Autoren-Interview zum Derby (1) "Den Bremern fehlt einfach die Coolness"

Bremen. Was sind die Unterschiede zwischen Werder und dem HSV? Und was hat das eigentlich mit der Rivalität auf sich? Vor dem Nordderby hat Ben Binkle mit den Werder- und HSV-Autoren Jan Küpper und Axel Formeseyn über diese Fragen gesprochen.
07.09.2011, 18:30
Lesedauer: 5 Min
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Von Ben Binkle

Bremen. Am Sonnabend treffen in Bremen beim Nordderby Werder- und Hamburg-Fans aufeinander. Jan Küpper liebt Grün-Weiß, Axel Formeseyn trägt seit jeher die HSV-Raute im Herzen. Beide haben Bücher über die Liebe zu ihren Klubs geschrieben. Ben Binkle hat die beiden Autoren zu einem Gespräch über Derby-Erinnerungen, drohende Bundesliga-Abstiege und Hannover 96 getroffen. Hier ist der erste Teil.

Der HSV ist Tabellenletzter, Werder wäre letztes Jahr fast abgestiegen – das Nordderby hat schon mal bessere Zeiten erlebt, oder?

Jan Küpper:Das wird doch ein spannendes Derby. Wenn Werder gewinnt, würden wir uns auf Wochen oben etablieren, der HSV hingegen unten. Das ist ein richtiges "Big-Point-Spiel". Ich bin jedenfalls sehr gespannt.

Axel Formeseyn:Jan wäre sicherlich nicht so gespannt, wenn er die bisherigen HSV-Auftritte alle live verfolgt hätte. Ich bin überhaupt nicht gespannt, sondern sicher, dass wir auf die Kappe kriegen. Damit ist auch die Luft aus dem Interview raus, ich bin gar nicht kampfesmutig (lacht)...

Geht es für Werder und den HSV nur noch darum, wer hinter Hannover 96 die Nummer zwei im Norden ist?

Küpper: Du kannst ja die Nummer eins im Norden sein und trotzdem stehen 15 andere Vereine vor dir! Von einer guten Saison von Hannover lasse ich mich nicht täuschen. Ich rechne nicht damit, dass 96 eine ewige Bedrohung für Hamburg und Werder wird. Das wird sich wieder einrenken.

Formeseyn: Das habe ich auch gedacht, bis ich am Montag in der Zeitung gelesen habe, dass sogar die B-Jugend von Hannover 96 den HSV mit 7:1 geschlagen hat...

Küpper: Wahrscheinlich hat der HSV auch die B-Jugend-Reserve vom FC Chelsea aufgekauft (lacht).

Haben Sie denn gar keine besonderen Emotionen vor dem Derby?

Formeseyn: Der Hamburger an sich nimmt Werder als Konkurrent gar nicht ernst. Für mich ist der Gegner die unmittelbar benachbarte Modemarke FC St. Pauli. Rivalität sollte sich immer auf Lokalebene abspielen. Für Werder ist das natürlich schwierig: Gegen den FC Oberneuland macht das keinen Spaß, da muss man sich eben den nächstgroßen Klub suchen.

Küpper: Mein Hauptgegner ist nicht der HSV, sondern Schalke 04. Und das geht sicher vielen Bremern so. Ich habe das Gefühl, wenn auf der Anzeigetafel im Weserstadion ein Tor gegen Schalke eingeblendet wird, schreien die Zuschauer lauter, als wenn Hamburg einen rein kriegt.

Formeseyn: Was im Moment ja auch nichts Besonderes ist und schon von daher keine größere Euphorie nach sich ziehen sollte. Was Werder angeht, stamme ich ja noch aus der Generation, in der die Grün-Weißen mit 300 Fans nach Hamburg gekommen sind. Ich kann Werder immer noch einfach nicht ernst nehmen, auch wenn ich durchaus mitbekommen habe, dass die mittlerweile ein paar hundert Leute mehr mitbringen.

Aber einige Erinnerungen an die Derbys werden Sie als treue Fans ja wohl haben…

Küpper: Meine Derby-Erfahrungen beschränken sich leider auf die Jahre 1996 bis 1999, als ich meine Kochlehre in Bremen gemacht habe. Das war die Zeit nach Otto Rehhagel und vor Thomas Schaaf. Da habe ich drei Jahre lang den Fußball erlebt, den Axel die letzten Jahre im Hamburg zu sehen bekommen hat (lacht). Die Derbys waren alle schlecht und sind 0:0 ausgegangen. Wenn ich mich heute an diese Zeit zurückerinnere, dann denke ich immer: Mensch, ist Werder erfolgreich geworden!

Formeseyn: In einem meiner ersten Derbys wurde vom HSV-Stadionsprecher Jo Brauner ausgerufen, dass sich ein gewisser "Reiner Hass" bitte hinter der Ostkurve mit den Werder-Fans einfinden soll. Das war eine obskure Idee einiger HSV-Hooligans. Und ich fand das Plakat mit der Aufschrift "Hoffmann bleibt" super, das die Werder-Fans 2010 mit im Stadion hatten. Ich glaube nicht, dass die Bremer dem HSV damit helfen wollten. Aber letztlich war das vielleicht auch ein kleiner Sargnagel für die Ära des Vorstandsvorsitzenden BerndHoffmann.

Küpper: Oder 2006, als die Werder-Fans die Abstimmung zum "Spieler des Jahres" auf der HSV-Homepage manipuliert haben. Alle haben für Ailton abgestimmt, der im letzten Spiel gegen Werder noch am leeren Tor vorbeigeschossen hat. Der hat die Wahl am Ende dann auch gewonnen...

Formeseyn: Typisch Werder. Da müssen schlimme Minderwertigkeitsgefühle im Spiel sein, wenn man es nötig hat, auf der Homepage des Konkurrenten für Stunk zu sorgen.

Werder und der HSV – sind das zwei völlig verschiedene Fan-Welten?

Formeseyn: Als HSV-Fan in Hamburg weiß man oft nicht mal so genau, warum man das ist, aber man ist es eben trotzdem. "Trotzdem HSV" ist nicht umsonst das schönste Fanlied über meinen Verein. Und so ist es doch auch: Fan des HSV zu sein, ist harte Arbeit. Aber man ist stolz, den ganzen Mist durchzustehen, der in den letzten gefühlten 12.000 Jahren rund um den eigenen Klub passiert ist. Daraus bezieht man als Fan eine gewisse Lässigkeit, was das Tagesgeschehen angeht. In der Kleinstadt Bremen ist das eher ein provinzielles Stolzsein auf den eigenen Klub.

Küpper: Ich glaube, in Bremen nehmen sich die Fans nicht so wichtig. Wenn wir Erfolg haben, wird gefeiert, aber dann geht das Leben weiter. Und wenn der Erfolg mal ausbleibt, ist das auch nicht gleich dramatisch. Bei Werder geht das alles etwas leiser zu - das ist menschlich und sehr sympathisch.

Formeseyn: Den Bremern fehlt im Vergleich zu den Hamburgern einfach die Coolness. Als wir 2007 als Abstiegskandidat nach Bremen gefahren sind, gab es im HSV-Block ein Plakat mit der Aufschrift: "Wir sind trotzdem geiler als ihr". Und so fühle ich mich wirklich: Wenn der HSV am Sonnabend wieder gegen Werder verliert, weiß ich trotzdem: "Ich würde zwar auch gerne mal wieder gewinnen, aber wir sind trotzdem geiler." Und genau das macht die Bremer fuchsig: Sie können so oft gewinnen, wie sie wollen. In der Hinsicht können sie uns nicht das Wasser reichen.

Apropos Abstieg: Dieses Wort wurde im Jahr 2011 erstaunlich oft in Zusammenhang mit dem HSV und Werder genannt.

Formeseyn: Ich traue mich das kaum zu sagen, aber vielleicht wäre es sogar gut, wenn der HSV mal absteigen würde. Vielleicht braucht der Verein das. Einfach mal wieder unten anfangen. Aber die Gefahr ist natürlich groß, dass man im Nirvana endet wie Köln oder Frankfurt, die es höchstens mal auf einen gesicherten Mittelfeldplatz schaffen. Wobei ich damit im Moment natürlich ziemlich zufrieden wäre.

Küpper: Ich habe letztes Jahr auch drüber nachgedacht, ob das so schlimm wäre, wenn Werder absteigt. Der letzte Abstieg 1980 hat dem Verein ja gut getan. Nur ist das heute eine andere Zeit. Allein schon wirtschaftlich ist das viel schwieriger geworden. Da wirst du als Aufsteiger nicht gleich Tabellenfünfter.

Formeseyn: Auch wenn der Beweis, dass ein Abstieg wirklich so schlimm ist, noch aussteht: Erleben möchte ich das mit dem HSV dann doch eher nicht...

Hier geht es mit Teil zwei weiter...

Zur Person:

Jan Küpper (34) ist Autor des Werder-Buches "Für immer grün-weiß" (Werkstatt-Verlag). Zwischen 1996 und 1999 absolvierte er seine Kochlehre im Hotel Zur Post in Bremen. Heute lebt der "Werder-Fan seit Völlers Zeiten" mit seiner Famili e im niederrheinischen Dingden,wo er die Küche des Gasthof Küpper leitet.

Axel Formeseyn (39) ist Autor der HSV-Bücher "Unser HSV" (Edition Temmen) und "Voll die Latte" (Werkstatt-Verlag). Er saß für ein paar Jahre im Aufsichtsrat seines Lieblingsvereins, schrieb für "11 Freunde" und verschiedene Fanzines, das HSV-Stadionmagazin und die "HSV-Supporters-News". Seine Vereinschronik "Unser HSV" wurde von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur 2009 zum Fußballbuch des Jahres nominiert.

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