Wetter: Regen, 9 bis 17 °C
Gladbeck-Vebrecher
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

„Das hat uns Jahre beschäftigt“

Michael Lambek 11.08.2018 0 Kommentare

Ständiger Polizeiführer Andreas Löwe am Funktisch des Sonderlageraums
Ständiger Polizeiführer Andreas Löwe am Funktisch des Sonderlageraums. (Karsten Klama)

Untrennbar mit dem Gladbecker Geiseldrama verbunden ist der Polizeieinsatz in Bremen, der bei Fachleuten bis heute für Kopfschütteln sorgt und es auf einen festen Platz in der Ausbildung junger Polizisten geschafft hat – als Anschauungsbeispiel dafür, wie die Polizei in einer solchen Lage nicht agieren darf. Lutz Müller stand damals noch am Anfang seiner Laufbahn.

Heute ist er Bremens Polizeipräsident. Auf die Frage nach einer kurzen Bewertung des damaligen Einsatzes braucht er nicht lange zu überlegen: „Das war für die Polizei eine Katastrophe“, sagt er, „wenig Steuerung, keine Kontrolle.“ Auch die jungen Polizisten wissen – nicht nur aus der Ausbildung –, was Gladbeck war: eine unfassbare Anhäufung von Fehlern, Fehleinschätzungen, Schlampereien, Dienstvergehen, Arroganz und Unfähigkeit, die ohne Beispiel ist.

Als alles vorbei war, wirkte das Chaos, das damals angerichtet worden war, nach innen weiter. Müller weiß aus Schilderungen, dass die kritische Aufarbeitung der Vorgänge gegen Widerstände durchgesetzt werden musste – gegen politische Widerstände, aber auch gegen solche im Polizeiapparat. „Es gab keine ausgeprägte Fehlerkultur“, sagt Müller, und seine Stimme wird dabei leiser.

Am Morgen des 16. August 1988 stürmen zwei Gangster schwer bewaffnet eine Bank im nordrhein-westfälischen Gladbeck.
Für die beiden Bankräuber, ans-Jürgen Rösner und seinen Kumpel ...
... Dieter Degowski ist es ein Bankraub, der sich zu einem 54 Stunden dauernden Geiseldrama entwickeln wird.
Ein Spezialeinsatzkommando dringt zwar in die Bank ein, greift aber nicht zu.
Fotostrecke: Das Gladbecker Geiseldrama: Die 54-stündige Odyssee in Bildern

Fraglos lebt Gladbeck bis in die Gegenwart in der ­Bremer Polizei weiter. Was würde man heute anders machen? „Vieles“, sagt Müller und lächelt das erste Mal während des Gesprächs, weil er weiß, dass diese Antwort ebenso viel- wie nichtssagend ist. Also konkreter: Welche Konsequenzen wurden gezogen, wie wurden sie umgesetzt und womit bekommen es Geiselnehmer heute in Bremen zu tun?

„Nach Gladbeck hat uns die Frage des richtigen taktischen und strategischen Umgehens mit Geiselnahmen sicher zehn Jahre beschäftigt. Grundsätzlich braucht man einen guten Plan, trainiertes und kompetentes Personal und das notwendige Quäntchen Glück“, sagt Müller. Heute gibt es dem Polizeichef zufolge prinzipiell andere Vorgaben für solche Lagen: „Grundsätzlich gilt, dass eine Geiselnahme am ersten Ort gelöst wird.“

Dass die Täter mit ihren Geiseln mittags in die Stadt kommen und diese am Abend mit noch mehr Geiseln wieder verlassen, ist für Müller nicht vorstellbar. Schon damals hätte dies nicht passieren dürfen: „Geiselnahmen sind nur stationär lösbar, mobile Lagen sind äußerst schwer zu kontrollieren und werden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln verhindert. Verhandlungstaktik ist hierbei ein Kerninstrument.“

Auf Nummer sicher

Eine weitere Erkenntnis aus Gladbeck war für die Polizeiführung, dass man es nicht dem Zufall überlassen kann, welcher Beamte im Ernstfall die Funktion des Polizeiführers übernimmt. Damals, so erinnert Müller, war es der Leiter der Kriminalpolizei, „der sich im Alltag mit ganz anderen Aufgaben auseinandersetzen musste“. Ob der am besten geeignet war, die Lage zu managen? „Vielleicht“, sagt Müller.

Heute geht man in Bremen in dieser Sache auf Nummer sicher: Es gibt derzeit drei ständige Polizeiführer, von denen immer einer präsent und darauf vorbereitet ist, eine sogenannte Großlage zu übernehmen. Das ist nicht die billigste Lösung – und sie ist bundesweit einmalig. Aber die Vorteile liegen für den Polizeichef auf der Hand: Für die Beamten, die mit der Konzeption von Einsätzen beschäftigt sind, Einsätze trainieren, andere Beamte ausbilden, gebe es nichts, in das sie unvorbereitet hineingeraten, oder in das sie sich erst prinzipiell hineindenken müssten. Müller: „Die leben in der Lage und sind durch regelmäßige Einsätze geübt.“

Mehr zum Thema
Geiseldrama vor 30 Jahren: Der Gladbeck-Prozess
Geiseldrama vor 30 Jahren
Der Gladbeck-Prozess

Der Gladbeck-Prozess war 1989 der "Prozess des Jahres". Aus ihm wurde ein Prozess der Jahre. Für ...

 mehr »

Andreas Löwe ist einer aus diesem Trio. Polizeidirektor. Das klingt nach in Ehren ergraut und bevorstehendem Ruhestand. Davon ist Löwe weit entfernt. Der 45-Jährige ist durch und durch Chef im Sonderlageraum, der sich immer dann mit Leben füllt, wenn der ­Einsatzleiter vom Dienst im benachbarten Lagezentrum – dort, wo die normalen 110-Notrufe aufgenommen und abgearbeitet werden – eine BAO aufruft.

Das Kürzel steht für „Besondere Aufbau-Organisation“. BAO heißt nichts anderes, als dass sich eine Lage entwickelt, die mit den ­normalen Bordmitteln und dem üblichen Personal des Lagezentrums nicht zu bewältigen ist. Das können eine Geiselnahme, ein Terroranschlag oder eskalierende Demonstrationen und Risikofußballspiele sein. Dann füllt sich der Sonderlageraum sehr schnell mit Spezialisten, die ihre fest zugewiesenen Aufgaben und Verantwortungsbereiche haben: Informationsbeschaffung über die Lageentwicklung und eingeleitete polizeiliche Maßnahmen oder die Gefährdungssituation vor Ort.

Polizei in Bremen wurde völlig unvorbereitet getroffen

Andere kümmern sich um die Alarmierung und Heranführung von Personal und Material, um Tatortabsperrungen, die Verbindung zu den Einheiten vor Ort, wieder andere um grafische Visualisierungen der Situation am Tatort, Dokumentation und Unterrichtung der Medien. Ein Stab von Beratern des Polizeiführers entwickelt frühzeitig alternative Handlungsoptionen. Löwe kommt „in der Erwartung, dass die Kollegen so weit wie möglich ihre Jobs gemacht haben, dass wir die Informationen haben, die wir brauchen“ und erklärt die Übernahme der Lage.

Auch Löwe ist, obwohl er damals noch nicht Polizist war, der Fall Gladbeck äußerst vertraut – nicht zuletzt, weil dieser in der Ausbildung immer wieder zum Thema wird. Die Geiselnahme habe die Polizei in Bremen völlig unvorbereitet getroffen, sagt er. Der Informationsfluss von Gladbeck nach Bremen war dürftig.

Man wusste nahezu nichts über die Geiseln und ihren Zustand, ebenso wenig über die Täter, die zu diesem Zeitpunkt schon um die 36 Stunden ohne Schlaf waren. Die Übernahme durch die Bremer Polizei erfolgte erst spät am Tag, als die Täter bereits in Huckelriede waren. Auch eine solche Konstellation, sagt Löwe, in der die Bremer Beamten auf Bremer Boden über einen so langen Zeitraum einer anderen ortsunkundigen Polizei lediglich zuarbeiten und eigentlich nichts zu entscheiden haben, komme heute nicht mehr infrage.

Mehr zum Thema
Geiseldrama in Gladbeck: „Gewalttäter haben schwere Defizite“
Geiseldrama in Gladbeck
„Gewalttäter haben schwere Defizite“

Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth befasst sich auch mit der Schuldfähigkeit von ...

 mehr »

Ebenfalls abgeschafft sind die zeitraubenden ellenlangen Befehlsketten, durch die jede einzelne Entscheidung früher hindurch musste. Dass damals im Polizeihaus atemloses Entsetzen über die reale Situation in Huckelriede herrschte, nachdem die ersten Fernsehsender darüber berichtet hatten, zeigt für Polizeipräsident Müller überdeutlich, dass die konkreten Lagen sich vor Ort sehr viel schneller und komplexer entwickeln als ihre Darstellung im Lagezentrum.

Müller: „Daraus hat sich für uns unmittelbar die Notwendigkeit ergeben, mehr Handlungs- und Entscheidungskompetenz an die Beamten abzugeben, die vor Ort sind und die Situation sehr viel realitätsnäher einschätzen können. ­­­Unter diesen Bedingungen hätten vorhandene Zugriffsmöglichkeiten in Bremen-Nord 1988 vielleicht genutzt werden können.

Geht das? Kann man Entscheidungen aus der Hand geben, für die man am Ende doch selbst geradestehen muss? Löwe hat es mit der praktischen Umsetzung zu tun. Er muss den Kollegen anhand der Lageeinschätzung Handlungsrahmen setzen, die Bedingungen und Ziele definieren, innerhalb derer Beamte am Tatort operativ entscheiden können und sollen.

Polizei ist inzwischen besser aufgestellt

„Das ist komplex“, sagt Löwe. „Du musst die Leute kennen, mit denen du arbeitest, du musst wissen, wie sie ticken und was sie können, und du musst wissen, dass du ihnen vertrauen kannst.“ Insgesamt sieht Müller die Polizei in Sachen Bewältigung von Großlagen inzwischen sehr viel besser aufgestellt als damals. „Die heutigen bundesweit abgestimmten Einsatzkonzeptionen bilden um einiges präziser die konkreten Problemstellungen ab, mit denen die Polizei es bei komplexen Lagen zu tun bekommt“, sagt er.

Die technischen Mittel seien besser, die Ausbildung der Polizisten sei besser. Eine Einschränkung macht der Bremer Polizeichef dann aber doch: „Wir kennen ­Situationen, die nicht gut ausgegangen sind, obwohl die Struktur der Polizeieinsätze in Ordnung war und keine offensichtlichen Fehler gemacht worden sind. Andererseits gibt es Fälle, in denen die Polizei im Nachhinein zu Recht kritisiert wurde, aber im Ergebnis erfolgreich war. Man braucht am Ende einfach auch ein bisschen Glück.“

Mehr zum Thema
Ausnahmezustand in Gladbeck: Die Gier nach Aufmerksamkeit
Ausnahmezustand in Gladbeck
Die Gier nach Aufmerksamkeit

Was geschähe, wenn Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski heute eine Bank überfielen und einen Bus ...

 mehr »

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 17 °C / 9 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Gewitter.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 70 %
Community-Regeln des WESER-KURIER
Community-Regeln des WESER-KURIER

Um eine anregende, sachliche und für alle Parteien angenehme Diskussion auf www.weser-kurier.de sowie auf Facebook zu ermöglichen, haben wir folgende Richtlinien entwickelt, um deren Einhaltung wir Sie bitten möchten. 

Leserkommentare
peteris am 18.10.2019 18:22
Außenhaut vollständig zerstört
„Seute Deern“ hat Totalschaden


MaxHeinken
am 18.10.2019, 17:58
Das kommt davon, ...
juergenkluth am 18.10.2019 18:21
Erst mal meinen (sarkastisch gemeinten) herzlichen Glückwunsch an die Herrschaften, die es so weit haben kommen lassen. Ich stelle mir die Frage, ...
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Der WESER-KURIER bei Twitter
WESER-KURIER Kundenservice