Investigatives Fan-Projekt Auf der Spur des vergessenen Werder-Präsidenten

Er war Werder-Präsident, als der Verein 1965 erstmals deutscher Meister wurde. Trotzdem sagt der Name Alfred Ries nur echten Kennern der Klubgeschichte etwas. Das will das Fan-Projekt jetzt ändern.
03.09.2017, 07:10
Lesedauer: 4 Min
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Auf der Spur des vergessenen Werder-Präsidenten
Von Christoph Bähr

Die Grabstätte unscheinbar zu nennen, wäre noch geschönt. Der Grabstein ist mit grüner Patina überzogen. Ein alter Silvesterböller liegt herum, daneben ein paar Glasscherben. Thomas Hafke vom Fan-Projekt Bremen hat sich mit mehreren Werder-Fans auf den Weg zum Jüdischen Friedhof in Hastedt gemacht und sie alle können es kaum glauben: Derart schmucklos soll Alfred Ries begraben liegen. Der Mann, der Werder-Präsident war, als der Verein 1965 erstmals deutscher Meister wurde. Der die Bundesrepublik Deutschland als Botschafter vertrat. Der mithalf, die Olympischen Spiele 1972 nach München zu holen.

Als sie dann auch noch lesen, dass Ries am 25. August 1967 starb, ist die Entscheidung gefallen. „Wir wollten diesen Mann bis zu seinem 50. Todestag wieder bekannter machen und dadurch auch ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen“, sagt Hafke. Am Beispiel des FC Bayern hatte er gesehen, wie das funktionieren kann. Auch in München war der jüdische Ex-Präsident Kurt Landauer lange Zeit praktisch vergessen gewesen, ehe vor einigen Jahren verschiedene Aktionen wie ein Dokumentarfilm die Erinnerung an sein Wirken aufleben ließen.

Dass Hafke mit den Werder-Fans vor Ries' Grab stand, ist mehr als ein Jahr her. Zuvor war er bei einem Treffen in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft von Vera Harms nach Ries gefragt worden und hatte zugeben müssen, dass er den Namen zwar kenne, aber nur wenig über das Leben des Mannes wisse. Hafke machte sich daraufhin auf den Weg zum Jüdischen Friedhof, dann startete er einen Aufruf in der Fanszene, der auf reichlich Resonanz stieß. Neun Werder-Anhänger fanden sich zusammen, um das Leben von Alfred Ries zu rekonstruieren: Susanne Rygol, Nick Heilenkötter, Fabian Ettrich, Steffen Schumann, Thorsten Brunkhorst, Stefan Heitbreder, Stellan Teply sowie Dirk und Vera Harms. Hafke ­organisierte die Zusammenarbeit. „Wir hatten verschiedene Spezialisten dabei, zum Beispiel einen Historiker und jemanden für die Grafik.“

Eine eindrucksvolle Lebensgeschichte

Nick Heilenkötter war sofort fasziniert von Ries und der Idee, eine Broschüre über den Vereinspräsidenten zu erstellen. „Er hat so viel gemacht und sich in so vielen Bereichen engagiert, aber als ich mal herumgefragt habe, kannte ihn niemand“, sagt der Werder-Fan. Das wollten Heilenkötter und seine Mitstreiter ändern. Die Gruppe reiste nach Berlin ins Archiv des Auswärtigen Amtes und interviewte Ries' 96-jährige Witwe Hilde in Wiesbaden. Die Fans sichteten haufenweise Materialien, schrieben wichtige Informationen heraus, sammelten Fotos. Herausgekommen ist eine 30-seitige Broschüre, die einen umfassenden Überblick über das Leben des ehemaligen Werder-Präsidenten gibt. Kostenlos erhältlich ist sie beim Fan-Projekt in der Ostkurve. Titel:„Unvergessen vergessen Alfred Ries“. Die Fakten sind nüchtern aufgeschrieben und ziehen einen trotzdem in den Bann.

Ries' Leben könnte Stoff für einen ganzen Roman liefern. Am 5. Dezember 1897 wurde er in Bremen geboren. Von 1923 bis 1933 fungierte Ries, der selbst aktiver Fußballer, Schwimmer und Leichtathlet war, zum ersten Mal als Werder-Präsident, organisierte 1928 etwa ein Freundschaftsspiel zwischen seinem Verein und der US-Olympiaauswahl auf der Bürgerweide. Beruflich war er in führender Position bei Kaffee HAG tätig, außerdem wurde Ries 1931 Geschäftsführer der Böttcherstraße.

„Dieser Mann hat so viel für Bremen getan. Und so jemand wird dann verfolgt – von Bremern“, sagt Thomas Hafke. Nach Hitlers Machtübernahme wurde es für Ries wegen seines jüdischen Glaubens gefährlich in Deutschland. 1933 verließ er Bremen in Richtung Jugoslawien. Auch dort wurde er gesucht, musste sich vor der SS verstecken. Ries' Eltern Eduard und Rosa, die in Bremen geblieben waren, wurden 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort starben beide. Alfred Ries hätte also viele Gründe gehabt, um Bremen und Deutschland den Rücken zu kehren, doch 1946 kam er in seine Heimatstadt zurück. „Er hat weitergemacht für Bremen und für Werder. Gerade Werder war ihm sehr wichtig, er muss sich sehr mit dem Verein identifiziert haben“, glaubt Hafke.

„Wer Versöhnung will, muss sie praktizieren.“

Selbst nach dem Ende des Nationalsozialismus fand Ries allerdings keine Ruhe. Er musste sich gegen die Vorwürfe wehren, er habe nur überlebt, weil er mit den Nazis zusammengearbeitet habe. „Dafür gibt es keinerlei Beweise“, unterstreicht Hafke. Alfred Ries ließ sich von alldem nicht entmutigen und traf eine bemerkenswerte Aussage, die auch auf der Titelseite der Broschüre steht: „Wer Versöhnung will, muss sie praktizieren.“ Ries sagte das nicht nur, er untermauerte es durch Taten. 1947 wurde er erneut Werder-Präsident. Er baute das Bremer Außenhandelskontor auf und arbeitete für den Deutschen Fußball-Bund als Presse- und Werbereferent.

1951 hörte Ries als Werder-Vorsitzender auf, denn kurz danach begann seine Karriere als Diplomat. In Belgrad, Kalkutta und Monrovia vertrat er, der wenige Jahre zuvor noch verfolgt worden war, die Bundesrepublik Deutschland. Bilder in der Broschüre zeigen Ries, wie er Queen Elisabeth II. begrüßt, mit dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke redet oder Kanzler Willy Brandt am Flughafen empfängt. Auch die Sportprominenz kannte Ries gut: Es gibt Bilder mit Fritz Walter, Sepp Herberger oder dem Boxer Peter „de Aap“ Müller.

Als seine Zeit im Auswärtigen Dienst endete, kehrte Alfred Ries zu seiner alten Liebe zurück. 1963, im Gründungsjahr der Bundesliga, wurde er zum dritten Mal Werder-Präsident. 1965 gewannen die Bremer die deutsche Meisterschaft. 1967 starb Ries. Allmählich geriet er in Vergessenheit. „Für die Fans sind natürlich die Spieler am wichtigsten, der Präsident agiert eher im Hintergrund“, sagt Hafke. Also verwitterte Ries' Grab über die Jahre, niemand fühlte sich zuständig. Das hat sich inzwischen geändert. Hafke hat eine Gedenktafel bestellt, die an der Grabstätte über Ries' Leben informieren soll. Und als Bürgerschaftspräsident Christian Weber an Ries' 50. Todestag einen Kranz auf dem Jüdischen Friedhof niederlegte, war die grüne Patina auf dem Grabstein ebenso verschwunden wie der Silvesterböller und die Glasscherben.

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