So entsteht eine Bundesliga-Übertragung

Das Spiel, seine Macher und seine Verkäufer

Die Übertragung eines Bundesliga-Spiels ist eine minutiöse Inszenierung und ein Beispiel für das Arbeiten im modernen Medienbetrieb. Eine Reportage hinter den "Sky"-Kulissen bei Werder gegen Hertha BSC.
10.02.2016, 10:43
Lesedauer: 8 Min
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Von Nico Schnurr
Das Spiel, seine Macher und seine Verkäufer

Georg Alberts ist der Regisseur an diesem Sonnabend beim Bundesliga-Spiel Werder gegen Hertha im Weserstadion und damit Herr über Bilder aus zwölf verschiedenen Perspektiven.

Cora Sundmacher

Die Übertragung eines Bundesliga-Spiels ist eine minutiöse Inszenierung und ein Beispiel für das Arbeiten im modernen Medienbetrieb. Während Werder gegen Hertha BSC Berlin gespielt hat, haben wir uns hinter den Kulissen umgesehen.

Der erste Scherz sitzt. Es ist kurz nach 12 Uhr, und Rolf Fuhrmanns Arbeitstag hat begonnen. „Wer kann mir denn mal eben die sieben Vornamen von Papy Djilobodji aufsagen?“, fragt der Mann, den sie hier alle nur „Rollo“ nennen, und schlendert in einen der schmalen, lang gezogenen Wohnwagen an der Südseite des Weserstadions. Drinnen hallt ihm Lachen entgegen. Fuhrmann weiß, wie man Gespräche beginnt, Situationen erkennt, das Eis bricht. Er hat das zu seinem Job gemacht.

Fuhrmann unterhält sich vor Kameras. Oft sind es nicht mehr als flüchtige Wortwechsel, die da dokumentiert werden. Seine Gegenüber erwischt er dabei meist in für sie ungünstigen Momenten. Sie sind schweißgetränkt, müde, manchmal entnervt oder gar frustriert. Manchmal aufgerüttelt, verloren in Gedanken oder voller Freude. Und manchmal auch ein bisschen von allem. Jedenfalls möchten sie in aller Regel einfach nur duschen und ihre Ruhe haben.

Torsten Kunde war beim vergangenen Heimspiel von Werder Bremen gegen Hertha BSC als Kommentator im Einsatz. Er arbeitet seit gut zehn Jahren für Sky, früher Premiere. Bevor er zum Fernsehen gewechselt ist, hat er lange für den NDR gearbeitet. Dort war er unter anderem an Wochenenden als Hörfunk-Kommentator für die Bundesliga-Konferenz im Einsatz. Torsten Kunde ist 51 Jahre alt.

Torsten Kunde war beim vergangenen Heimspiel von Werder Bremen gegen Hertha BSC als Kommentator im Einsatz. Er arbeitet seit gut zehn Jahren für Sky, früher Premiere. Bevor er zum Fernsehen gewechselt ist, hat er lange für den NDR gearbeitet. Dort war er unter anderem an Wochenenden als Hörfunk-Kommentator für die Bundesliga-Konferenz im Einsatz. Torsten Kunde ist 51 Jahre alt.

Foto: Cora Sundmacher

All jene, die sich mit ihrem Schicksal arrangiert haben beziehungsweise von Vereinsseite dazu verpflichtet werden und damit nicht vor ihm in die Katakomben der Stadien flüchten können, werden dann vor einer mit Sponsorenaufklebern überhäuften Stellwand platziert. Dann bittet Rolf Fuhrmann zum Gespräch. Rolf Fuhrmann ist Field-Reporter in der Fußball-Bundesliga. Da ist ein auflockernder Spruch zu Beginn seines Arbeitstages wie diesmal in Bremen nicht mehr als eine Fingerübung.

Rolf Fuhrmann arbeitet für Sky. Den Pay-TV-Sender, der bisher durchschnittlich 486 Millionen Euro pro Saison bezahlt, um alle Spiele der Fußball-Bundesliga live übertragen zu dürfen. Eines davon findet an diesem Sonnabendnachmittag in Bremen statt, Werder empfängt Hertha BSC. Das Fernsehteam bespricht gerade seinen minutiös getakteten Ablaufplan. Kaum einer, der sich in den kleinen Wohnwagen gezwängt hat, arbeitet tatsächlich für den Sender aus Unterföhring. Egal ob Regisseur oder Aufnahmeleiter, Kameramann oder für Zeitlupen zuständige Mediengestalter, sogenannte Slomo-Operatoren, sie alle sind Freiberufler. Sie alle bekommen ihre Honorare von der Produktionsfirma Sportcast, einer hundertprozentigen Tochter der Deutschen Fußball-Liga (DFL).

Nicht allein Sky entscheidet, wie die Fans vor den Fernsehern das Spiel wahrnehmen. Was sie von den Spielen aus deutschen Fußball-Stadien sehen und was nicht, bestimmt seit 2006 Sportcast. Sky kauft nicht nur die Übertragungsrechte, sondern auch das exklusive Bildsignal gleich mit. Der Sender selbst besorgt nur das Drumherum, die Inszenierung. Er verpackt die Bilder zu einer Sendung. Nicht mehr als drei Personen braucht es dafür in Bremen. Ablaufredakteur Ole Hammer strickt hinter den Kulissen, in einem Übertragungswagen sitzend, die Einzelteile des Nachmittags zu einem großen Ganzen zusammen. Er ist an diesem Tag so etwas wie die Verbindungsstelle zwischen Bremen und der Redaktion des Senders in Bayern. Torsten Kunde kommentiert das Spiel. Um alles, was davor, dazwischen oder danach passiert, kümmert sich Rolf Fuhrmann.

Seit es deutsches Bezahlfernsehen gibt, steht er an den Spielfeldrändern der Republik und versucht Gespräche in Momenten zu führen, in denen Gespräche eigentlich kategorisch zum Scheitern verurteilt sind – noch auf dem Platz, sofort nach Spielschluss. Fuhrmann hat sich über die vergangenen 24 Jahre seine ganz eigene Disziplin geschaffen. Er hat sich vor laufender Kamera gestritten und versöhnt, Mannschaften zu Meistern gemacht und sie Minuten später zu Vizemeistern erklären müssen; Schalke-Fans wissen Bescheid. Fuhrmann ist Reporter und Dramaturg gleichermaßen. „Das große Ziel ist es natürlich, Emotionen zu zeigen“, sagt er, während er im hinteren Teil des Wohnwagens in der Maske sitzt. „Wir machen ja Unterhaltung – Fußball-Fernsehen ist Unterhaltung.“

Rolf Fuhrmann ist seit Anfang der 90er-Jahre als Feld-Reporter im Einsatz, zuerst für Premiere, danach für Sky. Der gebürtige Hamburger, Jahrgang 1949, hatte seinen wohl denkwürdigsten Auftritt, als er am letzten Spieltag der Saison 2000/2001 in Gelsenkirchen, Schalke 04 zum neuen Deutschen Meister erklärte. Sein Pech: Parallel dazu schoss Bayern München bei seinem Spiel in Hamburg noch den Ausgleich in der Nachspielzeit und dadurch am Ende tatsächlich Meister.

Rolf Fuhrmann ist seit Anfang der 90er-Jahre als Feld-Reporter im Einsatz, zuerst für Premiere, danach für Sky. Der gebürtige Hamburger, Jahrgang 1949, hatte seinen wohl denkwürdigsten Auftritt, als er am letzten Spieltag der Saison 2000/2001 in Gelsenkirchen, Schalke 04 zum neuen Deutschen Meister erklärte. Sein Pech: Parallel dazu schoss Bayern München bei seinem Spiel in Hamburg noch den Ausgleich in der Nachspielzeit und dadurch am Ende tatsächlich Meister.

Foto: Cora Sundmacher

Ursprünglich wollte Fuhrmann mal Geschichten vom alltäglichen Wahnsinn der Bundesliga erzählen. Inzwischen ist er längst zu einem Teil der Liga-Geschichte geworden. Vom Spielfeldrand aus hat er den Wandel dieses Milliardengeschäfts dokumentiert, begleitet, vorangetrieben. „Der Job hat sich sehr verändert – weil sich die Bedingungen sehr verändert haben“, sagt Fuhrmann und erzählt von alten Freiheiten und neuen Regeln. Von früheren Typen und den heutigen mediengeschulten Jungprofis aus den vereinseigenen Fußballinternaten. Vielleicht war sein Job nie schwerer als gerade.

„Heute fehlt das spontane Moment“, sagt er. Das Dasein als Field-Reporter ist erwartbarer geworden. Die Gespräche auf dem Rasen sind vorhersehbarer als früher. Für die Zuschauer kann das mitunter sehr langweilig und ohne Erkenntnisgewinn sein, für Rolf Fuhrmann ist es eine elementare berufliche Herausforderung, das zu verhindern. „Diskussionen oder Meinungsverschiedenheiten – das sind natürlich Highlights“, sagt er. „Ich reiße mich nicht um Zoff, aber unterhaltsamer ist es schon, wenn gezofft wird.“

Wenn schon nicht der Streit, sagt Fuhrmann, bliebe ihm noch sein Charme. In seinem Fall meint Charme, die Kunst, eine hochgradig gestellte Gesprächssituation locker, natürlich und authentisch aussehen zu lassen. „Hallo, Großer“, empfängt er Viktor Skripnik. „Na, Erfolgstrainer“, raunt er Pal Dardai entgegen. Beide quittieren das mit einem Lächeln. Vielleicht, weil Fuhrmann nicht großartig anders wirkt, als der „Rollo“, der ein paar Stunden zuvor mit einem witzigen Spruch in den Wohnwagen gepoltert war.

Seine Fragen klingen so, als seien sie ihm just in dem Moment eingefallen, als sich die Trainer vor ihm aufstellten. Natürlich sind sie das nicht. Aber es schafft wenigstens etwas Nähe und Normalität im Gespräch mit den Gegenübern. Ein paar gut gemeinte Worte zu Wetter, Kampf und Spiel kann er ihnen damit entlocken. Mehr braucht es ohnehin nicht. Zumindest nicht vor dem Spiel.

Noch bevor sich die Trainer von ihm abwenden, hat Fuhrmann das Gespräch analysiert. Die wichtigsten Aussagen stimmt er binnen Sekunden via Funk mit der Ablaufredaktion im Übertragungswagen ab. „Skripnik hat ‚Herzinfarkt’ gesagt – lass‘ uns das nehmen“, hallt Fuhrmanns Stimme durch Boxen. Ole Hammer ist dagegen. Skripniks Worte sollen lieber an Dardai anschließen, findet er. In letzter Instanz entscheidet er, der Ablaufredakteur, welche Gesprächsfetzen über die Bildschirme in den Wohnzimmern und Kneipen flimmern.

Ganz nahe dran: Die Produktionsfirma hat im Weserstadion zwölf Kameras im Einsatz.

Ganz nahe dran: Die Produktionsfirma hat im Weserstadion zwölf Kameras im Einsatz.

Foto: Cora Sundmacher

Einen Raum weiter sitzt der vielleicht einflussreichste Mann der ganzen Produktion. Regisseur Georg Alberts muss 90 Minuten lang aus zwölf verschiedenen Kameras wählen. Für ihn grenzt das beinahe an Unterforderung. Zwölf Kameras sind der Mindeststandard in der Fußball-Bundesliga. „Weniger geht wirklich nicht“, sagt Alberts. Bei Spitzenspielen sind es bis zu 30 Kameras. Viele davon nur für die Zeitlupe, die Slow-Motion-Aufnahmen. Alberts macht, dass sich die Zuschauer dem Geschehen möglichst nahe fühlen. Echt solle das Abbild des Spiels wirken. Er will, dass der Fan auf dem Sofa noch viel dichter dran ist, das Spiel noch viel exakter sieht, als der Beobachter im Stadion. Alberts sagt: „Ich will eine gewisse Dynamik ins Spiel bringen.“

Währenddessen trifft Torsten Kunde die finalen Vorbereitungen für seinen Arbeitstag. „Ich bin jetzt in der heißen Phase“, sagt er, als es noch gut zwei Stunden bis zum Anpfiff sind. Hinter ihm liegen bereits kurze Telefonate mit den Trainern beider Teams, Gespräche mit den Pressesprechern und Schiedsrichtern. Vor ihm, auf seinem Kommentatorenplatz, liegt ein riesiges, aufgeschlagenes Buch voller kleiner handgeschriebener, teils bunt markierter Notizen und Tabellen. Das Buch ist der Leitfaden seines Kommentars.

Drei Tage lang hat Kunde sich auf das Spiel vorbereitet, Informationen aufgeschrieben, eingeordnet und bewertet. „Vor jedem Spiel frage ich mich, welche Informationen ich auf jeden Fall verkaufen will.“ Denn Kunde will, das betont er wieder und wieder, „einen Mehrwert schaffen“. Sein Anspruch ist es, das Spiel für den Zuschauer zu lesen, es für ihn zu analysieren. „Ein guter Kommentar ist eine Mischung aus Kompetenz und Emotionalität“, sagt er.

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Der Arbeitstag eines Kommentatoren besteht aus Kontrasten. Kunde hat Termine, einen minutengenauen Zeitplan. Er ist eingebunden in einen furchtbar technischen, durchgeplanten Prozess. Fußball ist sein Beruf, sein Alltag. Die Aufgabe für einen Sky-Kommentator liegt darin, trotzdem eine fast kindlich-naive Begeisterung für das Spiel zu transportieren. Nur um es im nächsten Moment klinisch kalt zu sezieren. „Ich muss die Leidenschaft und Faszination übertragen“, sagt Kunde. „Ich kann aus einem schlechten Spiel aber kein gutes und aus einem langweiligen Spiel kein Drama machen.“

Kunde will ehrlich und er selbst sein beim Kommentieren, und sich dabei voll auf das Spiel und seine Wendungen einlassen. Er will kritisch sein, wenn es das Spiel von ihm verlangt. Und trotzdem weiß er: „Ich muss das Spiel auch an die Zuschauer verkaufen.“ Kunde ist ein permanenter Gratwanderer. Sein Job ist ein Spagat aus kritischer Analyse, atmosphärischer Begleitung und Werbung für „ das Premiumprodukt“, wie sie die Bundesliga bei Sky gerne nennen. „Am Ende“, sagt Kunde, „ist es immer noch ein Kommentar. Ich biete eine Meinung an. Die muss man nicht teilen, aber es muss sie geben.“

Kabelsalat: Ohne entsprechende Technik geht es nicht.

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Foto: Cora Sundmacher

Aber auch der Job des Kommentators hat sich verändert. In Zeiten von Bullshit-Bingos und ironischem Abfeiern der Marotten von Kommentatoren steht das Gesagte auf keinem Podest der Unfehlbarkeit mehr. Der Live-Kommentar wird in Echtzeit via Twitter kommentiert und bewertet. Fernsehkommentatoren können Kult- oder Hassfiguren werden. Längst ist ein Deutungskampf um das Spiel und sein Abbild entbrannt. Die Sozialen Medien haben diesen Prozess katalysiert. „Die Medienkrise kommt im Fußball an“, titelte „Die Zeit“ vor etwa einem Jahr im Zusammenhang mit der Häme und Gewalt, die sich gegenüber Sky-Chefkommentator Marcel Reif entlud. „Ich hinterfrage meine Arbeit überhaupt nicht über das Feedback in den Sozialen Medien“, sagt Torsten Kunde. „Ich kann nur so kommentieren, wie ich bin, und nicht wie du es dir wünscht.“

Ohnehin gebe es nur einen Faktor, der seinen Kommentar beeinflusse könne, sagt Torsten Kunde: das Spiel selbst. Auch Stunden nach Abpfiff, manchmal bis in die Nacht kreisten seine Gedanken um das Spiel. „Ich gehe die wichtigsten Szenen und meinen Kommentar dazu wieder und wieder durch“, sagt Torsten Kunde, „ich lebe das Spiel mindestens noch einmal nach.“

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