Geisterstimmung nach Ultra-Boykott Allofs versteht Kritik an Eintrittspreisen nicht

Bremen. Aus Protest gegen die Eintrittspreise waren die Ultra-Gruppen "'Infamous Youth" und "Ultra-Team Bremen" beim Champions-League-Spiel zwischen Werder und Tottenham Hotspur nicht dabei. Werder-Boss Klaus Allofs kann die Kritik nicht nachvollziehen.
16.09.2010, 09:40
Lesedauer: 2 Min
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Allofs versteht Kritik an Eintrittspreisen nicht
Von Thorsten Waterkamp

Bremen. Es lag eine merkwürdige Ruhe über dem Weserstadion. Hier ein "Werder", dort ein "Bremen", während auf dem Spielfeld 22 Männer einem Ball hinterher rannten. Champions-League-Atmosphäre geht anders, das weiß man in Bremen aus langjähriger Erfahrung. So war die Partie gegen Tottenham Hotspur am Dienstag auf ihre Art eine besondere, wenn auch eben das Gegenteil von einem stimmungsvollen Europapokal-Abend. Stille Nacht im Weserstadion - weil zwei Ultra-Gruppen das Spiel aus Protest gegen die Eintrittspreise boykottiert haben.

"Infamous Youth" heißt die Gruppierung, die in der Nacht auf Dienstag mit einem im Internet veröffentlichten Brief ihren "einstweiligen Boykott aller Champions-League-Heimspiele" bekannte machte. Begründet wird der Schritt mit 'der unerträglichen Preispolitik des Vorstandes', von "astronomischen Preiserhöhungen" ist die Rede. Die Kosten für diese Spiele zu stemmen, sei für viele aus dem Umfeld von "Infamous Youth" nicht mehr möglich - der Besuch im Weserstadion aber müsse "weiterhin auch für weniger zahlungskräftige Menschen möglich sein".

Tatsächlich liegen die Kartenpreise für die Osttribüne in der Champions League weit über dem Niveau in der Bundesliga. Ein Einzelticket für die bevorstehende Partie gegen Mainz am Sonnabend kostet elf Euro, eine Karte für Tottenham lag am Dienstag bei 40 Euro. Zwar ist der Platz in der Champions League als Sitzplatz ausgewiesen, wahrgenommen wird er von den Ultra-Fans aber als Stehplatz.

"Totentanz" und "Katastrophe"

Die Folge des Boykotts, dem sich das "Ultra-Team Bremen" anschloss, war unüberhörbar - weil nichts zu hören war. Keine Dauerbeschallung durch Gesänge der Ultras, keine koordinierten Anfeuerungsrufe, dazu fehlte die übliche Kurven-Choreographie. Nur einige Unentwegte versuchten sich in der ersten Hälfte bemerkbar zu machen. Der bis zur Pause schwache Auftritt der Mannschaft tat ein Übriges zur miserablen Stimmung, die gestern in Fan-Foren mit Beschreibungen wie "Totentanz", "Katastrophe" oder "schlechteste Stimmung, die das Weserstadion je erlebt hat" etikettiert wurde.

Werder-Boss Klaus Allofs reagierte ziemlich angefasst und widersprach den Vorwürfen, die Eintrittspreise seien zu hoch. "Dann sollen die mal ihre Kollegen aus dem englischen Block fragen, was in der Premier League gezahlt wird oder in anderen Stadien", schimpfte Allofs. Beim Rückspiel an der White Hart Lane kostet die günstigste Karte etwas mehr als 50 Euro.

Allofs hält die Ticketpreise in der Champions League - die teuersten Normalplätze kosten 60 Euro (gegenüber 40 Euro im Mainz-Spiel) - für nötig: "Wir müssen konkurrenzfähig bleiben. Bundesliga, DFB-Pokal, Champions League - das kostet nun mal Geld. Ich glaube nicht, dass wir das Rad überdrehen." Werder liegt mit seinen Champions-League-Preisen auf einem ähnlichen Niveau wie Schalke (40 bis 70 Euro) und ist teurer als Bayern (25 bis 60 Euro).

Uneingeschränkte Zustimmung war selten

Unter den Werder-Anhängern ist der Vorstoß von "Infamous Youth" auf ein geteiltes Echo gestoßen. Uneingeschränkte Zustimmung war selten, weil vielen, die die Kritik grundsätzlich unterstützen, die Ankündigung des Boykotts 21 Stunden vor Anpfiff viel zu kurzfristig kam. Schließlich waren die Preise bereits Wochen zuvor bekannt. Allerdings gab es auch teils geharnischte Kommentare gegen die Aktion - weil die fehlende Unterstützung auf Kosten der Mannschaft gegangen sein könnte.

In seiner Konsequenz jedoch, dem fehlen jeglicher Atmosphäre in der ersten Halbzeit - hat der Ultra-Boykott selbst Kritiker dieser Hardcore-Fans beeindruckt. Ohne Ultras geht es nicht, fassten viele zusammen. Und einer schrieb "An die Verantwortlichen von Werder: So sieht die Wirklichkeit im Stadion aus, wenn man die vergrault, die vielleicht nicht das große Geld bringen, aber Fußball leben."

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