Pizarro-Anekdoten Weggefährten erzählen ihre Lieblingsgeschichten mit dem Peruaner

Wenn Claudio Pizarro am Sonnabend zum Abschiedsspiel lädt, sind viele alte Weggefährten dabei. Im Vorfeld erzählen einige ihre Pizarro-Anekdoten. Von Partys im Capitol, Pokern im Hotel und Gelbsucht...
23.09.2022, 18:50
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Von dco/kni

Jeder weiß, dieser Claudio Pizarro war ein ganz besonderer Fußball-Profi. Auf dem Platz, aber eben auch daneben. Am Samstagabend steigt sein großes Abschiedsspiel im Weserstadion (17.30 Uhr, Sat.1) – und unsere Deichstube hat vorher noch einige Weggefährten gebeten, ihre Lieblingsgeschichten mit dem Peruaner zu erzählen. Ailton, Zlatko Junuzovic, Jürgen L. Born, Torsten Frings und Philipp Bargfrede geben dabei auch einen interessanten Einblick hinter die Kulissen des Profi-Fußballs.

Lesen Sie hier, welche Weggefährten bei Claudio Pizarros Abschiedsspiel sonst noch dabei sind.

Ailton: Das Dilemma mit der Gelben Karte

Der Plan war wohlüberlegt und hätte womöglich auch funktioniert, wenn Ailton damals, im Dezember 2000, nur diesen einen verhängnisvollen Fehler nicht gemacht hätte: Er hat Claudio Pizarro von seiner Idee erzählt. „Danach ist alles schiefgelaufen“, sagt der Brasilianer und lacht. Und damit mitten hinein in die Saison 2000/2001, als zwei Südamerikaner ihren Winterurlaub mit einem Trick eigenmächtig vorverlegen wollten – und damit gehörig auf die Nase fielen.

Vor dem vorletzten Spiel des Jahres gegen Energie Cottbus fiel Werder-Stürmer Ailton auf, dass er bereits vier Gelbe Karten auf dem Konto hat, sprich: bei einer weiteren für das letzte Duell vor Weihnachten in Unterhaching gesperrt wäre. „Ich wollte früher nach Brasilien fliegen und habe Claudio vor dem Cottbus-Spiel gesagt, dass ich mir die fünfte Gelbe Karte abholen will“, erinnert sich der Ex-Profi.

Das Problem: Pizarro stand ebenfalls bei vier Verwarnungen – und übernahm den Plan seines Sturmpartners kurzerhand. „Wir haben die ganze Woche über diskutiert. Ich habe ihm gesagt: Claudio, wenn wir beide Gelb sehen, fliegen wir auf und kriegen ein Problem mit Thomas Schaaf!“ Eine vergebliche Warnung. Nach Ailtons früher Gelber Karte, holte sich der eingewechselte Pizarro seine kurz vor dem Schlusspfiff ab. „Ich war so sauer auf ihn“, betont Ailton, der nach der Rückkehr aus Cottbus schnell das Gespräch mit Trainer Schaaf suchte, um ihn – möglichst beiläufig – darum zu bitten, wegen der Sperre im letzten Spiel des Jahres etwas früher in die Heimat reisen zu dürfen.

„Thomas Schaaf hat sich alles in Ruhe angehört und dann gesagt: Komisch, Claudio war vorhin mit derselben Bitte auch schon hier“, sagt Ailton – und ergänzt lachend: „Das war so eine Scheiße!“ Schaaf ließ am Ende weder den einen noch den anderen fliegen, sondern bestrafte sein Sturmduo für die absichtlichen Gelben Karten auf kreative Art: Ailton und Pizarro mussten sich das Auswärtsspiel in Unterhaching bei Minusgraden im Fanblock ansehen. „Ich habe in meinem Leben vorher und hinterher nie mehr so gefroren“, sagt der Brasilianer, für den es damals aber noch schlimmer kommen sollte. Weil Werder den Rückflug verpasste, ging es quer durch die Nacht mit dem Bus zurück in den Norden. „Unglaublich“, sagt der Brasilianer. „Da hätte ich für die Gelbe Karte lieber 100.000 Euro Strafe gezahlt.“

Zlatko Junuzovic: Ein ganzes Haus als Kleiderschrank

Wenn die Tür zur Werder-Kabine aufging und Claudio Pizarro reinkam, dann schauten die Kollegen immer besonders genau hin. „Es war unglaublich, Claudio hatte jeden Tag etwas Anderes an – und immer war es total stylisch“, erinnert sich Zlatko Junuzovic und fügt noch lachend an: „Ich glaube, einmal trug er sogar eine Fliege. Wir haben ihn dann immer gefragt: ,Was hast du denn gleich noch vor?‘“ Darauf habe Pizarro mit seinem typischen Grinsen reagiert und die Frage einfach weggelächelt. „Ich habe ihn wirklich nie im Jogger gesehen, so wie wir das meistens gemacht haben“, erzählt Junuzovic, der von 2012 bis 2018 für Werder gespielt hat.

Der Österreicher will mit seiner kompletten Familie (zwei Kinder) zum Abschiedsspiel kommen: „Ich war seit vier Jahren nicht in Bremen und freue mich riesig darauf.“ Und natürlich ist der 34-Jährige, der seit dieser Saison als Co-Trainer beim FC Liefering arbeitet, gespannt, was Pizarro vor dem Abschiedsspiel im Weserstadion und vor allem am Abend auf der großen Party im Parkhotel tragen wird: „Genug Auswahl sollte er haben. Ich denke, sein ganzes Haus ist ein einziger Kleiderschrank.“

Jürgen L. Born: Betis Sevilla im falschen Hotel

Die Verpflichtung von Claudio Pizarro war 1999 schon ein kleiner Krimi – mit einem gewissen Jürgen L. Born in der Hauptrolle. Der war gerade in den Werder-Vorstand berufen worden, arbeitete aber noch als Banker in Südamerika und entdeckte dabei nach einem Tipp den jungen Pizarro. Sein Vorstandskollege Klaus Allofs kam auch nach Peru und schnell stand fest: Werder wollte Pizarro unbedingt verpflichten.

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Doch es gab ein Problem. „Claudio hatte einen Vorvertrag mit Betis Sevilla gemacht, oder besser gesagt sein Vater, weil Claudio nach peruanischem Recht noch zu jung dafür gewesen ist“, erinnert sich Born. „Wir haben den Vater überzeugt, dass der Vertrag nichts Wert sei und Claudio sich erst mal Bremen anschauen sollte, weil er in Deutschland viel besser aufgehoben wäre.“ Und siehe da, Pizarro kam tatsächlich mit seinem Berater nach Bremen.

„Die Verantwortlichen von Betis Sevilla haben allerdings Wind von der Sache bekommen und sind ebenfalls nach Bremen geflogen“, erzählt Born und fügt dann noch schmunzelnd an: „Ich weiß gar nicht, wie sie an meine Nummer gekommen sind. Sie haben mich jedenfalls angerufen und gefragt, in welchem Hotel Claudio sei. In meiner Not habe ich dann gesagt: ,Ich glaube, die sind im Hotel Vierjahreszeiten in Hamburg.’“ Damit hatten Born und Co. freie Bahn. „In der Nacht habe ich gemeinsam mit meinen Kollegen Manfred Müller und Klaus Allofs den Vertrag mit Pizarros Berater ausgearbeitet. Um 3 Uhr war alles fertig und unterschrieben“, erinnert sich der 81-Jährige und freut sich noch immer diebisch darüber: „Am nächsten Morgen habe ich böse Anrufe von den Betis-Leuten bekommen. Aber da war es zu spät – also für die, nicht für uns.“

Torsten Frings: Dienstags ging’s ins Capitol

Fußball ist wahrlich nicht alles im Leben – zumindest dachten sich das Anfang der 2000er Jahre auch ein paar Werder-Profis. „Wir waren eine kleine Clique, mit der wir losmarschiert sind“, erinnert sich Torsten Frings und zählt dann auf: „Claudio Pizarro, Ailton, Razundara Tjikuzu und Fabian Ernst waren dabei, manchmal auch noch ein paar mehr.“ Und wo ging es hin? „Ins Capitol nach Oyten.“ Das war nur einen Steinwurf von Bremen entfernt und nicht nur deshalb „ideal“, wie Frings schwärmt: „Da war dienstags ‘ne Menge los, und wir hatten immer mittwochs frei. Wir konnten also schön ausschlafen.“ Das war auch bitternötig. „Wir haben ordentlich gebechert“, verrät Frings und sagt speziell zu Pizarro: „Der feiert schon ordentlich und verträgt einigermaßen. Das war eine schöne Zeit.“ Heute wäre so etwas undenkbar. „Das kannst du dir als Profi nicht mehr erlauben, weil du alle zwei Sekunden fotografiert und in den Sozialen Medien auftauchen würdest. Und leistungstechnisch ginge das auch nicht mehr.“ 

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Ein Dauerzustand sei das damals aber auch nicht gewesen. „Die Zeit war relativ schnell vorbei“, berichtet Frings: „Werder hat das irgendwann mitbekommen und Thomas Schaaf den Trainingsplan geändert. Da war dann mittwochs nicht mehr frei.“ Das sei zwar schade gewesen, aber für die Karriere wohl auch besser, findet der inzwischen 45-Jährige, der nach der aktiven Karriere als Trainer gearbeitet hat und beim Abschiedsspiel auf den Platz zurückkehrt.

Philipp Bargfrede: Im Hotel wurde gepokert

Claudio Pizarro liebte nicht nur den Fußball, sondern auch das Kartenspiel. Nach seinem Wechsel zum FC Bayern lernte er schnell Schafskopf, um auch außerhalb des Platzes in München mitmischen zu können. Und bei Werder? „Bei uns gab es die eine oder andere Pokerrunde“, verrät Philipp Bargfrede: „Im Trainingslager oder vor Spielen hatten wir immer viel Zeit, da wurde dann im Hotel Karten gespielt – meistens Poker, manchmal auch Black Jack. Claudio war eigentlich immer dabei.“

Und auch gut? „Es war schwer zu lesen, was für ein Blatt Claudio hatte“, erinnert sich Bargfrede und fügt schmunzelnd an: „Aber immer gewonnen hat er deshalb nicht, das war von der Tagesform abhängig.“ Und manchmal auch von Max Kruse, der als der Pokerkönig in der Bundesliga gilt und nach seiner Rückkehr zu Werder 2016 mit am Tisch saß und auch Gastgeber mehrerer Runden war. „Wir hatten da schon viel Spaß“, berichtet Bargfrede, der im Gegensatz zu Pizarro seine Karriere noch nicht beendet hat. Der 33-Jährige spielt noch für Werders U 23 in der Regionalliga Nord – und ist beim Abschiedsspiel von Pizarro natürlich auch dabei. Genauso wie Kruse. Eine Pokerpartie zu späterer Stunde im Parkhotel ist also alles andere als ausgeschlossen...

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