Eine SVW-HSV-Hausgemeinschaft Derbygegner unter einem Dach

Ian Watson und Horst Rößler wohnen seit Jahrzehnten in einer Hausgemeinschaft. Sie teilen viele Interessen - nur beim Nordderby sind sie gar nicht einer Meinung.
16.04.2017, 08:45
Lesedauer: 4 Min
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Derbygegner unter einem Dach
Von Kea Müttel

Ian Watson und Horst Rößler wohnen seit Jahrzehnten in einer Hausgemeinschaft. Sie teilen viele Interessen - nur beim Nordderby sind sie gar nicht einer Meinung.

Keine hundert Meter vom Weserstadion entfernt sitzen Horst Rößler, 66 Jahre alt, und Ian Watson, 70 Jahre, auf einem Sofa und diskutieren über Fußball. Eine der Lieblingsbeschäftigungen der beiden Rentner. Sie wohnen seit über 30 Jahren in einer Hausgemeinschaft, teilen viele Leidenschaften. Die Musik. Das Theater. Den Fußball. Nur bei diesem gibt es einen gewaltigen Unterschied: Rößler ist HSV-Anhänger mit Leib und Seele, Watson eingefleischter Werderaner. Beide drücken ihren Vereinen seit mehr als 40 Jahren die Daumen.

Trotzdem werden sie auch am Sonntagabend, wenige Stunden nach dem 106. Nordderby in der Bundesliga wieder gemeinsam im Wohnzimmer sitzen. Im Erdgeschoss. Einer auf dem Sessel, einer auf dem Sofa. Und sie werden sich abends im NDR die Zusammenfassung des Spiels anschauen. Die Sportschau läuft zu ihrem Bedauern nicht, es ist ja Sonntag.

Stammplätze vor dem Fernseher

So gut wie jedes Wochenende sitzen sie zusammen vor dem Fernseher, auf ihren Stammplätzen, und schauen sich die Fußballspiele an. Dafür kommt Rößler, der mit seiner Frau in der oberen Etage wohnt, ins Wohnzimmer von Watson, der mit seiner Frau im unteren Teil des Hauses lebt. Hier sei der Fernseher minimal größer, erklären sie. Manchmal sind ihre Frauen mit dabei, manchmal nicht. Aber sie beide sind immer da. So wird es auch Sonntag sein – unabhängig, ob Werder oder der HSV das Nordderby gewinnt. „Man muss auch da durch“, sagt Rößler über den Fall einer Niederlage des eigenen Vereins und ergänzt: „Das ist auch ganz wichtig, dass man dann darüber redet und nicht alles in sich hineinfrisst.“ Auch für den Werder-Fan Watson kommt ein Verzicht auf das abendliche Fernsehen nicht infrage.

Beide identifizieren sich mit ihrem Verein, obwohl beide nicht in der Stadt ihres Lieblingsvereins geboren wurden. Rößler kam 1950 in Kassel auf die Welt. Dort gab es damals nur den unterklassigen Verein KSV Hessen Kassel. „Jetzt ist man aber ein Bub und will zu den Siegern dazu gehören“, sagt er. „1958 hat Uwe Seeler seine erste WM gespielt – er war sozusagen mein Idol. So bin ich zum HSV gekommen und immer dabei geblieben.“ Sein Freund Watson kommt aus Belfast – zog mit 25 nach Bremen und wurde schnell zum Werder-Fan. „Ursprünglich bin ich mit Uni-Leuten einfach hingegangen“, sagt er. Seit Ende der 70er Jahre ist er Dauerkartenbesitzer. Sitzt mit Freunden und Bekannten im Block 1 und verfolgt von hier die Heimspiele. „Wir standen jahrelang in der Ostkurve“, erzählt er. Über den Umweg Nordgerade ist er im Block 1 gelandet.

Gemeinsames Essen

Seit Ende der 70er Jahre sind die beiden auch befreundet. Der Historiker Rößler lernte Watson, der später Literatur-Professor wurde und in den letzten Jahren sogar Bücher über Fußball veröffentlichte, an der Universität in Bremen kennen. Und Rößler machte Watson auch mit dessen Ehefrau bekannt. Die Verbindungen zwischen beiden Familien sind eng verknüpft. So wird zum Beispiel viermal pro Woche, montags bis donnerstags, im Haus gemeinsam gekocht „Das haben wir mit den Kindern immer so gemacht“, sagt Rößler, „das ist einfach Arbeitsteilung.“ Und dabei ist es auch geblieben, obwohl die drei Kinder – Rößler hat eines, Watson zwei – inzwischen nicht mehr in dem Haus leben.

Diese enge Verbindung spürt man auch, wenn sie über das Derby am Sonntag reden. Sie machen kleine Witze übereinander, beide glauben an einen Sieg ihrer Mannschaft. Trotzdem gehen sie herzlich miteinander um. Eine angespannte Stimmung in ihrer Wohnung gebe es trotz des Nordderbys nicht, versichern beide. Watson sagt: „Wenn ich ein bisschen hämisch bin, ist das nicht so ernst gemeint.“ Und gibt zu: „Aber wenn die im Stadion wirklich anfangen mit ‚Scheiß HSV‘, werde ich mitmachen. Ich würde das nie übertragen wenn ich dann auf den Deich komme und hier runtergehe und da stehen Hamburger. Ich würde es denen nie ins Gesicht sagen. Aber wenn die Kurve das Ding anstimmt, dann mache ich auch mit.“ Das kann Rößler verstehen, er sagt: „Wenn der Fan im Fußballstadion ist, werden große Teile des Gehirns ausgeschaltet. Man muss eigentlich sehr, sehr aufpassen. Aber die Emotionen überkommen einen dann. Und ich würde jetzt von mir nicht ausschließen, dass ich dann auch Hämisches und Bescheuertes über Bremen absondere.“ Aber er macht auch klar: „Da gibt es andererseits diese Grenze, weil ich ja mir doch Gedanken darüber mache. Man macht selbst in dieser Situation nicht bei allem mit. Und ich glaube auch, das sollte grundsätzlich bei den Fans so sein.“

Unterschiedliche Perspektive beim Nordderby

Am Sonntag kommt Rößler gar nicht in Verlegenheit, er wird das Spiel am Radio verfolgen. Watson aus einer völlig anderen Perspektive im Weserstadion. Rößler, der quasi im Feindesland wohnt, sagt: „Mir fehlt dieses Gemeinschaftserlebnis schon. Da bin ich auch ein bisschen neidisch. Ich bin ja auch manchmal in Hamburg im Stadion. Das vermisse ich!“ Karten im Weserstadion zu bekommen, sei nicht einfach. Und im Bock 1, bei seinem Kumpel Watson, gibt es sowieso fast nur Dauerkartenplätze. So bleibt nur, die Spiele in einer Kneipe zu sehen – oder eben am Radio zu verfolgen. Nichtsdestotrotz freuen sich beide auf das Spiel am Sonntag. Beide sind sich einig, dass diese Partie „ein Höhepunkt“ sei. Unabhängig vom Spielergebnis wird die Stimmung bei den Hausbewohnern auf jeden Fall positiv bleiben. Oder wie Watson es mit einem Augenzwinkern zu Rößler sagt: „Wenn es Unentschieden ausgeht, dann gibt’s ein High Five, wenn Werder knapp gewinnt, werde ich dich streicheln; und wenn Werder 6:0 gewinnt, werde ich dich ganz, ganz doll umarmen!“

Und noch etwas verspricht Watson seinem Hausmitbewohner, der etwas weniger siegessicher wirkt als sein Freund: „Beim Relegationsspiel bin ich immer für den HSV! Und wenn es sein muss, dieses Jahr auch!“ Das würden sie sich dann wieder zusammen anschauen. In dem Wohnzimmer. Auf ihren Stammplätzen. Aber dann wären in dem Werder-HSV-Haus ausnahmsweise beide für den Hamburger Sportverein.

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