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Eine Bahn, die wieder Dampf macht

Karsten von Borstel 27.06.2017 1 Kommentar

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Niedersachsen will beim emissionsfreien Nahverkehr ein Vorbild sein. Statt Diesel-Loks sollen Züge mit Wasserstoff unterwegs sein. Zwei Coradia-iLint-Züge mit Wasserstoffantrieb des Unternehmens Alstom sollen ab Ende 2017 zwischen Buxtehude und Cuxhaven fahren.

Eine Probefahrt mit der Weltneuheit namens Coradia iLint.

Sein Zischen klingt wie ein Aufatmen, eine Art Erleichterung, als der Coradia iLint in die Gleishalle rollt. Fast so, als wollte oder könnte der Zug sagen: Es ist geschafft. Journalisten richten Kameras und Smartphones auf das Gefährt, das rein äußerlich daherkommt wie Tausende seiner Art. Fehlanzeige: Unter der Blechhülle steckt eine Sensation – und nicht weniger. Der Coradia iLint ist der erste serienmäßige Zug, der mit Brennstoffzelle angetrieben wird. Die Firma Alstom präsentierte die Weltneuheit kürzlich auf seinem Werksgelände in Salzgitter. Zwei Eisenbahnen sollen mit der Fahrplanumstellung Ende 2017 in einem Pilotprojekt rollen – auf der EVB-Strecke Buxtehude-Bremervörde-Bremerhaven-Cuxhaven.

Dabei galt es als ausgemacht, dass der Diesel im Zugverkehr auf lange Zeit das Nonplusultra bleibt. Zumindest da, wo die Elektrifizierung, sprich S-Bahn und Co., kaum oder keinen Sinn macht. Alstom tritt den Gegenbeweis an. Die Franzosen entwickeln ihren Antrieb seit drei Jahren und könnten Branchenschwergewichten wie Siemens und fernöstlichen Konzernen den Schneid abkaufen. Das verwundert. Zumal Industrienationen wie Japan als die Technologie-Vorreiter gelten. Dort ist die Entwicklung Regierungssache.

Aber was ist so besonders an der Technik? Der Hydrail hat einen Wasserstofftank und eine Brennstoffzelle unter dem Dach verbaut. Genau genommen sind es 14 Brennstoffzellen je Zug. Die wandeln den chemischen Stoff in elektrische Energie um. Auf den Regionalstrecken verkehren bislang vornehmlich Dieseltriebwagen – mit enormem Schadstoffausstoß. Der Wasserstoffzug soll ihr emissionsfreies Pendant werden, vor allem in strukturschwachen Gegenden.

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Fachsimpeln während der Probefahrt über die Vorzüge des Coradia iLint: Wolfram Schwab von Alstom (links) und Staatssekretär Enak Ferlemann.

Der Coradia iLint verfügt über einen intelligenten Energiespeicher, mit dem er noch effizienter und die Reichweite erhöht wird. Rund 600 Kilometer schafft er laut Herstellerangaben. Dann muss er an die ­Zapfsäule. Auf der Strecke Buxtehude-Cuxhaven heißt das – wie bei Dieselloks – einmal täglich tanken. Die Infrastruktur für die Energieversorgung gilt als größte Herausforderung, aber nicht unlösbar. Das gilt auch für die deutschen Autobauer. Auf dem Gelände der EVB in Bremervörde wird eine spezielle Wasserstofftankstelle errichtet.

Der Ruf von Wasserstoff ist schlecht, um nicht zu sagen miserabel. Der Chemieunterricht ist nicht schuldlos daran. Stichwort: Knallgasprobe, 8. Klasse. Wer erinnert sich nicht? Ein Gemisch aus Wasserstoff und Sauerstoff explodiert, wenn es mit offener Flamme in Berührung kommt. Worst Case: 6. Mai 1937. Das Luftschiff „LZ 129“ entzündet sich nach dem Jungfernflug und erlangt Legendenstatus. Alstom will ausgerechnet mit einem wasserstoffbetriebenen Zug den Personennahverkehr revolutionieren. Eine „Hindenburg“ auf Schienen quasi? Nein. „Wir haben ein mehrstufiges Sicherheitssystem für die Tanks“, sagt Wolfram Schwab, Leiter Plattform Regionalzüge. Der Antrieb sei „so geschützt wie Dieseltanks“, verspricht der Manager. Er würde sich mehr Gedanken machen, in ein Flugzeug zu steigen, das Tonnen Kerosin geladen hat. Die Technik befinde sich auf dem Dach, weshalb austretende Kleinstmengen abwehen können. In Deutschland basiert der Gesamtverkehr auf den Straßen, Flüssen und Schienen noch zu 90 Prozent auf Erdöl und Kraftstoff, der daraus gewonnen wird. Wenn es um die Mobilität der Zukunft geht, gelten Elektroantriebe für gewöhnlich als Heilsbringer. Aber es gibt Experten, die anderer Auffassung sind. „In 30 Jahren werden wir alle mit Wasserstoff-Antrieb unterwegs sein“, prophezeit Enak Ferlemann. Der Motor des Elektro-BMW schnurrt, als der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium auf das Testgelände abbiegt. Ferlemann ist Schirmherr des Coradia iLint und einer der wenigen Gäste bei der ersten öffentlichen Probefahrt, der nicht nur die Entwickler und Mechaniker beiwohnen. Heute verkehrten in den deutschen Metropolen schon problemlos ­Wasserstoffbusse, betont Ferlemann. In privaten Haushalten erhalten Heizungen mit Brennstoffzelle zunehmend Einzug in Keller und Hauswirtschaftsräume.

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Bei der Präsentation liegen noch die Kabel im Inneren frei – das Interieur ist ansonsten wie bei anderen Zügen.

Auch in Ländern wie Japan und China gibt es Forschungsprojekte mit H-Zügen. Doch die sind entweder noch nicht serienreif oder haben nur eine begrenzte Reichweite. Anders der Coradia iLint. Das Bundesverkehrsministerium fördert ihn mit acht Millionen Euro. Dass die Technik ausgerechnet zwischen den Landkreisen Stade und Cuxhaven auf der Schiene getestet wird, geht mit auf Ferlemanns Kappe. Der Bundestagsabgeordnete für den Nordkreis und Cuxhaven gibt sich als Verfechter des Wasserstoffantriebs. Aber auch die Umstände in der Region gelten als besonders zuträglich. Der Treibstoff für den H-Zug kommt aus ­Stade. Für die Dow Chemical ist Wasserstoff ein Abfallprodukt der Elektrolyse, das bislang zumeist verbrannt wird. Die Firma Air Products beliefert schon heute von Stade aus eine H-Tankstelle in Hamburg. Der Alstom-Zug ist damit von der Stromerzeugung bis zum Betrieb emissionsfrei.

Im Innenraum sind noch die Kabel der Messtechnik sichtbar, behelfsmäßig ist eine Handvoll Stühle mit Plastikschalen in den Fahrgastbereich hinzugestellt. Das Testfahrzeug kommt gerade von der Abstimmung aus Tschechien zurück. Dort ist es 80 Stundenkilometer gefahren, technisch soll Tempo 140 drin sein. Vor der Auslieferung werden die Eisenbahnen noch nach Wünschen der Käufer ausgestattet. „Der Normalbürger wird später keinen Unterschied zu einem normalen Zug erkennen“, sagt Schwab. Bis auf einen. Hoffentlich. Der Wasserstoffzug soll erheblich leiser sein als seine konventionell motorisierte Konkurrenz. Vor allem für die lärmgeplagten Ortschaften entlang der Bahnlinien dürfte das Erleichterung verheißen. „Diese Antriebstechnik wird sich sehr schnell verbreiten“, prognostiziert Enak Ferlemann. Tatsächlich: Alstom hat bereits Absichtserklärungen mit mehreren Bundesländern unterzeichnet. Das Interesse aus Nachbarländern wie Dänemark und den Niederlanden ist ebenfalls da.

Der Hersteller rechnet zu Beginn mit einem Markt von 800 Wasserstoffzügen. Wenn Bahnverbindungen öffentlich ausgeschrieben werden, hätten CO2-reduzierte Antriebe längerfristig die Nase vorn, sagt Enak Ferlemann, und fügt hinzu: „Die Akzeptanz gegenüber Wasserstoff steigt, das spürt man.“

Zu möglichen Marktpreisen hüllt sich Alstom in Schweigen. Bei steigenden Preisen für Öl und Diesel könnten H-Züge künftig lukrativer werden. Brennstoffzellen haben einen weiteren Vorteil, der schwer wiegt – im wahrsten Sinne: Um einen Zug der Größenordnung mit Batterien zum Laufen zu bringen, müssten 35 Tonnen Akkus verbaut werden, wie Schwab vorrechnet. Derzeit läuft die Dokumentation für den Wasserstoffzug. Anschließend muss das Eisenbahnbundesamt noch die Zulassung erteilen. Wolfram Schwab sieht Alstom „absolut im Zeitrahmen“. Trotz der neuartigen Technologie ist das Testfahrzeug keineswegs ein Exot: 60 Prozent der Bauteile stecken heute bereits in herkömmlichen Regionalzügen, wie sie auf den Strecken auch im Landkreis Stade verkehren.

Das Pfeifen der Elektromotoren ist leise im Hintergrund zu hören, als sich der Coradia iLint ein letztes Mal auf der einen Kilometer langen Teststrecke in Bewegung setzt. Durch den Kontakt zur Schiene quietschen die Räder angestrengt. Die ­Geräuschkulisse bei gemächlichen 30 Stundenkilometern gleicht der einer S-Bahn. Dass hier ein Wasserstoffzug rollt, ist nicht nur eine technische Innovation, sondern eine Sensation. Das und nicht weniger. Wobei: Die Mitfahrer von Unternehmen, aus der Politik, Kommunen und Medien hatten sich diese Probefahrt mit Sicherheit explosiver vorgestellt. Immerhin haben sie keine „Hindenburg“ auf Schienen erlebt.

Der neue Coradia iLint Der Niederflurzug des französischen Bahntechnikanbieters Alstom ist der weltweit erste Zug in Serienfertigung, der mit einer Brennstoffzelle angetrieben wird, und komplett emissionsfrei. Auf den Dächern der Waggons, die Platz für bis zu 300 Fahrgäste bieten, befinden sich Brennstoffzellen und Wasserstofftanks. Reagiert der Wasserstoff mit dem Sauerstoff aus der Umgebungsluft, wird Energie für den Antrieb des Zuges erzeugt – die einzigen Abfall-­produkte dieses Vorgangs sind Wasserdampf und Wasser. Die Idee, Brennstoffzellentechnologie auf die Schiene zu bringen, ist zwar nicht vollkommen neu. Jedoch litten bisherige Modelle stets an zu geringer Reichweite oder niedrigen Höchstgeschwindigkeiten, die einen wirtschaftlichen Einsatz verhinderten. Der Coradia iLint gilt als erster erfolgversprechender Prototyp und ist besonders für den Einsatz auf nichtelektrifizierten Strecken geeignet, auf denen bisher hauptsächlich Diesellokomotiven zum Einsatz kommen. Überschüssiger Strom wird in den Batterien im Boden des Zuges gespeichert und kann beispielsweise für die Versorgung der Bordsysteme wie Türen oder Klimaanlage genutzt werden. Die Reichweite beträgt laut Hersteller rund 800 Kilometer pro Tankladung Wasserstoff.

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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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