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Wie Stress das Verhalten verändert

Jürgen Wendler 09.10.2015 1 Kommentar

OPTIK-STRESS_1DO
OPTIK-STRESS_1DO

Wie vielschichtig das Thema ist, zeigt sich schon daran, dass Stress auch hilft, Herausforderungen zu bewältigen und das Überleben zu sichern. Die damit verbundenen Vorgänge im Körper schaffen die Voraussetzung, um zum Beispiel fliehen oder kämpfen zu können. Dies gilt sowohl für Menschen als auch für Tiere. Außerdem hat Stress nicht nur auf Körpervorgänge, sondern auch auf Verhaltensweisen einen Einfluss. Neue Untersuchungen zeigen, dass dies bereits für Kleinkinder gilt.

Stress kann viele Ursachen haben. Millionen Menschen auf der Erde fühlen sich in ihrer Existenz bedroht, weil sie in Kriegsgebieten leben, unter Hunger oder Wassermangel leiden. Dass auch in Deutschland zahlreiche Menschen über Stress klagen, hat andere Gründe. Bei manchen entsteht Stress in Verbindung mit Prüfungen, einer zu hohen Arbeitsbelastung oder finanziellen Problemen, bei anderen durch Auseinandersetzungen mit anderen Menschen, etwa dem Partner, oder einschneidende Lebensereignisse wie den Tod eines Angehörigen. Letztlich handelt es sich in solchen Fällen um Bedrohungen der Sicherheit und des Wohlbefindens, also ein Phänomen, das das Leben schon immer geprägt hat. Auch wer einem gefährlichen Tier begegnet, ist bedroht und muss reagieren können.

Nicht nur Menschen können unter Stress geraten, sondern auch Tiere und Pflanzen. So können Pflanzen dadurch Probleme bekommen, dass es ihnen an Sonnenlicht oder Wasser mangelt oder dass sie von anderen Lebewesen angegriffen und geschädigt werden. Bei solchen Lebewesen kann es sich zum Beispiel um Pilze handeln, die Wurzeln befallen und sich in der Pflanze ausbreiten. Diese wehrt sich, indem sie Gene aktiviert, die für die Herstellung von Abwehrstoffen benötigt werden. Wie Tiere auf Stress reagieren, haben Wissenschaftler unter anderem bei weiblichen Rhesusaffen erforscht, deren Nachwuchs unentwegt schrie. Unter Druck gerieten die Tiere nicht nur durch das Schreien selbst, sondern auch, weil ihre Artgenossen dadurch gestört wurden. Britische Forscher haben schon vor Jahren in einer Studie zeigen können, dass solcher Stress ein aggressiveres Verhalten der Affenmütter gegenüber ihrem Nachwuchs zur Folge hat.

In den vergangenen Jahren sind verschiedene Studien veröffentlicht worden, die zeigen, wie sich Stress auf Verhaltensweisen von Menschen auswirkt. Schon länger ist bekannt, dass Erwachsene unter Stress weniger offen für Neues sind. Die geistige Flexibilität nimmt ab, und die betroffenen Menschen neigen dazu, sich in ihrem Verhalten an Gewohnheiten zu orientieren. Eine Forschergruppe um die Psychologin Sabine Seehagen von der Ruhr-Universität Bochum hat kürzlich im Fachjournal „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften Untersuchungsergebnisse veröffentlicht, die belegen, dass schon Kleinkinder unter Stress in gewohnte Verhaltensmuster verfallen und weniger Neues ausprobieren.

In ihrer Studie untersuchten die Psychologen das Verhalten von 26 Kindern im Alter von 15 Monaten. Einige von ihnen wurden Stress ausgesetzt, zum Beispiel dadurch, dass sich eine unbekannte Person neben sie setzte, Eltern den Raum verließen oder ein Tanzroboter laute Musik spielte und sich bewegte. Bei einem anschließenden Test stellte sich heraus, dass diese unter Stress gesetzten Kinder bei der Bewältigung von Aufgaben auf Gewohnheiten vertrauten. Sie hatten gelernt, dass sich verschiedene Lampen durch Druck zum Leuchten bringen ließen. Die Kinder drückten auch dann immer wieder auf die Lampe, an die sie sich gewöhnt hatten, als diese nicht mehr funktionierte. „Wenn Kleinkinder wiederholt Stress ausgesetzt sind und deshalb keine alternativen Verhaltensweisen ausprobieren, könnte sich das negativ auf ihren Wissenserwerb auswirken“, erklärt Sabine Seehagen.

Dass schon vergleichsweise geringer Stress Verhaltensweisen verändern kann, hat eine im August im Fachjournal „Neuron“ veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern der Universität Zürich deutlich gemacht. Nach ihren Erkenntnissen nimmt die Fähigkeit, sich selbst zu kontrollieren, ab. Selbstkontrolle kann zum Beispiel dann eine Rolle spielen, wenn jemand nach dem Mittagessen vor der Frage steht, ob er noch ein Stück Kuchen essen oder aus Gewichts- beziehungsweise Gesundheitsgründen lieber darauf verzichten sollte. Beeinflusst werden solche Entscheidungen auch davon, ob Menschen zuvor Stress ausgesetzt waren, beispielsweise durch eine aufwühlende Besprechung bei der Arbeit.

Die Schweizer Wissenschaftler setzten einige ihrer Studienteilnehmer unter anderem dadurch Stress aus, dass sie eine Hand mehrere Minuten lang in Eiswasser tauchen mussten. Der Vergleich mit Teilnehmern, die keinem Stress ausgesetzt worden waren, machte deutlich, dass sich die Behandlung auf die Wahl von Speisen auswirkte. Die unter Stress gesetzten Personen wählten mit größerer Wahrscheinlichkeit eine schmackhafte, dafür aber ungesunde Speise. Dass der Stress Auswirkungen auf die Verbindungsmuster der Nervenzellen im Gehirn hatte, konnten die Wissenschaftler mithilfe eines bildgebenden Verfahrens, der funktionellen Magnetresonanztomographie, belegen. Während die Studienteilnehmer die Speisen auswählten, wurden Vorgänge in ihrem Gehirn erfasst.

Unter Stress können Menschen auch dann geraten, wenn sie selbst keinen entsprechenden Belastungen ausgesetzt sind. Es genügt, andere in einer Stresssituation zu beobachten. Stress kann also ansteckend sein. Belege dafür hat im vergangenen Jahr eine Forschergruppe um Veronika Engert vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften geliefert. In ihrer Studie mussten Teilnehmer Rechenaufgaben lösen und Vorstellungsgespräche absolvieren. Ihre Leistung wurde dabei von anderen beurteilt. Nur wenige Studienteilnehmer ließen sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Bei den allermeisten stellten die Forscher fest, dass größere Mengen des Stresshormons Cortisol freigesetzt wurden. Diese körperlichen Veränderungen zeigten sich aber nicht nur bei ihnen, sondern auch bei Menschen, die selbst keinerlei Stress ausgesetzt waren und das Geschehen lediglich durch eine Glasscheibe beobachteten. Besonders stark war der Effekt, wenn der Beobachter und die gestresste Person in einer partnerschaftlichen Beziehung standen. Andere Beobachter reagierten, obwohl ihnen die gestresste Person völlig fremd war.

Den bei den Beobachtern festgestellten Stress bezeichnen die Wissenschaftler als empathischen Stress. Die Fähigkeit, die Gefühle, Gedanken und Absichten von Mitmenschen erkennen und mitleiden zu können, wird Empathie genannt. Die Forscher halten ihre Erkenntnisse auch deshalb für bedeutend, weil die heutige Gesellschaft stark von Stress geprägt ist und Stress zu Problemen wie Angststörungen oder Depressionen führen kann.

Körper in Alarmbereitschaft

Bei Stress laufen im Körper die gleichen Vorgänge ab wie bei einer plötzlichen Bedrohung, die dazu führen kann, dass Menschen entweder fliehen oder kämpfen. Wissenschaftler sprechen deshalb im Zusammenhang mit den bei Stress beobachteten Vorgängen auch von einer Kampf-oder-Flucht-Reaktion.

Um den Körper mobil zu machen, werden Stoffe wie Adrenalin und das verwandte Noradrenalin ausgeschüttet, Hormone des Nebennierenmarks. Hormone veranlassen unter anderem Leberzellen dazu, den Energielieferanten Glukose abzugeben, der von den Muskeln benötigt wird. Das bedeutet: Der Organismus stellt sicher, dass die erforderliche Energie zur Bewältigung der Herausforderungen zur Verfügung steht. Auch auf das Herz-Kreislauf-System und die Atmung haben die hormonellen Veränderungen Einfluss. Der Puls und das Schlagvolumen des Herzens werden erhöht, die Bronchiolen in den Lungen, die für die Sauerstoffversorgung wichtig sind, geweitet.

Zu den Reaktionen auf große Herausforderungen gehört auch die Freisetzung von Cortisol, einem Hormon, das Stoffwechselvorgänge in Gang setzt. Cortisol mobilisiert Energiereserven. Es sorgt aber auch dafür, dass die erste, schnelle Stressreaktion gedämpft wird. Der betroffene Mensch kann sich abregen und so die Voraussetzung für überlegtes Handeln schaffen. Forscher haben festgestellt, dass schlimme Erfahrungen in der frühen Kindheit den Cortisolhaushalt dauerhaft verändern können. Solche Veränderungen sind zum Beispiel bei Menschen beobachtet worden, die Naturkatastrophen erlebt haben, misshandelt worden sind oder deren Mütter depressiv waren.

Dass starker Stress Spuren im Erbgut hinterlassen kann, haben unter anderem Studien von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München gezeigt. Die Zellen des Körpers haben einen Kern, in dem sich die Erbsubstanz befindet, die DNA (Desoxyribonukleinsäure). Bestimmte Abschnitte davon entsprechen bestimmten Genen. Gene liefern Anleitungen, die für die Herstellung von Eiweißstoffen (Proteinen) nötig sind. Eiweißstoffe spielen im Körper eine herausragende Rolle. Sie sind Grundbausteine von Zellen und haben wichtige Funktionen bei Stoffwechselvorgängen.

Für die Vorgänge im Körper ist wichtig, ob und wann Gene aktiviert werden. Wie sich herausgestellt hat, können sich Teile des Erbguts chemisch verändern, etwa aufgrund von Umwelteinflüssen, und dies hat Auswirkungen auf die Aktivität von Genen. Bei Experimenten mit Nervenzellen wiesen die Max-Planck-Forscher nach, dass hohe Stresshormon-Konzentrationen, die infolge traumatischer Erlebnisse in der Kindheit auftreten, zu solchen sogenannten epigenetischen Veränderungen führen können. Die Folge: Die Aktivität eines Gens verstärkt sich, und es kommt zu einer dauerhaften Fehlregulation des Stresshormonsystems. Betroffene haben dadurch ihr Leben lang Probleme, mit belastenden Situationen umzugehen.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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