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Wie Bremens Wildkaninchen überleben
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Auf der Spur der Stadtkarnickel

Sara Sundermann 19.04.2014

Bremen. Ostern ist die Stunde des Hasen. Doch genau betrachtet erinnern selbst Schokohasen mit ihren kurzen Ohren und runden Formen meist eher an Kaninchen als an hochbeinige Hasen. Vor den Feiertagen haben wir uns nach Bremens Stadtkarnickeln erkundigt. Wildkaninchen teilen ihren Bau sogar mit Füchsen – und überleben. Denn zu Hause wird nicht gejagt.

Kaninchen  in der Pauliner Marsch
Ein Wildkaninchen vor einem Erdloch. Dutzende von ihnen leben unter anderem links der Weser, in den Wallanlagen oder im Sportgarten hinterm Stadion. (Christina Kuhaupt)

Mit der Dämmerung beginnt das große Gehoppel: An der Weser grasen Dutzende Wildkaninchen. Am Theaterberg in den Wallanlagen wird kräftig mit den Hinterläufen getrommelt, sobald ein Mensch naht. Und im Sportgarten hinter dem Stadion grast regelmäßig ein Karnickel mit fast orange-farbenem Fell. Eine seltene Gen-Mutation? Oder ein ausgebüxtes Zwergkaninchen, das sich unter seine wild lebenden Artgenossen gemischt hat?

„Wenn ein Stallkaninchen die ersten Wochen überlebt, ohne von einem Marder gefrühstückt zu werden, hat es gute Chancen, draußen klarzukommen“, sagt Richard Onesseit, der als ehrenamtlicher Profi mit seiner Hündin Gesche den Bürgerpark bejagt. „Aber natürlich fehlt Hauskaninchen zunächst die Fitness der Wildtiere, und sie sind nicht an Stress gewöhnt.“

Indes: Gestresst wirken Bremens Stadtkarnickel selten. Viele lassen sich von vorbeiradelnden Großsäugern kaum stören und hoppeln erst im allerletzten Moment gemächlich ein paar Meter zur Seite. Doch das ist auch gut so, erklärt Jäger Onesseit: „Wildkaninchen müssen mit ihrer Energie haushalten – wenn sie ständig wegsprinten würden, wären sie schnell verhungert.“ Ohnehin sind Wildkaninchen Weltmeister im Turbo-Mümmeln: In den kurzen Dämmerstunden wird gegrast, was das Zeug hält. „Und solange die Menschen auf den Wegen bleiben, gehörten sie für die Kaninchen zur Kulisse – ein unbedrohlicher Teil der Landschaft“, sagt Onesseit.

Die Zeiten, in denen Bremen mit zu viel Karnickeln zu kämpfen hatten, sind vorbei. 1990 berichtete sogar der Spiegel über Bremens angeblich schlimmste Kaninchenplage aller Zeiten: „Auf den Weserdeichen hüpfen sie herum wie Flöhe“, hieß es damals. Die Karnickelplage kostete die Kommunen damals offenbar Millionen. Ein Bremer Stahlunternehmen bestellte eigene Jäger, um das Firmengelände zu sichern.

Heute kann von Mümmel-Kalypse zumindest im Bürgerpark keine Rede mehr sein: Dort gibt es gerade mal 20 bis 30 Kaninchen – und eine derzeit etwas vergreiste Gruppe von Hasen, erzählt Parkjäger Onesseit, der die Bestände mit Bedacht dezimiert. Zwei Dutzend Karnickel sei eine gute Größenordnung für den Bürgerpark, sagt Onesseit, mehr muss nicht sein. Schließlich knabbern die Tiere gerade im Winter, wenn es kaum Gras gibt, auch die Rinde der Sträucher an. Sie umnagen die Büsche und belagern die Zierbeete im Bürgerpark. „Die teuersten Pflanzen schmecken ihnen grundsätzlich am besten“, sagt der Jäger. „Irgend jemand muss denen mal die Preisschilder gezeigt haben.“

Dass Kaninchen auf edle Pflanzen stehen, erzählt auch die Ökologin Heidrun Nolte vom Bremer Naturschutzbund (NABU): „Meine Hauskaninchen fressen mir zu Hause den ganzen Rosenstock kahl, da kommt es gar nicht erst zur Blüte – die Dornen sind für sie kein Hindernis.“

Den Wildkaninchen, die gerade nicht auf der Suche nach delikaten Rosenblättern sind, drohe in der Stadt nur begrenzt Gefahr, sagt Nolte. Neben dem Straßenverkehr sorgt vor allem die Kaninchenseuche Myxomatose dafür, dass die Tiere sich nicht zu stark vermehren. Ohne Gefahr wächst die Population schnell: Immerhin können Weibchen fünf bis sieben Würfe mit jeweils bis zu neun Jungtieren pro Jahr austragen. In Bremen gibt es nur wenige Greifvögel, die den Kaninchen gefährlich werden könnten, sagt Heidrun Nolte: „Der Turmfalke, den es auch in der Stadt gibt, ernährt sich vor allem von Mäusen, der Sperber stürzt sich eher auf Singvögel.“ Doch Marder, Habicht und Fuchs können den Bremer Stadtkaninchen zur Gefahr werden.

Der Fuchs wird allerdings für Wildkaninchen bisweilen sogar zum Mitbewohner: Häufig teilen sich beide Arten dieselben unterirdischen Bauten. Meist graben die Kaninchen die Gänge, und der Fuchs zieht später in leere Erdlöcher desselben Gängesystems mit ein, erzählt Heidrun Nolte. Oft kommt noch der Dachs hinzu, der ebenfalls ein guter Erdhöhlengräber ist.

Die Wohngemeinschaft von Beutetieren und Fressfeinden kann auch in Bremen vorkommen. Auch hier gibt es Füchse, und der Dachsbestand erhole sich bundesweit allmählich, sagt Onesseit: „In Küstennähe zieht oft auch die Brandgans noch mit ein.“

Erstaunlich ist, dass die Kaninchen die Koexistenz meistens überleben: „Es gibt dann eine Art stille Übereinkunft, dass die Füchse direkt beim Bau keine Kaninchen fressen“, sagt Nolte. „Das funktioniert aber nicht immer.“ Das sei das Phänomen des Burgfriedens, bestätigt auch Bürgerparkjäger Onesseit: „Der Bau ist ein Heim erster Ordnung, da wird nicht gejagt.“


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Leserkommentare
Michalek am 20.10.2019 17:37
Schüler brauchen keine Erhebungen und sie sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen.

Grundschüler brauchen Unterricht, der ...
aguahorst am 20.10.2019 16:55
In der Nähe von Wilhelmshaven baut man neue Kavernen, um damit Geld zu verdienen. In Bremen will man sie verfüllen und stilllegen.....was passiert ...
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