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Mobbing im Netz
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Wenn das Internet zur Waffe wird

Eva Przybyla 21.08.2019 0 Kommentare

Alle gegen eine: Cybermobbing bedeutet häufig Ausgrenzung.
Alle gegen eine: Cybermobbing bedeutet häufig Ausgrenzung. (Daisy Daisy)

Ein Junge und ein Mädchen flirten auf Whatsapp. Er schreibt, sie solle sich oben ohne fotografieren und ihm das Selfie schicken. Nach einigem Hin und Her willigt das Mädchen ein. Später wird der vermeintliche Freund noch mehr Nacktfotos verlangen und sie erpressen. Oder er wird das erste Foto auf vielen Online-Plattformen veröffentlichen, sodass Freunde, Mitschüler, Lehrer und Fremde das Mädchen nackt sehen.

Fälle wie diese hat die Sozialarbeiterin Sandra Koschel von der Erziehungshilfe der Caritas Bremen in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt. Es handelt sich um Mobbing im Internet, sogenanntes Cybermobbing. Um Mädchen im Alter von zwölf bis 16 Jahren dafür zu sensibilisieren, hat Koschel die  Gruppe „My digit@l life“ gegründet. Unter Cybermobbing versteht die Erziehungspädagogin in erster Linie psychische Gewalt im Internet gegen einzelne Kinder und Jugendliche, also Ausgrenzung, Beleidigungen, Erpressungen und Kränkungen – und das nicht selten jahrelang. Den Ausweg sehen betroffene Jugendliche laut Koschel manchmal nur im Schulwechsel und – im schlimmsten Fall – im Suizid.

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Wie viele Jugendliche von Cybermobbing betroffen sind, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Selbst das Bündnis gegen Cybermobbing hat keine genauen Zahlen, veröffentlichte 2017 aber eine viel besprochene Studie. Demnach war jedes vierte Kind in Bremen schon Opfer von Cybermobbing. Damit wurden in der Hansestadt im Ländervergleich die meisten Fälle gemessen. Das geht zumindest aus den Befragungen der Eltern hervor. Die Schätzungen der Lehrer liegen nach Angaben des Bündnisses darunter genauso wie die der Schüler.

Mehr als jedes sechste Kind betroffen

Jan Pfetsch, Professor für Pädagogische Psychologie an der Technischen Universität Berlin, geht davon aus, dass etwa 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Netz gemobbt werden. Außerhalb des Internets seien es doppelt so viele, sagt der Wissenschaftler, der Cybermobbing erforscht. Häufig hängen beide Mobbingformen – im Internet und auf dem Schulhof – zusammen. Denn Cybermobbing findet dem Wissenschaftler zufolge häufig zwischen Kindern und Jugendlichen statt, die viel Zeit miteinander verbringen. Oft besuchen sie dieselbe Schule.

„Häufig besteht eine persönliche Beziehung zwischen der Person, die mobbt, und der, die gemobbt wird“, sagt Pfetsch. Die Täter würden in Befragungen zwei Gründe für ihr Verhalten angeben: Streit mit der gemobbten Person oder die Aussage „Ich mag sie nicht“. Aus Sicht der Betroffenen wollten die Mobber Stärke und Überlegenheit demonstrieren. „Sie wollen sich selbst aufwerten, indem sie andere abwerten“, sagt Pfetsch. Manche Jugendliche seien sich der Wirkung auf die Betroffenen nicht bewusst, weil durch die computervermittelte Kommunikation kein direktes Feedback verfügbar sei.

Dass Cybermobbing nicht nur ein Problem der Täter ist, schreiben auch die Autoren des Handbuchs „Was tun bei (Cyber)Mobbing“. Sie arbeiten für Klicksafe, die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz, und das Präventionsprogramm Konfliktkultur. Die Autoren beschreiben Mobbing als Problem innerhalb eines sozialen Systems. Zu der Entstehung und Aufrechterhaltung eines komplexen Konflikts würden viele Akteure beitragen, heißt es in dem Handbuch. Dazu zählten etwa auch Zuschauer, die in den Konflikt nicht eingreifen würden. Alle diese Akteure teilen den Autoren zufolge wenige konstruktive Werte. „In Klassen mit (Cyber-)Mobbing herrscht ein Klima der Diskriminierung, Demokratie als Lebensform wird täglich in Frage gestellt“, schreiben sie. Häufig gelte das Recht des Stärkeren. Seine Gewalt könne in Form von Cybermobbing jeden treffen: „Jeder kann Opfer werden, denn jeder hat Eigenschaften, die ihn von anderen unterscheiden“, heißt es in dem Handbuch.

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Die Autoren von Klicksafe und Konfliktkultur setzen auf die Vorbeugung von Cybermobbing in den Schulen. Sie wollen nach eigenen Angaben Demokratie und Rechtsstaat in den Klassenzimmern erlebbar machen sowie eine soziale Einstellung der Schüler fördern. Eine probate Methode, findet der Psychologe Pfetsch. „Die Forschung zeigt, dass Klassen mit gutem Klassenklima und Konfliktlösungsstrategien seltener Cybermobbing erleben“, sagt er. Gute Prävention an den Schulen sollte dem Wissenschaftler zufolge drei Dinge vermitteln: Sie sollte das Bewusstsein für Cybermobbing schärfen und dieses handlungsorientiert verfestigen. Außerdem sollten technische Aspekte vermittelt werden, etwa die Privatsphäre-Einstellungen in den sozialen Netzwerken.

Wenn Jugendliche von Cybermobbing betroffen sind, empfiehlt Pfetsch, schnell darauf zu reagieren: „Klar und sachlich ‘Stopp‘ sagen ist eine wichtige Botschaft“, sagt der Forscher. Dabei sollten Betroffene nicht aggressiv reagieren und sich möglichst schnell Unterstützung bei Gleichaltrigen, Schulsozialarbeitern und Eltern suchen. Außerdem können die Mobber in sozialen Netzwerken blockiert und ihre Kommentare zum Nachweis dokumentiert werden. In manchen Fällen sollten Betroffene auch die Polizei kontaktieren, rät Pfetsch, etwa bei Morddrohungen und Androhungen von Gewalt. Allgemein empfiehlt er, dass alle Jugendlichen versuchen sollten, sich gegenseitig zu unterstützen, um Cybermobbing zu vermindern.

Moritz Scherzer vom Bündnis gegen Cybermobbing gibt jedoch zu bedenken, dass nur wenige Strafverfahren bei Mobbing den gewünschten Erfolg hätten. Wie auch bei Hasskommentaren sei es häufig für die Ermittler schwer zu bestimmen, ob es sich bei Cybermobbing-Attacken wirklich um gesetzeswidrige Aussagen handelt. Das Bündnis fordert deshalb einen eigenen Straftatbestand für Cybermobbing. „So könnten Täter strafrechtlich effektiver verfolgt werden“, sagt Scherzer. Zudem wirke ein solcher Paragraf abschreckend auf Mobber.

Es gibt kein Entkommen

Dass es wegen des Internets mehr Mobbingfälle gibt, bezweifeln Experten. Scherzer zufolge hat sich durch das Internet jedoch die Art des Mobbings verändert. „Die Angriffe sind unangenehmer geworden“, sagt er. Denn das Internet sei eine mächtige Waffe. Es sei überall, auch im Zuhause der Kinder. So würden sie selbst in ihrem eigenen Zimmer die Nachrichten ihrer Mobber erreichen. „Es gibt keine Schutzzone mehr“, sagt der Bündnissprecher. Zudem würden sich die Nachrichten sehr schnell verbreiten. In den sozialen Netzwerken könnten sich viele anonym an dem Mobbing beteiligen, selbst Menschen, die das Opfer noch nie getroffen hätten. Ein weiteres Problem: Postings seien dauerpräsent. Und selbst wenn Betroffene sie löschen, könnte immer noch ein Screenshot von dem Posting auf den Geräten der Mobber gespeichert sein. „Das ist eine tickende Bombe“, sagt Scherzer.

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Die Kinder wissen gar nicht, was sie in sozialen Netzwerken mit ihren Postings auslösen, meint der Bündnissprecher. Sie müssten sich intensiv mit den Netzwerken beschäftigen. Da seien auch die Eltern gefragt. Konkret gehe es um Medienerziehung. „Die Eltern könnten mit den Kindern Apps und Spiele gemeinsam nutzen und diskutieren“, sagt Scherzer. Er empfiehlt, die Sicherheitseinstellungen von sozialen Netzwerken gemeinsam zu erkunden und anzupassen. Denn viele Kinder hätten öffentliche Profile, die sich jeder anschauen könne. Doch das allein reicht nicht: „Eltern müssen ihr eigenes Mediennutzungsverhalten kritisch hinterfragen.“ Denn sie selbst sollten ihren Kindern eine bewusste Nutzung von Smartphones vorleben.

Die Sozialarbeiterin Koschel weiß, dass es für Eltern schwierig ist, nicht kontrollierend zu wirken, wenn sie mit ihren Kindern über Smartphones und Co sprechen. Hilfreich sei ein natürliches Interesse an dem, was Kinder im Internet machen, sagt sie. Da helfe etwa die Frage: „Was interessiert dich gerade im Internet?“ Denn, wenn die Kinder ihren Eltern vertrauten, sagt Koschel, würden sie eher von Cybermobbing zu Hause erzählen.

Weitere Informationen

Die Gruppe „My digit@l life“ trifft sich montags (alle zwei Wochen) im Caritas-Stadtteilzentrum St. Michael, Kornstr. 371. Informationen gibt es bei Sandra Koschel 01 62 / 108 15 65 und Lisa Schuppe 01 62 / 106 86 62.


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Leserkommentare
werderfan am 23.10.2019 21:15
Ich versuche das mal kurz für die Demokratiefreunde zu erläutern:
1. Der Umweltausschuss des Beirats Blumenthal tagt am nächsten Montag ...
IhrenNamen am 23.10.2019 21:02
Ich bin mal sehr gespannt wie sich das auf die Spendensumme auswirkt.
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