Krise bei Werder Bremen Das Scheitern ruiniert den Ruf

Bremen. In Bremen geht eine Ära zu Ende. Das könnte missverstanden werden. Thomas Schaaf ist ja weiterhin Trainer von Werder Bremen. Aber: Erstmals seit dem ruhmvollen Aufstieg in Europas Königsklasse endet für Werder noch vor dem Wintereinbruch das internationale Geschäft.
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Das Scheitern ruiniert den Ruf
Von Olaf Dorow

Bremen. In Bremen geht eine Ära zu Ende. Das klingt frustrierend und könnte sogar missverstanden werden. Thomas Schaaf ist ja weiterhin Trainer von Werder Bremen. Die Fakten geben das aber trotzdem her, das anzumerken. Erstmals seit dem ruhmvollen Aufstieg in Europas Königsklasse endet für Werder noch vor dem Wintereinbruch das internationale Geschäft.

Aus dem Filmgeschäft würde der Titel "Die fetten Jahre sind vorbei" ganz gut passen. Oder auch: "Das verflixte siebte Jahr". Im siebten Jahr gibt es in der Rückrunde keine Bremer Optionen mehr für Europa. Das 0:3 gegen Tottenham Hotspurs lässt da keine weiteren Rechnungen mehr zu. Es war ein bemitleidenswertes Ausscheiden, welches eine Verlegenheitself mit Anstand über die Bühne brachte.

Diese Elf war nicht ohne Willen, aber ohne Chance. Das galt sowohl für ihre spielerischen Möglichkeiten insgesamt, als auch konkret für die Tormöglichkeiten an der White Hart Lane. Werder, angreifendste deutsche Mannschaft des letzten Jahrzehnts, war am Mittwochabend so torgefährlich wie noch nie. Also gar nicht. Seit fünf Pflichtspielen gelingt ihr jetzt schon kein Treffer mehr, seit sieben Spielen gewinnt sie nicht mehr.

Werder hat diese Champions-League-Runde (plus Europa-League-Qualifikation) nicht am Mittwoch verspielt. Das relativiert das Mitleid, das man mit dieser überforderten B-Auswahl bekommen musste. Naldo, Frings, Silvestre, Boenisch, Borowski, Wesley, Pizarro, Arnautovic, Almeida hatten gefehlt, die Nachwuchsleute Kroos und Schmidt hatten debütiert.

"Das ist ein Rückschlag." Werders Chef Klaus Allofs konnte das Ausscheiden ganz gut in einen klaren Satz packen, auch für die Stimmungslage nach dem 0:3 von London fand sich ein Zusammenfassungssatz. "Ich bin enttäuscht und gefasst", sagte Allofs. Enttäuscht wegen des Ausscheidens, gefasst wegen der Umstände. Die Umstände in London meinten es nicht gut mit der Bremer Mission. Selbst der Mannschaftsbus bekam etwas ab, wurde am Dienstag von einem Kleinlaster gerammt und steckte am Mittwoch auf der Fahrt zum Spiel bedenklich lange im Stau fest. Hugo Almeida zog sich Stunden vorm Anpfiff noch eine Oberschenkelzerrung zu.

Appell pro Schaaf

Das Bild, das Werder abgibt im siebten Europa-Jahr, ist ein ziemlich jammervolles. All die vielen Champions-League-Millionen, grob überschlagen fast 100 Millionen Euro, reichten nicht aus, um im siebten Jahr ein Team zu haben, das ein vorzeitiges Scheitern verhindern kann. Die Personalentwicklung verlangt nach einem scharfen Schnitt. Der siebte Anlauf war der sechste in der Liga der Besten. Werders Kurve ging dabei im Lauf der Jahre nicht gerade nach oben. Als Neuling in dem etablierten Kreis erreichte Werder das Achtelfinale. Als der Klub Stammgast geworden war, klappte das nicht mehr. "Wir waren auf dem siebten Platz im UEFA-Ranking, da werden wir zurückfallen", sagte Allofs.

Werder fällt zurück, auch mit Blick auf seinen Geldbeutel. Weil in dieser Saison auf Europas Feldern nichts mehr generiert werden kann, müsse man mit "noch spitzerem Bleistift" rechnen, sagt Allofs. Wenn Werder in den kommenden zwei, drei Jahren nicht international spielen würde, "dann müsste man diesen Kader preiswerter gestalten".

So sieht sich Werder gezwungen, allein auf die Bundesliga zu schauen in seinem verflixten Jahr. Möglichkeiten im DFB-Pokal, in dem Werder eigentlich immer Möglichkeiten hat, gibt es ja auch nicht mehr, Werder ist schon draußen. Allerdings gibt es auch zu den kurzfristigen Aussichten einen einen eher bedrohlich wirkenden Kommentar des Klub- und Sportchefs. "Die Champions League ist ein Spiegelbild der ganzen Saison", sagt Allofs. Das grün-weiße Bundesliga-Bild erscheint noch jammervoller als jenes, das Europa zu Gesicht bekommt.

Marko Marin sprach zwar nach dem Londoner Scheitern von der Hoffnung auf eine Aufholjagd. Kurz vor ihm war jedoch Per Mertesacker an der White Hart Lane zu den Journalisten gekommen. Er gab zu: "Wir sind absolut am Limit". Dies gelte nicht nur für die zahllosen Verletzten sondern auch für die, die noch nicht verletzt sind. "Viele müssen über Punkte und Schmerzen hinausgehen", sagte der lange Abwehrmann, und: "Die Zeit hat Wunden hinterlassen, die klaffen." Er selbst wirkt wie das beste Beispiel dafür. Mertesacker spielt derzeit nicht wie Mertesacker, sondern nur wie einer, der so heißt.

Gegen St. Pauli, das werde eine "ganz, ganz schwere Aufgabe", sagte Torsten Frings schon mal prophylaktisch. Er war gesperrt, aber mitgereist nach London und wachte wie stets besonders darüber, ob sich auch alle ordentlich reinhängen. Das war ja zuletzt auch Bestandteil der Krise. Beobachter Frings teilte mit: "Wichtig war, dass wir uns dagegengestemmt haben und nicht diese Auflösungserscheinungen wie in Stuttgart oder Schalke hatten." Das Aufbäumen eines B-Teams ist derzeit in Bremen schon ein Fortschritt.

Es beendete am Mittwoch ein Spiel eine Epoche, in dem sich die eingesetzten Spieler wie die mitgereisten Fans dagegen wehrten, dass man dieses Epochen-Ende noch viel weiter fassen müsste. "Thomas Schaaf, du bist der beste Mann", riefen die Fans. Klaus Allofs sagte: "Ich würde sagen, die Fans haben Ahnung." Es gebe keinen besseren Trainer für Werder Bremen als Schaaf. Er wirkt sehr angeschlagen in diesen Wochen. Aber diese Ära soll weitergehen.

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