Ex-Bremer spielt nur Nebenrolle bei RB

Davie Selkes Problem mit dem System

Am Sonnabend kehrt der ehemalige Werder-Profi Davie Selke mit RB Leipzig ins Weserstadion zurück. Allerdings ist in seinem jetzigen Team nur selten Platz für ihn.
14.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ullrich Kroemer
Davie Selkes Problem mit dem System

Das Talent und der Talenteschmieder: Unter Trainer Ralf Rangnick war Davie Selke in der Saison 2015/16 zunächst Stammspieler. Inzwischen spielt Selke eine Nebenrolle bei RB.

imago sportfotodienst, imago/osnapix

Am Sonnabend kehrt der ehemalige Werder-Profi Davie Selke mit RB Leipzig ins Weserstadion zurück. Allerdings ist in seinem jetzigen Team nur selten Platz für ihn.

Seine Kollegen waren bereits seit einer halben Stunde hinter der silbern glänzenden Fassade des Leistungszentrums von RB Leipzig verschwunden, da stand Davie Selke noch immer auf dem Trainingsplatz – und redete. Der Stürmer unterhielt sich am Sonntagmittag eindringlich mit Leipzigs Co-Trainer Zsolt Löw – darüber, weshalb er in den Planungen von Chefcoach Ralph Hasenhüttl kaum eine Rolle spiele, und wie er mit der schwierigen Situation umgehen könne. Bei der 0:1-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg war Selke trotz Leipziger Rückstands wieder einmal nicht zum Zuge gekommen. Überhaupt hat der 22-Jährige in dieser Saison nur 349 Minuten auf dem Platz gestanden; mal sechs Minuten, mal eine halbe Stunde – in neun Spielen wurde er gar nicht berücksichtigt.

Während Selke mit Löw debattierte, harrten etwa 50 Fans – vor allem Kinder und Frauen – auf dem Trainingsgelände aus und warteten auf ihr Idol. Als die Aussprache beendet war, schritt er nachdenklich zum Ausgang des Trainingsplatzes, wo die Anhänger ihn empfingen. Er entschuldigte sich höflich, dass es so lange gedauert habe, und setzte für Autogramme und Selfies sein Davie-Selke-Lächeln auf, für das ihn die Anhänger lieben. Denn trotz seiner Rolle als Auswechselspieler ist Selke noch immer der Liebling vieler Anhänger. Ein Spieler, der aufgrund seiner Art und seines Auftretens aus einem Team heraussticht und polarisiert.

Seit über einem Jahr kein Stammspieler mehr

Doch weshalb kann Selke bei RB Leipzig nicht sportlich punkten? Das Toptalent und der Talenteschmied Ralf Rangnick, der die Sturmhoffnung über den Umweg 2. Liga nur noch besser machen würde – das schien doch zu passen.

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In Leipzig allerdings mutierte der schlaksige Angreifer vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind. Seit mittlerweile etwa 15 Monaten ist der Acht-Millionen-Euro-Mann kein Stammspieler mehr. Und auch der neue Coach Ralph Hasenhüttl setzte von Beginn an nicht auf Strafraumstürmer Selke, sondern auf den aggressiven und athletischen Balleroberer Yussuf Poulsen, der Räume für den pfeilschnellen Timo Werner schafft. Als sich Selkes Kumpel Poulsen verletzte, beorderte Hasenhüttl Spielmacher Marcel Sabitzer in die Spitze; gegen Wolfsburg gab Federico Palacios sein Heimdebüt, ein kleiner Dribbler mit tiefem Schwerpunkt.

Hasenhüttl betont zwar auf Nachfrage immer wieder pflichtbewusst Selkes Qualitäten: „Im Torabschluss ist er wahrscheinlich unser Bester, da müssen wir ihn hinbekommen”, sagt der Coach. Gleichwohl ist Selke auch aufgrund der Spielanlage des Red-Bull-Teams keine wirkliche Alternative. „Das Spiel ist momentan etwas anders gelagert, da tut er sich schwerer”, gibt Hasenhüttl zu. Mit anderen Worten: Eigentlich ist im System von RB Leipzig kein Platz für Davie Selke vorgesehen.

Selke gibt sich kritisch und kämpferisch

Wenn er doch mal Einsatzzeiten erhielt, wie in den zähen Spielen gegen den Hamburger SV und Borussia Dortmund, lief Selke zu häufig ins Abseits, hatte Schwächen beim Pressing und war so nicht richtig in das Spiel der Leipziger eingebunden. „Jetzt muss er halt wieder warten und ein anderer bekommt die Chance”, sagte der Trainer damals.

Im Gespräch mit dem WESER-KURIER antwortet Selke selbstkritisch: „Klar, das waren meine Chancen, und das waren sicher nicht meine besten Spiele. Ich kann nur hoffen, dass ich weiterhin Gelegenheiten bekomme und vielleicht mal einen Lucky Punch setze. Dafür arbeite ich.” Der 1,92-Meter-Mann gibt sich kämpferisch, nimmt die Situation an. Er wolle sich „den Hintern aufreißen”, sagt er. „Es bringt mir nichts, mich darüber aufzuregen. Dann würde ich mir selber im Weg stehen.” Die Nichtberücksichtigung gegen Wolfsburg habe er schon abgehakt.

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An der Einstellung, betont der Trainer, mangele es Selke nicht. „Mich interessiert, wie er mit der Situation umgeht, wie er trainiert und Gas gibt”, so der Österreicher. „Da kann ich Davie absolut keinen Vorwurf machen, er ist absolut professionell und versucht sich wieder in die Form zu bringen, die uns weiterhilft.”

Wunsch nach Vertrauensbeweisen

Eigentlich ist Selke ein Spaßvogel, ein witziger Typ, der mit seinen Gags ein ganzes Team unterhalten kann. Doch hinter dem Entertainer steckt eine sensible Stürmerseele, die Zuspruch und Vertrauen benötigt. „Natürlich ist es wichtig für einen Stürmer, Selbstbewusstsein zu haben – durch gute Minuten, durch positives Feedback”, sagt Selke. „Daran sollte man sich hochziehen. Ein Assist oder ein Tor würde mein Selbstbewusstsein natürlich deutlich steigern.” Dafür wünscht er sich mehr Vertrauensbeweise. „Für den Spielrhythmus wäre es natürlich nicht schlecht, wenn ich auch mal ein paar Spiele von Anfang an bestreiten dürfte”, sagt er. „Das ist schon ein anderes Gefühl, als nur immer von der Bank zu kommen und in zehn, 15 Minuten Argumente dafür liefern zu müssen, dass es im nächsten Spiel vielleicht von Anfang an reicht.”

Nach der jüngsten Niederlage ist es sogar denkbar, dass Hasenhüttl umstellt und Selke wieder einmal von Beginn an auf den Platz schickt. „Wenn ich so gut trainiere wie in der vergangenen Woche, habe ich Hoffnung”, sagt der Ex-Werderaner und Bremer Sportler des Jahres 2014. „Ich freue mich auf die Rückkehr nach Bremen. Es steht ein besonderes Spiel an.” Sein bisher letztes Tor hat Selke am achten Spieltag erzielt – bei Leipzigs 3:1-Heimsieg gegen Werder.

Und wenn seine Situation bei RB weiter stagniert? Entscheidet Selke sich dann für mögliche Einsätze in der Champions League mit RB Leipzig oder für konstante Einsatzzeiten bei einem anderen Klub? „Die Frage ist berechtigt”, sagt Selke. Aber es sei gerade nicht der richtige Zeitpunkt in der Saison, um darüber zu reden. Falls RB Leipzig und Davie Selke noch zusammengehören, dann müssen sie in den kommenden Wochen zueinander finden.

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