Werders Ex-Manager Eichin im Interview „Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“

Werders Ex-Manager Thomas Eichin erklärt im Interview mit dem WESER-KURIER das Prinzip der Ausstiegsklausel, welche Rolle die Berater spielen und warum Franco Di Santo ein sehr gutes Geschäft war.
15.07.2017, 20:53
Lesedauer: 3 Min
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„Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“
Von Christoph Sonnenberg

Herr Eichin, für viele Klubs ist die Transferphase eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen, weil die besten Spieler eine Vertragsklausel haben, die es ihnen erlaubt, unkompliziert und kurzfristig zu wechseln. Aktuell geht es bei Werder um die Frage, ob Max Kruse den Klub noch verlässt. Warum lassen sich die Manager auf eine solche Klausel ein?

Thomas Eichin: Es gibt nur sehr wenige Klubs, die mit Verträgen ohne Ausstiegsklausel operieren können. Wer das kann, kann den Spielern entsprechende Gehälter zahlen. Real Madrid zum Beispiel, oder auch Barcelona. In der Bundesliga ist das in München der Fall, auch Dortmund und Schalke haben die finanziellen Möglichkeiten. Und offenbar Leipzig, wie das Beispiel Emil Forsberg zeigt. Bei vielen Klubs hätte ein Spieler seiner Kategorie eine Ausstiegsklausel. In Leipzig nicht, deshalb mussten sie ihn nicht gehen lassen.

Sie waren von 2013 bis 2016 Geschäftsführer bei Werder, wie haben Sie das in Verhandlungen gehandhabt?

Zu meiner Zeit – damals war Werder finanziell noch weit schlechter aufgestellt, als es heute der Fall ist – konnten wir keine horrenden Gehälter zahlen. Das bedeutete, dass wir mit der Klausel leben mussten, sonst hätten wir auf bestimmte Spieler verzichten müssen. Aber das hätte ja auch niemandem geholfen. Es geht immer darum, die sportliche Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Dafür muss man manchmal mit den Wölfen heulen.

Bei Franco Di Santo haben Sie 2013 eine Ausstiegsklausel eingebaut. Zwei Jahre später hat er diese sehr kurzfristig gezogen. Ein Beispiel, wie schmerzhaft diese Klausel mitunter sein kann?

Di Santo ist in mehrfacher Hinsicht ein gutes Beispiel. Er kam damals ablösefrei aus der Premier League. Den Status, dem aufnehmenden Klub kein Geld zu kosten, hat sich ein Spieler erarbeitet. Das bringt ihm und seinem Berater eine günstige Verhandlungsposition, von der sie natürlich profitieren wollen. Dazu kam, dass wir beim Gehalt keine Unsummen zahlen konnten. Ohne die Ausstiegsklausel hätten wir Franco nicht bekommen, Punkt. Jeder Manager muss für sich selbst entscheiden, ob er auf die Forderung der Gegenseite eingeht. Ich denke, Di Santo war für Werder insgesamt ein sehr gutes Geschäft.

Di Santos Wechsel zu Schalke kam überraschend. Zuvor war bereits Davie Selke gewechselt, mit Di Santo verabschiedete sich der zweite Stürmer. Die Stimmung im Umfeld kippte ins Negative. Zeigt das, dass eine Ausstiegsklausel gefährlich für einen Klub sein kann?

Das lief damals alles andere als glücklich. Ich hatte sechs Monate mit Di Santo und seinem Berater über eine Verlängerung verhandelt, immer wieder hatte Franco seine Bereitschaft signalisiert. Finanziell haben wir ein gutes, konkurrenzfähiges Angebot gemacht. Aber da haben sicherlich auch die Berater ihren Teil dazu beigetragen. In der Regel beziehen sie bei einem Vereinswechsel mehr als bei einer Verlängerung.

Di Santo wechselte für sechs Millionen, Serge Gnabry für acht. Bei Max Kruse ist die Höhe der Ausstiegsklausel zweistellig. Wie errechnet diese sich?

Das sind Marktentwicklungsprognosen. Der Berater möchte die Summe natürlich möglichst niedrig ansetzen, der Klub so hoch es geht. Es hängt aber auch vom Zeitpunkt des Transfers ab. Ist der Druck des Klubs, den Deal so schnell es geht abzuschließen, hoch, nutzt die Gegenseite das aus, bestimmte Forderungen durchzudrücken. Wird der Vertrag frühzeitig geschlossen, fällt dieser Druck natürlich weg. Für den Klub ist das von Vorteil.

In manchen Fällen ist die Ausstiegsklausel an ein bestimmtes Datum gebunden, in anderen Fällen gilt sie nur für ein bestimmtes Land. Wie viele Varianten sind möglich oder üblich?

Man kann alles einbauen, da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. In der Regel ist die festgeschriebene Ablösesumme höher, je näher das Ende der Transferperiode rückt. Weil es für den Klub dann schwerer ist, in der Kürze der Zeit Ersatz zu finden. Und meistens wird die Summe mit der Laufzeit des Vertrags niedriger. Nach einem Jahr ist der Spieler also teurer als nach drei Jahren. Als Manager will man die Klausel zeitlich gerne beschränken. Wenn sie nur jeweils bis zum 31. Mai gilt, herrscht frühzeitig Planungssicherheit. Aber das ist schwer, weil der Markt meist erst im Juli oder August richtig anzieht. Und sich erst dann interessante Optionen für den Spieler ergeben.

Die Fragen stellte Christoph Sonnenberg.

Zur Person: Thomas Eichin war mehr als drei Jahre als Geschäftsführer Sport bei Werder für die Zusammenstellung des Kaders verantwortlich. Der 50-Jährige kennt die Tücken von Ausstiegsklauseln, er weiß aber auch, weshalb ein Klub wie Werder sie akzeptieren muss. Zuletzt war Eichin Manager bei 1860 München, wo er nach nicht einmal einem halben Jahr im vergangenen Dezember entlassen wurde. Danach gab es einen Gerichtsstreit, bei dem 1860 zur Zahlung von Eichins ausstehenden Gehältern verurteilt wurde.
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