Wetter: Nebel, 11 bis 16 °C
Der Tag nach dem Anschlag
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Wie Halle den Schock verarbeitet

10.10.2019 0 Kommentare

Sachsen-Anhalt, Halle: Ein Davidstern an der Kuppel der Synagoge.
Sachsen-Anhalt, Halle: Ein Davidstern an der Kuppel der Synagoge. (Hendrik Schmidt / dpa)

Im Minutentakt kommen Menschen und legen Blumen vor die Synagoge in Halle. Einige weinen, alle halten inne und wirken bedrückt. Anwohner hängen am Donnerstag spontan ein selbstgemaltes Transparent an ihr Fenster: „Humboldstr gegen Antisemitismus + Hass“ steht darauf. Die Hausgemeinschaft habe ein Zeichen setzen wollen gegen das Anliegen des 27 Jahre alten Mannes, der für den Anschlag auf die Synagoge und zwei Tote und mehrere Verletzte verantwortlich sein soll, sagt Benjamin Leins (32). Die Gedanken hinter der Tat, der Hass, er sei bei vielen Leuten präsent. „Und deswegen finden wir es wichtig, dass man auf die Schnelle ein Zeichen dagegen setzt.“

Dieses Zeichen wollen am Tag nach dem weltweit registrierten Anschlag viele setzen. Auf dem Marktplatz von Halle entsteht ein Kerzen- und Blumenmeer, ebenso direkt an den Tatorten vor der Synagoge und an einem nahen Dönerladen. „Unfassbar“, „grausam“, „einfach nur schlimm“ murmeln die Menschen, die an den Orten um die Opfer trauern.

Ein Zeichen setzen

„Ich bin hier, weil ich die Tat als Angriff auf die Freiheit sehe“, sagt Laura, eine 30-jährige Studentin aus der Stadt. „Das ist schon krass, weil wir uns an den Frieden gewöhnt haben, jetzt reicht ein Mensch, um ihn zu zerstören.“

Mehr zum Thema
Jüdische Gemeinde: Enger Austausch mit der Polizei Bremen
Jüdische Gemeinde
Enger Austausch mit der Polizei Bremen

Nach dem antisemitischen Angriff in Halle/Saale wurden die Sicherheitsmaßnahmen vor Synagogen ...

 mehr »

Neben den Polizisten sind auch Journalisten sehr präsent. Vor der Synagoge beantworten einige Jüdinnen und Juden, die während des Anschlags in dem Gotteshaus waren, geduldig Fragen. Unter ihnen ist Christina Feist (29), die aus Wien stammt und in Berlin wohnt. Sie wollte „fern des Großstadttrubels“ mit anderen Gläubigen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in Halle begehen.

Der größte Schock für sie sei gewesen, dass sie auf dem Bildschirm der Überwachungskamera sehen konnten, wie der Täter direkt vor der Synagoge eine Frau erschoss. „Wir konnten schlecht rausgehen“, sagt Feist. Sie hätten mehr als 15 Minuten die am Boden liegende Frau gesehen, nicht wissend, ob sie lebt oder nicht. Erst dann sei die Polizei gekommen. In der Synagoge habe keine Panik geherrscht, aber Anspannung. „Wir haben gesungen, wir haben gebetet“, sagt Feist. Sie seien dankbar gewesen, dass sie noch lebten.

Politiker gedenken der Opfer

Doch zwei Menschen überleben den Anschlag nicht. Zu den vielen erschütterten und trauernden Hallensern gesellen sich im Laufe des Tages viele Spitzenpolitiker: Schon am späten Vormittag kommt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an. Er spricht von einem „feigen Anschlag“ und von einem „Tag der Scham und der Schande“.

Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ist vor Ort, zusammen mit dem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), dessen Amtskollegen aus dem Land, Holger Stahlknecht (CDU), und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, besucht er die Synagoge und den Tatort am Döner.

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Halle/Saale betonte Haseloff, die Gesellschaft im Land werde sich durch die Tat nicht auseinanderbringen bringen lassen, sondern sie werde zusammenhalten.

Jüdisches Leben sei erwünscht in Sachsen-Anhalt, betonte Haseloff. Die Gemeinden im Land müssten sicher sein, dass sie ihre Gottesdienste abhalten könnten. Sachsen-Anhalt sei ein weltoffenes Land, in dem der Respekt vor der Menschenwürde und die Religionsfreiheit als hohes Gut gelte. Zugleich kündigte Haseloff Maßnahmen zum Schutz vor Anschlägen an, äußerte sich zunächst aber nicht konkreter.

Mehr zum Thema
Spontane Versammlung in Bremen: Bestürzung und Trauer nach Angriff in Halle
Spontane Versammlung in Bremen
Bestürzung und Trauer nach Angriff in Halle

In Halle kehrt langsam Ruhe ein - und Trauer. Am Marktplatz in Halle gedenken einige der Toten. ...

 mehr »

Sie alle strömen ins Paulusviertel, am Rand der Innenstadt. Es ist eine der begehrtesten Wohngegenden. Viele Familien leben hier - und Studierende in Wohngemeinschaften. Die Ludwig-Wucherer-Straße, an der der Dönerladen liegt, in dem der Attentäter einen Mann erschoss, hat sich zu einem belebten Viertel mit Cafés und Ateliers entwickelt.

Eine aufstrebende Stadt

Damit steht es sinnbildlich für die Entwicklung der ganzen Stadt. Sie profitierte in den vergangenen Jahren auch vom Boom der sächsischen Nachbarstadt Leipzig. Wegen steigender Mietpreise dort wohnen inzwischen viele Studierende in Halle. Die Stadt an der Saale hat selbst eine Uni und eine Kunsthochschule, ist Sitz der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Seit Kurzem hat Halle mit seinen mehr als 239 000 Bewohnern die ebenfalls wachsende Landeshauptstadt Magdeburg überholt und ist die größte Stadt im Land.

Mehr zum Thema
Fragen und Antworten: Wie sicher sind Deutschlands Synagogen?
Fragen und Antworten
Wie sicher sind Deutschlands Synagogen?

Nach dem Angriff eines Rechtsextremisten auf die Synagoge in Halle stellt sich die Frage nach der ...

 mehr »

Doch auch die rechtsextreme Szene ist in der Stadt präsent. Montags hält ein bekannter Rechtsextremist regelmäßig Demos ab. Nur wenige Minuten Fußweg von der Synagoge entfernt gibt es eine Immobilie, die der vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremen Identitären Bewegung gehört. Der AfD-Landtagsabgeordnete und frühere Chef der Rechtsaußen-Strömung „Patriotische Plattform“, Hans-Thomas Tillschneider, hatte dort zwischenzeitlich sein Büro.

Die Stadt gehe konsequent gegen Rechts vor, beteuert Stadtchef Bernd Wiegand im Fernsehen. Der parteilose Politiker hofft, bei der anstehenden Oberbürgermeisterwahl wiedergewählt zu werden. Die erste Runde ist an diesem Sonntag. Ihm werden gute Chancen auf eine Wiederwahl eingeräumt. Wiegand verwies darauf, dass Rechtsextremismus wie Antisemitismus gesamtgesellschaftliche Probleme seien. „Wir waren bedauerlicherweise Ort des Terrorismus an diesem Tag, aber insgesamt müssen die gesellschaftlichen Anstrengungen weitestgehend und vielfältig erhöht werden.“

Mehr zum Thema
Reaktionen aus dem Inland und Ausland: Pressestimmen zum antisemitischen Angriff in Halle
Reaktionen aus dem Inland und Ausland
Pressestimmen zum antisemitischen Angriff in Halle

Der antisemitische Angriff ist sowohl bei deutschen als auch bei internationalen Zeitungen Thema in ...

 mehr »

Am Tag danach versucht Halle neben all dem Trauern und dem Großaufgebot an Politikern zur Normalität zurückzufinden. Auch am Hauptbahnhof, der während des Anschlags sicherheitshalber stundenlang gesperrt war, ist das zu beobachten. Die Menschen seien verhaltener als sonst, sagt eine Verkäuferin an einem Zeitungskiosk. Sie gebe deswegen allen Kunden den Wunsch für „einen ruhigen Tag“ mit. Und wenn die Blumen und Politiker weg sind - wird Halle dann enger zusammenstehen? Der Anwohner Leins, der das Transparent ans Fenster hängte, ist sich nicht sicher. „Das wird sich zeigen.“ (dpa)


Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 16 °C / 11 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Nebel.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %
Community-Regeln des WESER-KURIER
Community-Regeln des WESER-KURIER

Um eine anregende, sachliche und für alle Parteien angenehme Diskussion auf www.weser-kurier.de sowie auf Facebook zu ermöglichen, haben wir folgende Richtlinien entwickelt, um deren Einhaltung wir Sie bitten möchten. 

Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Der WESER-KURIER bei Twitter
WESER-KURIER Kundenservice