Bundesliga-Kolumne von Arnd Zeigler Der bremen-typische Reflex

Bremen. Hat es in Bremen zuletzt eigentlich eine echte Trainerdiskussion gegeben? Oder sind das nicht viel mehr die bremen-typischen Reflexe, die es in der Ära Schaaf schon so häufig gegeben hat? Darüber schreibt Arnd Zeigler in seiner Kolumne.
15.03.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Arnd Zeigler

Darf ich Sie mal was ganz Persönliches fragen? So von Werderaner zu Werderaner? Hatten wir eigentlich vorletzte Woche wirklich eine echte Trainerdiskussion hier in Bremen? So richtig? Oder war es eher dieser mittlerweile legendäre, bremen-typische Reflex, den wir hier seit Beginn der Amtszeit von Thomas Schaaf 1999 etwa zwanzigmal erlebt haben: Irgendwas im Werder-Gesamtgefüge hakt und rumpelt, man weiß ja auch nicht so recht, und also analysiert man messerscharf, dass der Trainer sich abgenutzt habe, die Mannschaft nicht mehr erreicht, frischer Wind her muss.

Zum ersten Mal habe ich das erlebt, als ich noch gar nicht Stadionsprecher war, sondern noch artig auf meinem Dauerkartenplatz saß. Das war im Jahr 2000, und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben den Satz gehört "Das war es jetzt aber endgültig für Schaaf!" Werder hatte gerade 1:4 in Berlin verloren und stürzte in der Tabelle auf Platz 17 ab, nach elf Spieltagen.

In den folgenden Jahren gab es eine ganz ähnliche Situation noch mal im Herbst 2001: Werder stand auf Platz 14, mit nur einem Sieg aus den ersten sechs Spielen. Im Jahr danach war das frühe UEFA-Cup-Aus gegen Arnheim für manchen Werder-Fan ein Grund, Werders Trainer abzuurteilen mit Sätzen wie "Mit dem kommen wir nie auf einen grünen Zweig!". Ein Jahr später taumelte ganz Bremen freudetrunken durch die Double-Saison. Und danach erlebten wir den geballten Champions League-Rausch mit Siegen gegen Real Madrid, den FC Chelsea, Juventus Turin oder Inter Mailand.

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Es wäre schön, wenn das alles nie zu Ende gegangen wäre und Werder auf alle Zeiten als Dauergast in den allerhöchsten Sphären des europäischen Gourmet-Fußballs logieren könnte. Alleine … das geht nicht. Denn wir sind Werder Bremen. Und auch wenn man auf so manches neidisch sein kann, wäre niemand von uns gerne lieber Bayern München. Denn Werder Bremen steht für etwas. Ganz altmodisch gesagt: Werder steht für Werte, für eine Mentalität, für eine Philosophie, auf die wir alle stolz sein können. Alles, was Werder ist, verdanken wir der Tatsache, dass der Verein sich treu geblieben ist.

Und zwar auch in Zeiten, in denen uns die etwas aufgeregtere Presse wieder einmal "die schlimmste Krise der Ära Schaaf" vorrechnete (wie seit 1999 mehr als ein Dutzend mal, ungelogen) oder die Skeptiker aus dem ersten Absatz oben zum fünften, sechsten oder siebten Mal etwas von "Abnutzung" und "Schaaf erreicht die Mannschaft nicht mehr!" orakelten. "Jetzt aber wirklich!" Wobei das sogar stimmt, denn Schaaf erreicht inzwischen weder die Mannschaft von 1999, noch die von 2004 noch in irgendeiner Form.

Schaaf stand immer unter dem Zwang, Werders erste Elf neu zu erfinden und dennoch konkurrenzfähig zu bleiben. Das fällt freilich weitaus leichter, wenn man Champions League-Gelder in Miro Klose, Mertesacker oder Diego investieren kann als jetzt im Moment, da ein Gehaltsgefüge heruntergedampft werden muss und eine Mannschaft an den Start geschickt wird, die sehr, sehr jung ist und in der aktuell nur zwei Spieler der Startformation schon länger da sind als zwei Jahre. Eine ganz ähnliche Konstellation hat auch bei Borussia Dortmund in Jürgen Klopps Anfangszeit ganz und gar nicht sofort funktioniert.

Mein Kumpel Fernando schrieb mir vor wenigen Tagen dies: "Den Wert und die verbindende Tiefe, die ein Mensch wie Thomas Schaaf in seiner so lange schon so verantwortungsvollen Position im Verein darstellt, eines Tages nicht mehr erleben zu dürfen, lässt mich jetzt schon schaudern." Etwas Besseres über meinen Lieblingsverein hatte ich zuvor lange nicht mehr gelesen.

Zur Person: Arnd Zeigler (47) ist Moderator bei Radio Bremen. Er ist bekannt aus Funk und Fernsehen durch sein Format "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs". Im wöchentlichen Wechsel mit Jörg Wontorra, Manfred Breuckmann, Lou Richter und Shary Reeves schreibt er in unserer Zeitung, was ihm im Bundesliga-Geschehen aufgefallen ist.

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