30 Jahre nach dem tödlichen Steinwurf auf einen Werder-Fan

Der Schock sitzt noch immer tief

Bremen/Hamburg. Vor 30 Jahren starb ein junger Werder-Fan, weil ein Stein ihn getroffen hatte. Der Tod von Adrian Maleika war ein Schock für die Fußball-Welt. Ein Schock, der bis heute anhält.
16.10.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Maike Schlaht
Der Schock sitzt noch immer tief

Werder-Fans trauern am 20. Oktober 1982 während eines UEFA-Cup-Spiels um den verstorbenen Adrian Maleika.

dpa

Bremen/Hamburg. Schalke gegen Dortmund, Nürnberg gegen Fürth, HSV gegen Werder: Wo Fußballvereine gegeneinander antreten, kommt es auch zu Auseinandersetzungen unter ihren Fans. Meist äußern sich die Rivalitäten in Gesängen, manchmal in Schlägereien. Vor 30 Jahren aber starb ein junger Werder-Fan, weil ein Stein ihn getroffen hatte. Der Tod von Adrian Maleika war ein Schock für die Fußball-Welt. Ein Schock, der bis heute anhält.

Vor 30 Jahren starb Adrian Maleika. Am 17. Oktober 1982 kam ein 16-jähriger Glaserlehrling ums Leben, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Der Bremer Fußball-Fan Maleika wollte in Hamburg ein Spiel seines Vereins Werder Bremen gegen den HSV sehen, die zweite Runde des DFB-Pokals stand an. Das Stadion erreichte Adrian Maleika jedoch nie.

Maleika fährt mit dem Zug und Mitgliedern des Bremer Fanklubs "Die Treuen", den sein Bruder Roland zwei Jahre zuvor mit gegründet hat, nach Hamburg. Eine Kutte trägt er nicht. Am Hauptbahnhof nehmen die Bremer Fans die S-Bahn Richtung Volksparkstadion. Doch statt in Stellingen, wie der Großteil der Stadionbesucher, steigt ein Teil der Gruppe erst eine Station später aus, in Eidelstedt. Auf der Hauptroute zum Stadion gibt es Polizeischutz für die Fans – hier nicht. Im Volkspark trifft die Gruppe aus Bremen auf Anhänger des HSV-Fanklubs "Die Löwen", dem damals vor allem rechtsextremistische Rocker angehören. "Die Treuen" sind in einen Hinterhalt geraten. Es wird mit Gaspistolen geschossen, Leuchtraketen fliegen. Ob die beiden Gruppierungen voneinander wussten, sich gar verabredet hatten, ist bis heute ungeklärt. Was klar ist für die, die Adrian Maleika kannten: Er war ein friedlicher junger Mann, kein Schlägertyp.

Trotzdem fällt er am 16. Oktober einer Gewalttat zum Opfer. Maleika wird von einem Ziegelstein am Kopf getroffen. Sanitäter finden ihn in einem Gebüsch, bewusstlos. Die anderen Bremer Fans fliehen vor dem Steinhagel. Tags darauf, am 17. Oktober, stirbt der 16-Jährige an den Folgen des Angriffs im Altonaer Krankenhaus. Adrian Maleika ist der erste Fußballfan in Deutschland, der am Rande eines Fußballspiels zu Tode kommt. Den Steinwerfer kann die Polizei nicht ermitteln. Acht "Löwen" werden angeklagt, drei von ihnen verurteilt. Der mutmaßliche Rädelsführer, Peter L., bekommt eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten, Bernhard B. erhält zwölf Monate auf Bewährung, Carmen S. muss zehn Arbeitsmaßnahmen ableisten.

Auch wenn inzwischen drei Jahrzehnte vergangen sind: Viele, die damals dabei waren, können bis heute nicht begreifen, was an dem Herbstnachmittag in Hamburg geschehen ist. "Wir standen alle unter Schock", sagt Willi Lemke, der damals Manager von Werder Bremen war und heute im Aufsichtsrat des Vereins sitzt. Für ihn war es "der schwärzeste Tag" seines beruflichen Lebens. Einen Fan von "egal welchem Verein zu steinigen" – das habe sich bis dahin niemand auch nur annähernd vorstellen können. Erst später, erzählt Lemke, habe er erfahren, was Adrian für ein Mensch gewesen ist: "Ein ganz stiller, in sich zurückgezogener, freundlicher und bescheidener Lehrling." Zum Fußball gebracht hat ihn sein Bruder. "Ich werd‘s mir nicht verzeihen", sagt Roland Maleika in einem Film über den Tod seines jüngeren Bruders. "Das Schuldgefühl wird man nicht los."

Als "das schlimmste Erlebnis während meiner Amtszeit" bezeichnet Wolfgang Klein, HSV-Präsident von 1979 bis 1987, die Ereignisse am 16. Oktober. Auseinandersetzungen zwischen Fans seien zwar nichts Besonderes gewesen. Aber niemand habe damit gerechnet, dass jemand sterben würde. "Wir waren überzeugt, dass wir über einen hervorragenden Sicherheitsdienst im Stadion verfügen." Adrian Maleika aber starb außerhalb des Stadions, an einem Ort, an dem es keine Sicherheitskräfte gab.

Dass Fans derart brutal aufeinander losgehen, ist für das damalige Führungspersonal der Vereine nur schwer nachzuvollziehen. Klein: "Willi Lemke war für mich ein Freund, wir haben uns vor den Spielen zum Mittagessen getroffen und miteinander geflachst." Auch Lemke berichtet von Freundschaften zu HSV-Spielern und Vereinsfunktionären. "Das hat überhaupt nichts mit der Rivalität der Fangruppen zu tun gehabt." Sie seien zwar auch sportliche Rivalen gewesen, sagt Lemke, "aber wenn das Spiel abgepfiffen war, bestand die Freundschaft wieder".

Warum Adrian Maleika sterben musste, ist für die meisten Fans schwer zu verstehen. Es gibt viele ältere, die sich bis heute an ihn erinnern – und jüngere, die seine Geschichte kennen, obwohl sie 1982 noch nicht einmal geboren waren. Fast alle sind sich einig, dass sich so etwas niemals wiederholen darf. Im Internet-Forum von Werder Bremen diskutieren Fans darüber, welche Formen des Gedenkens angebracht sind. Das HSV-Museum erinnert seit drei Jahren mit einer Tafel und Führungen zum Thema Fußball und Gewalt an Adrian Maleika. Werder Bremen enthüllt am Sonnabend in der Ostkurve ein Denkmal für ihn.

In der Fan-Szene ist Adrian Maleika immer ein Thema, sagt Thomas Hafke vom Fan-Projekt Bremen. "Bei vielen älteren Fans kommen die Erinnerungen hoch, wenn Werder gegen den HSV spielt." Es gibt Fans, die nie wieder zu einem Spiel gegen Hamburg gegangen sind. Gewalt eindämmen – das ist der Auftrag des Fan-Projekts, dessen Anfänge bis ins Jahr 1981 zurückreichen. Nach Maleikas gewaltsamem Tod wollten die Mitarbeiter des Projekts einer möglichen Eskalation vorbeugen und brachten deshalb vor dem Rückspiel Werder- und HSV-Fans im niedersächsischen Scheeßel zusammen. Hafke: "Dort wurde beschlossen, dass es keine Rache-Aktionen gibt." Die Fans haben sich daran gehalten, eine Weile zumindest. Vor ein paar Jahren griffen gewaltbereite Hamburger Fans einen Shuttle-Bus an, es flogen Steine. "Man kann nicht so tun, als wäre jetzt alles Friede, Freude, Eierkuchen", meint Manfred Knaust, der Anfang der Achtzigerjahre im Fan-Projekt gearbeitet hat und Adrian Maleika kannte. "Die Lage ist nach wie vor explosiv."

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