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Lass dich nicht trollen

Ina Bullwinkel 08.11.2018 3 Kommentare

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Trolle unterscheiden sich darin, wie aggressiv oder wie professionell sie agieren. (Illustration: Stevie Schulze)

Egal, welche Meinung ein Nutzer hat, er wird jemanden im Internet finden, der sie teilt. Und zwar im doppelten Sinn: Der andere User ist nicht nur der gleichen Meinung, er verbreitet sie auch, indem er ein Posting auf Facebook oder bei Twitter teilt. Je mehr Menschen den Beitrag teilen, desto mehr Nutzer sehen ihn über verschiedene Kanäle. Das machen sich Trolle zunutze. Mit Trollen sind keine magischen Wesen, sondern Menschen gemeint, die vor ihren Rechnern sitzen und Hassbotschaften oder Fake News im Internet streuen. Trolle wollen provozieren, beleidigen und die Kommunikation im Netz stören. „Trolle können auf Twitter Hashtags kapern, in den Kommentarbereichen von Medien Diskussionen erschweren, auf Facebook blöde Fragen stellen“, definiert die Organisation Netzpolitik.org den Lebensinhalt von Trollen. Im Gegensatz zu Bots, die programmiert sind oder maschinell gesteuert, stecken hinter Trollen echte Menschen.

Professionelle Gruppen

Trolle unterscheiden sich darin, wie aggressiv oder wie professionell sie agieren. Ursprünglich galt der Begriff denjenigen, die sich als Einzelpersonen unzivilisiert im Internet verhalten, andere Nutzer beleidigen oder sie aus Spaß mit Nachrichten und Kommentaren bombardieren. Sie verstecken ihre Botschaften nicht unbedingt hinter einem Pseudonym, sondern nutzen zum Teil ihren wahren Namen. Solche Trolle gibt es seit Ende der Neunzigerjahre. Ein neueres Phänomen sind Trolle, die sich in Gruppen organisieren und gesteuerte Kampagnen gegen bestimmte Personen einsetzen, um sie einzuschüchtern, zu verunsichern oder unglaubwürdig erscheinen zu lassen. „Es kann sich aber auch um spontane Zusammenschlüsse von Trollen handeln, um andere anzugreifen, etwa bei Diskursen auf Twitter“, sagt Cornelius Puschmann, wissenschaftlicher Referent am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg. „Anhand der Followerstruktur findet man schnell andere Nutzer, die das gleiche Ziel verfolgen oder sich zu dem gleichen politischen Spektrum zählen“, sagt Puschmann, der sich in seiner Forschung mit Hassbotschaften im Internet befasst. Trolle hätten es zudem leicht, sich unerkannt in Foren, Whatsapp- oder geschlossenen Facebook-Gruppen zu organisieren und auszutauschen. „Diese Kommunikation ist dann nicht mehr öffentlich, dazu muss man eingeladen werden. So können sich Gruppen verabreden.“ Bei dieser organisierten Form des Trollens versuchten die Nutzer, eine „kollektive Aufmerksamkeit“ zu erregen.

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Für die Dokumentation „Lösch dich: So organisiert ist der Hass im Netz“ hat sich ein Team um den Youtuber Rayk Anders und den Journalisten Patrick Stegemann ein Jahr in die Welt von Trollen begeben. Sie entdecken, wie sich eine rechtsradikale Gruppe dazu verabredet, den Youtuber Tarik Tesfu anzugreifen. Das Team beschließt, dem geplanten Angriff mit eigenen, positiven Kommentaren entgegenzusteuern. Die Trolle merken, dass etwas nicht stimmt und reagieren mit noch mehr Hass. Nicht ohne Grund hat sich im Internet der Spruch „Don’t feed the troll“ – „Füttere nicht den Troll“ etabliert. Damit ist gemeint, dass sich Nutzer nicht auf Diskussionen mit Trollen einlassen sollten, da diese genau das wollen und als Reaktion immer mehr virtuellen Schmutz absondern. Schließlich streben Trolle nach Aufmerksamkeit, die sollten die Nutzer ihnen nicht geben. Ein gutes Argument gegen das Hungernlassen des Trolls ist jedoch der Gedanke, dass Hass-Postings nicht unkommentiert und damit stumm geduldet werden sollten, da sich andere Nutzer zu ähnlichen Äußerungen ermutigt fühlen könnten, während seriöse Nutzer die Plattform verlassen.

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Als Mittel gegen die Verbreitung von Troll-Content, empfiehlt Cornelius Puschmann ein einfaches Mittel: nicht teilen. „Die Leute teilen Dinge, die sie seltsam oder ärgerlich finden. Es ist dann aber trotzdem da draußen, und die Maschinerie der Netzwerke erkennt nicht, ob es relevant ist oder wahr, sondern nur, ob es oft geteilt wurde und viele Likes bekommen hat“, sagt Puschmann. Manchen Trollen geht es darum, eine möglichst große Masse an Content zu verbreiten. So soll der Eindruck entstehen, dass besonders viele Menschen die gleiche Meinung zu einem Thema, wie etwa Merkels Flüchtlingspolitik, haben. „Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Diskurse in sozialen Netzwerken nicht die öffentliche Meinung abbilden, sondern nur die derjenigen, die besonders extrovertiert, meinungsstark und laut sind“, sagt Puschmann und bezieht sich dabei auf eine Studie, die sein Kollege Sascha Hölig am Hans-Bredow-Institut erarbeitet hat. Ein neues Phänomen bei der Kommunikation in sozialen Netzwerken sei die Fähigkeit von Menschen, sich zusammenzuschließen, sodass sie ein Gefühl von Legitimität für ihre Positionen bekommen. Verfechter von Verschwörungstheorien sehen sich demnach in ihren Meinungen bestätigt, weil sie online auf vermeintlich viele andere Nutzer stoßen, die denselben Gerüchten glauben. Ähnliches berichtet Yannis Theocharis, der zu trollenden Interaktionen zwischen Bürgern und Politikern in sozialen Medien an der Universität Bremen forscht. „Bestimmte Ereignisse werden aufgebläht, sodass die Anzahl der Posts nicht im Verhältnis zur tatsächlichen Stimmungslage steht“, sagt Theocharis. Außerdem würden Trolle das Internet mit irrelevanten Inhalten fluten, um zum Beispiel von einer Berichterstattung abzulenken, die nicht zur eigenen Agenda passt. Damit wird das Stimmungsbild der Öffentlichkeit verzerrt.

Gefährlich für die Demokratie

Theocharis befasst sich bei seiner Arbeit an der Uni Bremen vor allem mit den Auswirkungen des Trollens auf die Demokratie. Am gefährlichsten sei die Demobilisation, bei der User, und zwar meistens Minderheiten wie Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund, online so massiv bedroht und belästigt werden, dass sie sich von Plattformen und dem Diskurs zurückziehen und somit gezwungen sind, ein Stück ihrer demokratischen Teilhabe aufzugeben. Trolle, die mit ihrer Meinung häufig ebenfalls in der Minderheit sind, schaffen es also durch organisiertes Mobbing, größer zu erscheinen als sie sind. „Erstaunlich ist dabei, dass Trollen nicht so weitreichend ist, aber einige Fälle sehr viel Aufmerksamkeit von den Medien bekommen.“ So gebe es laut Theocharis nach bisherigen Erkenntnissen nur einen kleinen oder vernachlässigbaren Effekt russischer Einflussnahme auf das Ergebnis der US-Wahlen vor zwei Jahren. „Wen wir wählen, entscheiden Überzeugungen, die tief in uns verankert sind. Wer immer die Demokraten wählt, wählt nicht wegen ein paar diskreditierender Posts die Republikaner.“ Wie Wahlen ausgehen, werde von vielen anderen Faktoren beeinflusst. „Bei der Manipulation von Wahlen geht es eher darum, generelles Misstrauen und Verunsicherung zu erzeugen, als nur den Wahlausgang für einen bestimmten Kandidaten zu beeinflussen“, sagt auch Cornelius Puschmann. Das ist Präsident Wladimir Putin offensichtlich gelungen, da viele Menschen der Meinung sind, dass Russland sehr wohl Wahlen in den USA und Europa beeinflussen kann.

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Damit weniger User Falschinformationen verbreiten, müssen sie Inhalte hinterfragen. „Die Nutzer müssen bestimmte Fähigkeiten mitbringen wie kritisches Denken. Es ist vor allem eine Frage von Bildung und digitalem Wissen, ob Menschen an absurde Behauptungen im Internet glauben“, sagt Yannis Theocharis. Auch die Bundesregierung hat sich Gedanken zum Thema Hate Speech gemacht. Mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) sind Internetfirmen wie Facebook oder Twitter verpflichtet, „offensichtlich rechtswidrige“ Inhalte innerhalb von 24 Stunden zu löschen. Das Löschen kann nach Ansicht von Cornelius Puschmann jedoch nur ein Teil der Lösung sein. „Die Nutzer müssen besser darin werden, Inhalte zu bewerten und die Quelle von Artikeln und Informationen als vertrauenswürdig einzuordnen“, sagt er. Und auch Yannis Theocharis sieht das Gesetz kritisch und nah an der Zensur, da nicht immer eindeutig ist, was als „offensichtlich rechtswidrig“ gilt und den Firmen viel Macht gegeben wird. „Es ist ein sehr strenges Gesetz, eines das eine Demokratie näher an eine Autokratie rückt“, sagt Theocharis. Kein Zufall also, dass Russland das NetzDG kurz nach Inkrafttreten fast wortgleich in seine eigene Rechtsprechung übernommen hat.


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Leserkommentare
WESER-KURIER_Onlineredaktion am 23.10.2019 10:44
Danke für den Hinweis. Das Gelände wurde vor 14 Jahren erworben. Die Fläche ist elf Hektar groß. Wir haben das korrigiert.
Lemurer am 23.10.2019 10:41
Noch nicht gemerkt? Die redaktionelle Qualität der WK Artikel hat bald Bild-Zeitungsniveau erreicht.
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