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Wen Werder bei der WM scouten könnte
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Gesucht wird der Geheimtipp

Cedric Voigt 27.06.2018

(imago)

Die WM in Russland bietet mehr als nur Spektakel für die Fans: Das wichtigste Fußball-Turnier der Welt taugt auch als Schaufenster, das wechselwilligen Spielern und Vereinen, die sich verstärken wollen, dabei hilft, zueinanderzufinden. „Natürlich sind bei der WM interessante Spieler dabei“, sagt Werder-Sportchef Frank Baumann. „Was nicht heißt, dass wir einen verpflichten werden.“

Zwei zentrale Mittelfeldspieler sollen aber auf jeden Fall noch kommen – einer offensiv und kreativ, einer defensivstark. Die Stars der WM werden nicht nach Bremen wechseln: „Deutschland, Brasilien, Frankreich, Spanien sind Mannschaften, von denen wir im Normalfall keinen Spieler verpflichten können“, betont Baumann. Aber es sei sicher „generell gut, sich mal einen Überblick über den Markt zu verschaffen“.

Welche WM-Fahrer könnten unter diesen Voraussetzungen für Werder in Frage kommen? Wir haben uns in den Kadern der kleineren Nationen umgeschaut.

Skhiri, der Komplette

Tunesien hat sich bei der WM nicht in den Vordergrund spielen können. Zu stark war die Konkurrenz in Gruppe G: Mit England, denen man 1:2 unterlag, und Belgien, gegen die es eine 2:5-Niederlage setzte, wurden den Nordafrikanern früh zwei Hochkaräter vorgesetzt.

Ein Spieler könnte trotzdem ins Bremer Profil passen: Ellyes Skhiri. Der 23-Jährige vom HSC Montpellier spielt als Sechser auf einer Position, auf der Werder noch nach einer Verstärkung sucht, und er bringt einige Fähigkeiten mit, die für das Spiel der Werderaner interessant sein können.

Skhiri ist mit etwas schlaksigen 1,85 Metern ausreichend groß, um nach dem Abgang des guten Kopfballspielers Thomas Delaney einer Bremer Unterlegenheit in Luftzweikämpfen entgegenzuwirken. Seine größten Stärken liegen allerdings jenseits von direkten Duellen: Immer wieder fährt Skhiri seine langen Beine aus, um im letzten Moment kaum noch zu erreichende gegnerische Pässe abzufangen.

Dabei hilft ihm eine geschickte Positionierung: Oft steht Skhiri genau so, dass er sich gleichzeitig die Zugriffsmöglichkeit auf eine gegnerische Anspieloption bewahrt und den Passweg zu einem anderen Gegenspieler zustellt. Richtig eingebunden gelingt es Skhiri so, eine Menge Raum vor der Abwehr zu kontrollieren. Noch dazu besitzt der Tunesier einen durchaus feinen Fuß und ist in der Lage, das Spiel vertikal zu eröffnen, statt den Ball allein mit Querpässen zu verteilen.

Obwohl für Tunesien das Turnier nach der Vorrunde vorbei ist, wäre Skhiri kein Schnäppchen: Um den Sechser aus seinem noch bis 2020 laufenden Vertrag in Montpellier herauszukaufen, müsste Werder wohl einen Großteil der Delaney-Einnahmen reinvestieren.

Barrios, der Begehrte

Anders als Skhiri agiert Wilmar Barrios eher im Schatten seiner Landsleute. Der Kolumbianer war erst im zweiten Gruppenspiel gegen Polen in die Mannschaft gerückt, weil Konkurrent Carlos Sanchez zuvor gegen Japan die Rote Karte gesehen hatte. Als zweikampfstarker Sechser verrichtete Barrios die Drecksarbeit im Mittelfeld hinter Technikern wie James Rodriguez.

Barrios, noch bis 2020 bei den Boca Juniors in Buenos Aires unter Vertrag, wird in Kolumbien gerne mit Chelseas N’Golo Kanté verglichen. Wie der Franzose ist Barrios ein Dauerläufer, der seinen Mitspielern Raum verschafft, um sich kreativ zu entfalten. Noch dazu kann der 22-Jährige mit seiner Dynamik zu überraschenden Dribblings ansetzen und so selbst Druck aufbauen.

Auch, wenn Barrios kein Spielmachertypus ist, lassen sich seine Stärken in verschiedenen Systemen produktiv einbinden. Wie bei Skhiri läuft auch Barrios' Vertrag nur noch bis 2020, dennoch könnte der Abräumer, der eine Ausstiegsklausel in Höhe von etwa 16 Millionen Euro besitzen soll, schon nicht mehr zu haben sein: Tottenham Hotspur soll sich mit dem Kolumbianer beschäftigen. Falls hinter diesen Gerüchten Substanz steckt, wären Vereine wie Werder wohl raus aus der Verlosung.

Schöne, der Routinier

Ebenfalls erst spontan zu WM-Minuten gekommen ist Lasse Schöne. Nachdem sich William Kvist im ersten Gruppenspiel der Dänen verletzte, übernahm der 32-Jährige den Part im Mittelfeld neben Bald-Dortmunder Thomas Delaney und spielte diese Rolle auch gegen Australien. Schöne, der in jüngeren Jahren noch in offensiverer Rolle unterwegs war, überzeugte in der abgelaufenen Saison mit zehn Toren und vier Vorlagen als Leitwolf zwischen vielen jungen Mittelfeld-Talenten bei Ajax Amsterdam.

Auch, wenn hinter den Aktionen des Dänen nicht mehr das Tempo und die Dynamik jüngerer Jahre steckt: Als technisch guter Kombinationsspieler mit starkem Raumgefühl könnte Schöne wohl auch auf Bundesliganiveau noch zwei, vielleicht drei Jahre bestehen und Bremer Talente wie Ole Käuper oder Manuel Mbom anleiten, wie er es derzeit mit den jungen Hochbegabten der Ajax-Schule tut. Bei einem Vertrag bis 2019 (mit Option um ein weiteres Jahr) wäre ein Transfer des früheren Teamkollegen von Niklas Moisander wohl finanziell darstellbar – ob Schöne sich aber im Herbst seiner Karriere nach sechs Jahren bei Ajax noch einmal umorientieren möchte, scheint fraglich.

Luongo, die Wildcard

Noch gar nicht zum Einsatz gekommen und daher wenig mehr als ein Geheimtipp ist Massimo Luongo. Der Stern des mittlerweile 25-jährigen Achters ging Anfang 2015 auf, als er die australische Nationalmannschaft als bester Spieler des Turniers zum Gewinn der Asienmeisterschaften führte. 2018 vertrauten die „Socceroos“ stattdessen auf die defensiver ausgerichteten Mile Jedinak und Aaron Mooy auf der Doppelsechs – nach der Gruppenphase steht nun auch wegen fehlender Offensivstärke das Vorrundenaus.

Luongo wäre eine eher attackierende Alternative: Der 1,76 Meter große Mittelfeldmann der Queens Park Rangers verbindet Fleiß und Dynamik mit großer Lust am Kombinationsfußball und einer guten Technik. Auch Luongos Vertrag läuft noch bis 2020 – nicht auszuschließen, dass der Australier nach einer individuell guten, mannschaftlich durchwachsenen Saison in der englischen Championship den nächsten Schritt gehen möchte.


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