen des Herzens werden erhöht, die Bronchiolen in den Lungen, die für die Sauerstoffversorgung wichtig sind, geweitet. Zu den Reaktionen auf große Herausforderungen gehört zudem die Freisetzung von Cortisol, einem Hormon, das Stoffwechselvorgänge in Gang setzt. Cortisol mobilisiert Energiereserven.

Vor wenigen Monaten hat eine Forschergruppe um Andrés Uribe-Mariño im Fachjournal „Biological Psychiatry“ Studienergebnisse veröffentlicht, die belegen, dass sich Stress auf das kognitive Leistungsvermögen auswirkt. Die Wissenschaftler gewannen ihre Erkenntnisse bei Versuchen mit Mäusen am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Weil die Mechanismen, die zum Beispiel den Gedächtnisleistungen zugrunde liegen, bei den Tieren und Menschen sehr ähnlich sind, gehen Forscher davon aus, dass sich die Ergebnisse solcher Studien auf den Menschen übertragen lassen. Einige Stunden, nachdem die Mäuse sozialem Stress ausgesetzt worden waren, nahm ihre Leistungsfähigkeit stark ab. Sie konnten sich nicht mehr an Wege durch ein Labyrinth und die zeitliche Abfolge von Ereignissen, die sie zuvor gelernt hatten, erinnern. Für die Kognition, das heißt das Denken, Wahrnehmen und Erkennen, ist nach heutigem Kenntnisstand ein Hirnbereich zuständig, der als präfrontaler Kortex bezeichnet wird. Wie die Wissenschaftler herausfanden, hängt der Leistungsabfall infolge von Stress mit einem kurz als CRH (corticotropin releasing hormone) bezeichneten Hormon zusammen.

Schon länger ist bekannt, dass erwachsene Menschen unter Stress weniger offen für Neues sind. Die geistige Flexibilität nimmt ab, und die Betroffenen neigen dazu, sich in ihrem Verhalten an Gewohnheiten zu orientieren. Eine Forschergruppe um die Psychologin Sabine Seehagen von der Universität Bochum hat im vergangenen Jahr Untersuchungsergebnisse veröffentlicht, die belegen, dass schon Kleinkinder unter Stress in gewohnte Verhaltensmuster verfallen und weniger Neues ausprobieren.

In ihrer Studie untersuchten die Psychologen das Verhalten von 26 Kindern im Alter von 15 Monaten. Einige von ihnen wurden Stress ausgesetzt, zum Beispiel dadurch, dass sich eine unbekannte Person neben sie setzte, Eltern den Raum verließen oder ein Tanzroboter laute Musik spielte und sich bewegte. Bei einem anschließenden Test stellte sich heraus, dass diese unter Stress gesetzten Kinder bei der Bewältigung von Aufgaben auf Gewohnheiten vertrauten. Sie hatten gelernt, dass sich verschiedene Lampen durch Druck zum Leuchten bringen ließen. Die Kinder drückten auch dann immer wieder auf die Lampe, an die sie sich gewöhnt hatten, als diese nicht mehr funktionierte.

Beobachter lassen sich anstecken

Unter Stress können Menschen auch dann geraten, wenn sie selbst keinen entsprechenden Belastungen ausgesetzt sind. Es genügt, andere in einer Stresssituation zu beobachten. Stress kann also ansteckend sein. Belege dafür hat eine im Jahr 2014 veröffentlichte Studie einer Forschergruppe um Veronika Engert vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften geliefert. Die Studienteilnehmer mussten Rechenaufgaben lösen und Vorstellungsgespräche absolvieren. Ihre Leistung wurde dabei von anderen beurteilt. Nur wenige Studienteilnehmer ließen sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Bei den allermeisten stellten die Forscher fest, dass größere Mengen des Stresshormons Cortisol freigesetzt wurden. Diese körperlichen Veränderungen zeigten sich aber nicht nur bei ihnen, sondern auch bei Menschen, die selbst keinerlei Stress ausgesetzt waren und das Geschehen lediglich durch eine Glasscheibe beobachteten. Den bei den Beobachtern festgestellten Stress bezeichnen die Wissenschaftler als empathischen Stress. Die Fähigkeit, die Gefühle, Gedanken und Absichten von Mitmenschen erkennen und mitleiden zu können, wird Empathie genannt.

Gemeinsame Freude

Phänomene wie die Massenpanik werden auch als Massenphänomene bezeichnet. Schon dieser Ausdruck lässt erahnen, dass Menschen nicht nur in Notsituationen ähnlich erleben beziehungsweise sich ähnlich verhalten. Zu den zahlreichen Beispielen für Massenphänomene gehören auch die Begeisterung, mit der viele Soldaten anfangs in den Ersten Weltkrieg zogen, und die Ekstase, in die Musikbegeisterte bei Rock- oder Popkonzerten geraten.

Im Zusammenhang mit Menschengruppen sprechen Fachleute auch von kollektiven Emotionen. Emotionen sind Gemütsbewegungen, Grundzustände des Erlebens, die zumeist mit mehr oder weniger deutlichen körperlichen Empfindungen einhergehen. Dies drückt sich auch in sprachlichen Wendungen wie „rot vor Zorn“ oder „kreidebleich vor Schreck“ aus. Furcht und Ärger liefern ebenso Beispiele für Emotionen wie Ekel oder Freude. Mit anderen Worten: Manchmal sind es auch besonders angenehme Empfindungen, von denen sich Massen mitreißen lassen.


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Leserkommentare
werderfan am 23.10.2019 21:15
Ich versuche das mal kurz für die Demokratiefreunde zu erläutern:
1. Der Umweltausschuss des Beirats Blumenthal tagt am nächsten Montag ...
IhrenNamen am 23.10.2019 21:02
Ich bin mal sehr gespannt wie sich das auf die Spendensumme auswirkt.
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