Am Ende Europas
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Kulturhauptstadt Galway bietet Musik und Meer

03.10.2019 0 Kommentare

Kathedrale von Galway
Die Kathedrale ist nur eine der vielen Sehenswürdigkeiten von Galway. Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn (Alexandra Stahl / dpa)

Galway (dpa/tmn) - Auch im Sommer sagt die Wetter-App tagelang Regen voraus, aber es ist nicht so, dass die Iren das stören würde. Sommer ist, wenn der Kalender es sagt.

Die Männer tragen bei 16 Grad und Platzregen kurze Hosen, die Frauen Sandalen, nur Hunde sieht man mit Regencape. Und sobald es aufklart, kommen auch die letzten Leute nach draußen: Willkommen in Galway.

Fluss Corrib
Der Fluss Corrib fließt durch Galway und mündet hier in den Atlantik. Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn (Alexandra Stahl / dpa)

80.000 Menschen leben in der kleinen Universitätsstadt im Westen Irlands. Sie ist rund zwei Zugstunden von der Hauptstadt Dublin im Osten entfernt und wird nächstes Jahr neben dem kroatischen Rijeka europäische Kulturhauptstadt. Das Leben spielt sich am Wasser ab - durch die Stadt rauscht der Fluss Corrib, der an der Küste in den Atlantik mündet. Es riecht nach Salz, Fisch und Regen.

Spaziergänge am Strand sind ein Muss. Die bunten Häuser am Meer unterhalb vom Zentrum gehören zum Stadtteil Claddagh, wo einst Fischer wohnten. Die Reste einer mittelalterlichen Stadtmauer erzählen von einer bewegten Vergangenheit: Am Spanish Arc soll Seefahrer Christopher Kolumbus das letzte Mal an Land gewesen sein, bevor er Amerika entdeckte.

Stadtteil Claddagh
Die bunten Häuser im Stadtteil Claddagh bringen etwas Farbe die Stadt, über der selbst im Sommer oft ein grauer Himmel hängt. Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn (Alexandra Stahl / dpa)

Viele Musikkneipen im Ort

Zwischen den Dächern der bunt angestrichenen Häuschen in der Innenstadt flattern kleine Wimpel in allen Farben, Pubs reihen sich an Musikkneipen und Instrumentengeschäfte. Auf einer Bank sitzt eine Bronzefigur - der irische Schriftsteller Oscar Wilde (1854-1900).

Oscar Wilde und Eduard Vilde
Die Bronze-Skulpturen der Schriftsteller Oscar Wilde und Eduard Vilde sitzen in der Innenstadt von Galway gemeinsam auf einer Bank. Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn (Alexandra Stahl / dpa)

Galway gilt zwar nicht als Hochburg für Popmusik, aber für traditionelle irische Musik. An jeder Ecke stehen Straßenmusiker. Die Stadt hat nicht nur einen berühmten Musikpub, sondern viele. Zum Beispiel die Crane Bar im Westend, die es schon seit 1894 gibt.

Mick Crehan, der die Bar zusammen mit seiner Frau betreibt, hat eine Flöte zwischen den Fingern und eine silberne Kastenbrille auf der Nase, eine, wie sie junge Leute in Berlin-Mitte heute ironisch tragen und Crehan vermutlich seit den Siebziger Jahren.

Mick Crehan
Mick Crehan ist Inhaber der Crane Bar in Galway. Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn (Alexandra Stahl / dpa)

Junge Musiker spielen alte Musik

„Heute spielen mehr junge Leute traditionelle irische Musik als je zuvor“, sagt Crehan, der seit 2001 jeden Sommer das Musikfestival „The Galway Sessions“ organisiert und eine Schule für traditionelle Musik gegründet hat. Aber was macht diese Musik aus?

Olra Egreder
Olra Egreder erzählt auf ihrer Food-Tour durch Galway viele spannende Geschichten. Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn (Alexandra Stahl / dpa)

„Das Alte ist ein wichtiger Teil“, sagt er. Die Geschichte mancher Lieder reiche Jahrhunderte zurück, was aber nicht alle, die sie spielten auch wüssten. „Sie spielen sie einfach.“ Wichtig sei auch der Austausch zwischen den Generationen. Crehan ist 59 und hat als Kind angefangen, zu spielen. Musik gehörte zum Alltag der Familie.

Dass Galway Kulturhauptstadt wird, hat Crehan unterstützt. „Wir sind stolz auf das, was wir tun, und wir wollen es zeigen.“ Motto seines Festivals sei nächstes Jahr dann auch Europa. Dann geht es etwa darum, wo irische Musik überall Wurzeln geschlagen hat.

«The King's Head»
Musikkneipen und Pubs wie hier «The King's Head» gibt es in Galway viele. Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn (Alexandra Stahl / dpa)

Fußball ist oft Thema in den Pubs

Auf dem Tresen stehen Pints, drüber hängt Werbung für das dunkle, süffige Guiness-Bier, aber man hat nicht den Eindruck, dass die in Irland überhaupt nötig ist. Die Gespräche drehen sich um Fußball. Wer in der Regionalliga gegen wen ran muss. Oder um das WM-Viertelfinale. Das von 1990. Weiter sind die Iren nie gekommen.

Pub-Besuch
Ohne Musik geht in Galway kaum ein Pub-Besuch zu Ende. Viele Musiker treten regelmäßig in den Bars und Pubs auf. Foto: Tourism Ireland/dpa-tmn (Tourism Ireland / dpa)

In anderen Kneipen tragen die Reserviert-Schilder auf den Tischen nicht die Namen derer, die reserviert haben, sondern der Fußballvereine, auf die angestoßen werden soll. Egal, wo man einkehrt, die Menschen sind laut und fröhlich. Kellner fragen immer mindestens einmal, ob es einem auch gut gehe. In der Innenstadt hängt ein Banner, Galway sei die freundlichste Stadt der Welt.

Zwischen Fish and Chips und Sterneküche

Stadtteil Salthill
Der Strand im Stadtteil Salthill lädt auch bei bedecktem Himmel zu Spaziergängen ein. Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn (Alexandra Stahl / dpa)

Und was isst man in dieser geselligen Küstenstadt? Die klassischen Fish and Chips - frittierten Fisch und Pommes - gibt es, aber die Stadt kann mehr als Fast Food. Einige Restaurants tragen Michelin-Sterne, erzählt Orla Egreder bei einer Food Tour.

Auf sechs Stationen werden eher große als kleine Häppchen gereicht - vom Windbeutel-Donut über luftgetrocknete Lammsalami, dunkle Schokolade und Sushi bis zum schwarzen Tee und Gebäck. Interessanter als das Essen sind fast die Geschichten, die Egreder erzählt.

Belegte Brote
Hungern muss in Galway niemand - die Stadt bietet von Sterneküche bis zu leckeren Broten für zwischendurch ein breites Angebot. Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn (Alexandra Stahl / dpa)

In Griffins Bakery etwa: Dort liegt auf der Theke ein überdimensionaler Brotlaib, weil Bäcker Jimmy Griffin beim Tauchen von einem Aal in die Backe gebissen wurde. Um das Trauma zu überwinden, habe er angefangen diese Brote zu backen - sie haben die Form und Größer der Aale.

Galway ist Teil Europas

Straßenmusiker
Musik ist in Galway überall zu hören - an fast jeder Ecke stehen Straßenmusiker. Foto: Tourism Ireland/dpa-tmn (Tourism Ireland / dpa)

Stadtführerin Egreder hält Galway für die richtige Wahl als europäische Kulturhauptstadt. Fast jeder habe eine Verbindung zu Kunst, Musik oder Literatur, die vielen Kulturfestivals jedes Jahr von Ostern bis Oktober sprächen dafür. Die Stadt sei offen, kenne keine Berührungsängste. „Die Leute sind viele Besucher gewöhnt.“

Und ist das Kulturhauptstadt-Jahr in Zeiten des Brexits nicht auch ein Zeichen pro Europa? Egreder sagt, sie habe schon öfter erlebt, dass Leute dächten, dass auch Irland die Europäische Union verlassen werde. Galway 2020 zeige: „Wir sind und bleiben Teil Europas.“


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