Wetter: Regen, 11 bis 14 °C
Hauptangeklagte im NSU-Prozess wirkt gefasst, während sie spricht / Von Scham keine Spur
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Zschäpes erste Worte am 313. Tag

Wiebke Ramm 30.09.2016 0 Kommentare

NSU-Prozess: Zschäpe meldet sich zum ersten Mal zu Wort
Beate Zscäpe mit ihrem Anwalt Mathias Grasel am Donnerstag vor dem Oberlandesgericht in München. (Matthias Schrader, dpa)

Sie stockt nicht, während sie spricht. Sie kämpft auch nicht mit den Tränen. Rund dreieinhalb Jahre hat Zschäpe vor Gericht geschwiegen, 312 Verhandlungstage lang. Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess hat vor dem Oberlandesgericht München zwar mittlerweile Antworten auf Dutzende Fragen des Gerichts von ihren Verteidigern vorlesen lassen. Aber nun spricht Zschäpe das erste Mal selbst.

Sie trägt den schwarzen Hosenanzug, den sie immer trägt, wenn ein für sie wichtiger Verhandlungstag ansteht. Rechts neben ihr auf der Anklagebank sitzt ihr Wahlverteidiger Hermann Borchert. Er ist immer dann beim NSU-Prozess im Saal A 101 anwesend, wenn Zschäpe dem Gericht etwas mitzuteilen hat. Die Signale sind also eindeutig: Irgendetwas wird im Namen Zschäpes verkündet. Doch auf das, was dann passiert, ist kaum jemand vorbereitet.

Es sind bloß wenige Sätze, die Zschäpe spricht. Etwa eine Minute lang ist die Stimme der 41-Jährigen zu hören. Ihre Stimme ist klar und heller als vermutet. „Es ist mir ein Anliegen, hier Folgendes mitzuteilen“, sagt Zschäpe. Sie liest ihre Sätze zügig vom Blatt ab. Zschäpe bekennt sich zu ihrer rechten Vergangenheit. Sie sagt, ihre Einstellung habe sich mittlerweise geändert. Wörtlich sagt sie: „In der damaligen Zeit, als ich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos kennengelernt habe, identifizierte ich mich durchaus mit Teilen des nationalistischen Gedankenguts. In den Jahren nach dem Untertauchen wurden diese Themen, insbesondere die Angst vor Überfremdung, zunehmend unwichtiger für mich.“ Zschäpe sagt weiter: „Heute hege ich keine Sympathien mehr für nationalistisches Gedankengut. Heute beurteile ich Menschen nicht mehr nach ihrer Herkunft, sondern nach ihrem Benehmen.“ Dann folgt eine Art Entschuldigung. „Ich verurteile das, was Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Opfern angetan haben, sowie mein eigenes Fehlverhalten“, sagt Zschäpe. „Fehlverhalten“ sagt sie.

Zschäpe wirkt souverän, während sie spricht. Ihr Auftritt steht im Kontrast zu dem des Mitangeklagten Carsten S. Dieser war bei seiner eigenen Einlassung zu Beginn des Prozesses in Tränen ausgebrochen. Er war sichtbar mitgenommen von der Schwere der Schuld, die offensichtlich auch nach seiner eigenen Einschätzung auf seinen Schultern lastet. Carsten S. ist angeklagt, weil er den mutmaßlichen NSU-Terroristen zusammen mit dem weiteren Angeklagten Ralf Wohlleben die Mordwaffe beschafft haben soll. Beide müssen sich wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen vor Gericht verantworten. Carsten S. hat seine Vertrickung zu Beginn des Ermittlungsverfahrens gestanden. Ralf Wohlleben bestreitet die Vorwürfe.

Daran, dass Carsten S. sich für seine rechte Vergangenheit und seine Taten schämt, zweifelt wohl niemand, der ihn vor Gericht gehört hat. Und Zschäpe? Von Scham keine Spur. Sebastian Scharmer, der die Tochter des NSU-Opfers Mehmet Kubasik im Prozess vertritt, überwindet nach Zschäpes Worten als Erster die Überraschung. Wenn sich ihre Einstellung nun also geändert hat, fragt Scharmer Zschäpe, werde sie dann nun doch die Fragen der Nebenkläger beantworten? Zschäpes Anwalt Borchert zögert keine Sekunde. „An dieser Einstellung hat sich nichts verändert“, antwortet er. Die Fragen der Familien der NSU-Opfer und der Überlebenden der Taten werde Zschäpe weiterhin nicht beantworten. Ob Borchert bewusst ist, dass er mit dieser Antwort jede Distanzierung Zschäpes untergräbt? Eine irgendwie geartete Betroffenheit seiner Mandantin erscheint durch diese Antwort jedenfalls nicht glaubhafter.

Ihre Anwälte Borchert und Mathias Grasel hatten bisher stets gesagt, Zschäpe spreche nicht selbst vor Gericht, weil sie angesichts der immensen Vorwürfe dazu nicht in der Lage sei. Ihr Auftritt will dazu nicht recht passen. Die Familien der neun ermordeten Männer türkischer und griechischer Herkunft und der ermordeten deutschen Polizistin Michèle Kiesewetter quält nach wie vor die Frage, nach welchen Kriterien Mundlos und Böhnhardt die Opfer ausgewählt haben. Sie wisse es nicht, lässt Zschäpe an diesem Tag ihren Anwalt Borchert vortragen. „Nach den Gründen ihres Tuns habe ich nicht weiter nachgehakt“, sagt Borchert in Zschäpes Namen. „Für mich ist das Töten eines Menschen das Erschreckende, nicht, ob es sich um einen Deutschen oder einen Ausländer handelt.“ Dazu, dass sie nach eigenen Angaben von jedem Mord jeweils hinterher erfahren und trotzdem nichts getan hat, weitere Taten zu verhindern, sagt sie nichts.


Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 14 °C / 11 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 90 %
Community-Regeln des WESER-KURIER
Community-Regeln des WESER-KURIER

Um eine anregende, sachliche und für alle Parteien angenehme Diskussion auf www.weser-kurier.de sowie auf Facebook zu ermöglichen, haben wir folgende Richtlinien entwickelt, um deren Einhaltung wir Sie bitten möchten. 

Leserkommentare
peteris am 20.10.2019 10:00
Premier Johnson ist "persönlich dagegen"
Brexit-Verschiebung: EU-Ratschef Tusk erreichen drei Briefe

Drei Briefe? Haben die ...
elfotografo am 20.10.2019 09:56
Was bezeichnet es denn, wenn der Kultursenator auf eine ihm gestellte Frage antwortet?
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Der WESER-KURIER bei Twitter
WESER-KURIER Kundenservice