Weiterhin genug Schnee im Winter
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„Der Klimawandel findet im Sommer statt“

Markus Peters 04.02.2019 0 Kommentare

In den vergangenen Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, als werde Schnee in den Alpen zur Mangelware. Anfang Januar wurden aber Rekordschneefälle aus Bayern und Österreich gemeldet. Wie hängt das zusammen?

Günther Aigner: In erster Linie mit dem Nordstau. Die Kombination eines Tiefs über St. Petersburg mit einem Hoch über den Britischen Inseln führte feucht-kalte Luftmassen an die Alpen. Das war eine über zwei Wochen stabile Großwetterlage, die zu außergewöhnlich ergiebigen Schneefällen am Nordrand der Alpen geführt hatte. Auf der Alpensüdseite und im Westen sah es dagegen anders aus. Dort fiel vergleichsweise wenig Schnee. 2013 war es übrigens genau umgekehrt. Da haben Tiefdruckgebiete über dem Golf von Genua für Rekordschneefälle am Südrand der Alpen gesorgt, während auf der Nordseite der warme Föhnwind für grüne Hänge sorgte.

Einige Meteorologen erklären die Rekord-Niederschläge der vergangenen Wochen mit dem langen trockenen Sommer. Trifft das zu?

Da müssen sie einen Meteorologen fragen. Das kann ich nicht beurteilen. Ich bin Statistiker und werte die vorhandenen amtlichen Daten aus den vergangenen 100 Jahren aus. Übrigens: Der Sommer 2018 war in den Alpen nicht außergewöhnlich trocken.

Die Schneemengen in den vergangenen Monaten haben zu Ausnahmesituationen geführt. Die ARD buddelte für einen „Brennpunkt“ extra einen Moderator im Schnee ein. Ist diese Menge in den Alpen so außergewöhnlich?

Die Schneemengen, die wir heute zu verzeichnen haben, sind nicht besonders außergewöhnlich. Im Winter 1980/81 und auch Ende der 1990er-Jahre gab es ähnliche und noch höhere Schneemengen in Tirol. Wir sprechen hier also von einem Ereignis, das alle dreißig Jahre vorkommt. Aus alten Aufzeichnungen wissen wir aber, dass der Winter 1816/17 durch den Ausbruch des indonesischen Vulkans Mount Tambora im April 1815 erheblich kälter und schneereicher war als der heutige. Zwar liegen uns für diese Zeit noch keine Messdaten vor, aber Augenzeugenberichte aus dieser Zeit lassen diesen Schluss zu. Damals müsste in meinem Heimatort Waidring im Pillerseetal eine Schneehöhe von 272 Zentimeter erreicht worden sein, im hundertjährigen Mittel liegt dort die maximale Schneehöhe bei 95 Zentimetern.

Seit wann wird in Tirol eigentlich der Schneefall gemessen?

Wir verfügen über Datenmaterial aus den vergangenen 123 Jahren. Ausschlaggebend für die Messungen waren damals übrigens nicht die Wintersportler, sondern die Hydrologen. Denen ging es darum, die Hochwasser nach der Schneeschmelze besser berechnen zu können. Durch diese Daten können wir uns ein recht gutes Bild von der Schneemenge damals auf den Bergen machen.

Und wie wird genau gemessen?

Täglich morgens um sieben Uhr auf einem flachen, freistehenden Stück an vielen verschiedenen Orten in Tirol. Auf einem Peilstab wird die jeweilige Schneehöhe abgelesen.

Und was sind ihre Schlussfolgerungen aus den vorliegenden Daten?

Die jährlich größten Schneehöhen in Tirols Wintersportorten zeigen über die letzten 100 Jahre keinen signifikanten Trend. Auch die Anzahl der Tage mit Schneebedeckung pro Jahr ist über die letzten 100 Jahre statistisch unverändert. In Fieberbrunn zum Beispiel brachten acht der 21 letzten Winter höhere maximale Schneehöhen als im 123-jährigen Mittel. Die maximale Schneehöhe liegt dort durchschnittlich bei 110 Zentimetern. In diesem Winter liegen wir mit 185 Zentimetern deutlich drüber.

Das Pillerseetal kann mit Schneesicherheit punkten.
Das Pillerseetal kann mit Schneesicherheit punkten. (Toni NIEDERWIESER)

Sind denn Kunstschnee und Schneekanonen überhaupt notwendig?

Von der reinen Schneemenge her eher nicht. Angesichts der Schneemengen im langjährigen Mittel würde die Naturschneemenge im Winter ausreichen, um auch in Zukunft noch Wintersport zu betreiben. Auch die Anzahl der Tage im Jahr mit Schneebedeckung in Tirol ist weitgehend unverändert. Dennoch ist technischer Schnee für die Liftbetreiber und Bergbahngesellschaften unverzichtbar, da er einen zuverlässigen und planmäßigen Verlauf der Skisaison garantiert. Wir sprechen durchschnittlich von 141 Tagen mit Skibetrieb, Tendenz leicht steigend. Es geht beim Thema Kunstschnee aber weniger um die reine Schneemenge, sondern mehr um die Zeitschiene.

Es geht hier also eher um ökonomische Planungen als um Schneesicherheit?

Ja. Nehmen Sie zum Beispiel meinen Heimatort Waidring im Pillerseetal. Er liegt auf 778 Meter über dem Meeresspiegel. Im langjährigen Mittel liegt im Dorf ab dem 7. Dezember eine geschlossene Schneedecke. Im Winter 1992/93 verzögerte sich dieser Zeitpunkt auf den 26. Januar 1993, im Winter 1995/96 wurde dagegen schon am 3. November 1995 eine geschlossene Schneedecke notiert. Im langjährigen Mittel variiert der Einschneizeitpunkt um 90 Tage. Aber Hoteliers und Vermieter von Ferienwohnungen wollen natürlich nicht erst im Januar ihre Buchungen bestätigen. Daher liegt die technische Beschneiung eher im wirtschaftlichen Interesse.

Eine Neuschneemenge von 1,85 Meter klingt nicht besonders spektakulär im Vergleich zu den bis zu acht Metern, mit denen nordamerikanische Skigebiete für sich werben?

Das lässt sich nicht vergleichen. Erstens wegen der unterschiedlichen Beschaffenheit des Schnees, zweitens wegen der unterschiedlichen Messverfahren. Die Amerikaner messen viermal am Tag, in Europa wird nur einmal am Tag gemessen. Nun ist es so, dass sich der Schnee binnen 24 Stunden um bis zu fünfzig Prozent setzen kann. Sprich: Sind 20 Zentimeter Schnee gefallen, bleiben davon in der Statistik am Ende vielleicht nur noch zehn Zentimeter übrig. Als Vergleich taugt vielleicht eher die kumulierte Neuschneemenge. Die liegt im Pillerseetal bei 6,71 Metern.

Wie sieht es mit den Temperaturen aus?

Die Messdaten belegen, dass in den vergangenen dreißig Jahren im Alpenraum in den Bergen eher ein Absinken der Wintertemperaturen zu beobachten war, über 50 Jahre betrachtet bleiben sie stabil.

Gilt das nur für Tirol?

Nein, wir haben die langjährigen Daten von sieben Stationen auf einer mittleren Seehöhe von 1962 Metern in Deutschland, Österreich und der Schweiz miteinander verglichen.

Aber der Klimawandel lässt sich nicht leugnen?

Richtig, aber er findet vornehmlich im Sommer statt. Im Gegensatz zu den Wintermonaten sind die Sommer in den Alpen über die letzten Jahrzehnte markant wärmer geworden. Seit den 1970er-Jahren sprechen wir von einem Anstieg der durchschnittlichen Sommertemperatur von über drei Grad. Seit 28 Jahren sind alle Sommer in den Alpen wärmer als das langjährige Mittel. Den letzten zu kalten Sommer hatten wir im Jahre 1989.

Womit hängt das zusammen?

Ein Teil dieser Erwärmung kann mit häufigeren Hochdruckwetterlagen erklärt werden, da auch die Anzahl der sommerlichen Sonnenstunden seit Ende der 1970er-Jahre stark angestiegen ist. Damit geht auch eine Phase des Rückzugs der Alpengletscher einher, die übrigens zu Beginn der Messungen ihre größte Ausdehnung der letzten 10 000 Jahre hatten.

Wie wird sich denn der Schnee in den kommenden Jahren entwickeln?

Das kann ich auch nicht sagen. Das Wetter ist ein chaotisches System. Aber es sprechen viele Indizien dafür, dass die Winter in den Alpen in den kommenden Jahren mit einer ähnlichen Variabilität wie in den vergangenen 15 Jahren ausfallen werden. Das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch die Ansicht der allermeisten seriösen Meteorologen.

 

Die Fragen stellte Markus Peters.

Zur Person

Günther Aigner (41)

analysiert auf Basis langjähriger amtlicher Messdaten die Klimaentwicklung in den Alpen. Er hat in Innsbruck und New Orleans Sport und Wirtschaft studiert. Aigner lebt in Kitzbühel.


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