Ex-Werder-Profi veröffentlicht Autobiografie

Borowkas Leben zwischen Himmel und Hölle

Bremen. Uli Borowka hat mit Werder Bremen Titel gewonnen, später ist der eisenharte Verteidiger denn in den Alkoholismus abgedriftet. Über all das hat er nun ein Buch geschrieben und dieses in Bremen vorgestellt.
18.10.2012, 05:00
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Borowkas Leben zwischen Himmel und Hölle
Von Alexander Tietz
Borowkas Leben zwischen Himmel und Hölle

Ex-Werder-Profi Uli Borowka hat seine Autobiografie veröffentlicht.

Frank Thomas Koch

Bremen. Uli Borowka hatte keinen Schimmer, was er an diesem Ort verloren hatte. Der ehemalige Werder-Profi erwachte 1995 an einer Raststätte in der Nähe von Wildeshausen – am Steuer seines Sportwagens. Sein Tank war leer, sein Kopf auch. Sprit floss nur in seinem Blut, er hatte sich mal wieder bis zur Besinnungslosigkeit betrunken.

Als er merkte, dass in zehn Minuten das Werder-Training beginnen sollte, rief er sofort Trainer Otto Rehhagel an. "Chef, ich kann heute nicht zum Training kommen", murmelte Borowka. Rehhagel, der sofort wusste, was Sache war, schlug ihm einen Deal vor: "Weißt du was: Ich biete dir eine Magen-Darm-Grippe an. Dafür machst du heute frei und kommst morgen zum Training."

Am nächsten Tag war alles beim Alten: Borowka erschien beim Training. Er habe sich von seiner Magenverstimmung gut erholt, hieß es in der Presse. Rehhagel deckte seinen Abwehrspieler, auf den er trotz seiner langjährigen Alkoholsucht in jedem Spiel setzen konnte.

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Heute ist Uli Borowka 50 Jahre alt und seit zwölf Jahren trocken. Auch wenn sein Leben in Extremen – zwischen Profi-Fußball und Alkoholismus, zwischen Himmel und Hölle – schon lange zurückliegt, hat er sich entschlossen, mit seiner Vergangenheit abzuschließen. In seiner Autobiografie "Volle Pulle" ist nachzulesen, was er erlebt hat. Das fertige Manuskript habe ihn zwei bis drei Wochen aus der Bahn geworfen, sagt Borowka. "Aber ich sehe es als den letzten Schritt meiner Therapie an.".

Fast seine ganze Karriere taumelte der Defensiv-Spieler zwischen Fußball und Alkohol. Manchmal erschien er volltrunken, manchmal ausgenüchtert bei den Trainingseinheiten. "Irgendwie hatte ich die Fähigkeit, Alkohol schnell abzubauen", erinnert sich der 50-Jährige. Sport und Sucht haben sich bei ihm nicht ausgeschlossen. Borowka: "Durch den Sport war mein Körper überhaupt erst fähig, sich so schnell zu entgiften."

Blitzsauberer Schuss und eiserner Wille

Seinen extremen Lebensstil konnte der gebürtige Mendener aber vermutlich nur durch jene Eigenschaft aufrechterhalten, durch die er überhaupt zum Profi-Fußballer wurde: Seinen Ehrgeiz. Borowka war nie der Talentierteste. Im Vergleich zu seinem alten Kumpel Lothar Matthäus, mit dem er als 20-Jähriger bei Borussia Mönchengladbach spielte, war er kein filigraner Techniker. Seine Stärken waren sein blitzsauberer Schuss und sein eiserner Wille. Er biss die Zähne zusammen und entwickelte sich allmählich zum Raubein der Nation. "Axt" wurde er genannt, und "Eisenfuß". Ein Spielzerstörer erster Güte, der sich in Gladbachs Abwehr immer mehr empfohlen hatte.

"Ich legte mir eine Ritterrüstung an"

Je mehr Einsätze der junge Spieler aber bekam, desto größer wurde der Erfolgsdruck. Seine Sorgen verschwieg der Verteidiger. "Ich legte mir eine Ritterrüstung an – sowohl auf dem Platz als auch im Privatleben". Der einzige Ausweg war für ihn der Alkohol: "Das war mein Ventil, endlich musste ich nicht mehr an das nächste Spiel denken, konnte den Fußball vergessen", sagt Borowka.

Ab 1985 geriet sein Leben außer Kontrolle. "Schon beim Training dachte ich daran, wie ich an Alkohol komme." Für ihn begann ein Doppelleben, das durchaus seine schillernden Seiten hatte: Mit Werder Bremen wurde Borowka zweimal Deutscher Meister (1988 und 1993), zweimal holte er mit seinem Team den DFB-Pokal (1991 und 1994). In Lissabon feierte er mit Werder seinen größten Triumph, als er im Finale gegen den AS Monaco den Sieg im Europapokal holte.

Gleichzeitig aber trank er weiter, brauchte immer mehr. An einem Tag brachte er es manchmal auf "sechs Bier, eine Flasche Whiskey, eine halbe Pulle Wodka und einen Magenbitter". Manchmal erwachte er in seinem Erbrochenen – und trank weiter . Nachdem er bei Werder nicht mehr geduldet und rausgeschmissen worden war, kam es noch schlimmer: Er fing an, seine damalige Frau Carmen zu schlagen. Sie verließ ihn, mit den beiden gemeinsamen Kindern. "Heute kann ich sie zu hundert Prozent verstehen. Wer will schon mit einem Alkoholiker zusammen sein, der seine Familie verängstigt?", sagt Borowka heute. Auf einmal war er allein. Und ohne Job auch noch mittellos. Er überließ seine Villa in Oberneuland der Bank, rutschte noch tiefer in die Alkoholsucht.

Erst im Jahr 2000 ging es aufwärts: Borowkas Freund und ehemaliger Mitspieler Christian Hochstätter wies ihn gemeinsam mit Gladbachs Präsident Wilfried Jacobs in eine Entzugsklinik ein. Borowka nahm sich vor, nicht lange zu bleiben: "Acht Wochen hier, kontrolliert Alkohol trinken und dann wieder gehen", das war seine Devise. Dann aber erfuhr er, dass sich ein Alkoholabhängiger aus dem Haus mit Benzin übergossen und angezündet hatte. Ein anderer Patient hatte nur noch drei Monate zu leben. Von nun an verfolgte Uli Borowka ein neues Ziel: Nie wieder Alkohol trinken. Sein eiserner Wille sollte ihn auch diesmal nicht im Stich lassen. Bis heute hat er keinen Tropfen mehr angerührt.

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