Werder Bremen Die Eigendynamik der Krise

Bremen. Werder Bremen sollte gewarnt sein. In schöner Regelmäßigkeit verstricken sich Mannschaften im Abstiegskampf, die mit großen internationalen Träumen angetreten sind. Eine Krise kann eine Eigendynamik entwickeln - das wissen auch Dortmund und der HSV.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Die Eigendynamik der Krise
Von Marc Hagedorn

Bremen. Klaus Allofs sagte den Satz am Sonntag. "Diese Mannschaft ist so gut, dass sie eigentlich nichts mit dem Abstieg zu tun haben dürfte." Trotz diverser Ausfälle hatten auch am Sonnabend beim 0:4 auf Schalke noch zehn Nationalspieler in der Startelf gestanden, eine grundsätzliche individuelle Klasse darf bei den Werder-Profis also tatsächlich vorausgesetzt werden. Doch mit dem Potenzial ist das so eine Sache: Man muss es nicht nur haben, man muss es auch abrufen. Das hat Allofs mehr als einmal gesagt in diesen Wochen der tiefen Krise. Geholfen hat es nichts.

Es ist ein Phänomen. In schöner Regelmäßigkeit verstricken sich Mannschaften im Abstiegskampf, die vor der Saison noch mit großen internationalen Träumen angetreten sind. Der Hamburger SV 2006/2007, der VfL Wolfsburg 2005/2006, Hertha BSC 2003/2004, Bayer Leverkusen 2002/2003 oder Borussia Dortmund 1999/2000 stehen exemplarisch für Klubs, die unvermittelt in eine Krise geraten sind und sich am Ende nur soeben noch daraus befreien konnten.

Verletzungen, überstrapazierte Nationalspieler, eine in sich zerstrittene Mannschaft, glücklose Trainer - bestimmte Erklärungsansätze tauchen bei der Beschreibung jeder dieser Krisen auf. Das eine oder andere dürfte einem in diesen Tagen auch in Bremen bekannt vorkommen.

Borussia Dortmund 1999/2000

Der Gewinn der Champions League lag erst zweieinhalb Jahre zurück, als Borussia Dortmund der zweiten Liga entgegentaumelte. Die Mannschaft war exzellent besetzt, gespickt mit Nationalspielern und Stars wie Jens Lehmann, Jürgen Kohler, Stefan Reuter, Christian Wörns, Andreas Möller und Fredi Bobic. Trainer Michael Skibbe war unmittelbar nach dem Rückrundenstart entlassen worden, es folgte eine Serie von 15 Spielen ohne Sieg. Erst das Duo Udo Lattek/Matthias Sammer rettete die Borussia vor dem Abstieg.

In seiner Autobiographie "Der Wahnsinn liegt auf dem Platz" beschreibt Lehmann, was alles falsch gelaufen war seinerzeit, es waren vor allem zwischenmenschliche Dinge. Ein paar Auszüge: "In dieser Dortmunder Mannschaft war der Wurm drin." Immer wieder drangen Interna aus der Umkleidekabine nach draußen, vornehmlich in die Redaktion der "Bild". Lehmann: "Alfred Nijhuis ist einer derjenigen, der die Presse füttert mit Details." Miki Stevic ein anderer: "Der sagt denen alles."

Bayer Leverkusen 2002/2003

Bayer hatte die herausragenden Zé Roberto und Michael Ballack vor Saisonbeginn verloren, verfügte aber noch immer über eine stolze Ansammlung an Nationalspielern. Jörg Butt, Bernd Schneider, Carsten Ramelow und Oliver Neuville waren mit der deutschen Nationalmannschaft gerade Vize-Weltmeister geworden. Sie kehrten verspätet, ausgelaugt oder überspielt in die Mannschaft zurück. Jens Nowotny fiel die komplette Saison mit einem Kreuzbandriss aus. Kreativkünstler wie Yildiray Bastürk oder Jan Simak fanden nie zu ihrer Form. Am ersten Spieltag ist Leverkusen Achter, anschließend nie besser als Platz elf. Die Krise entwickelt eine Eigendynamik. Erst wird Klaus Toppmöller als Trainer gefeuert, danach Übergangslösung Thomas Hörster. Schließlich rettet Klaus Augenthaler die Saison, an deren Ende der damals allmächtige Reiner Calmund feststellen musste: "Unsere Außendarstellung war zeitweise katastrophal."

Hertha BSC 2003/2004

Die Ziele waren schon immer groß in der Hauptstadt, Manager Dieter Hoeneß befeuerte sie mit Millioneneinkäufen wie Luizao, Marcelinho, Niko Kovac und Fredi Bobic zusätzlich. In der Saison 2003/2004 kam das böse Erwachen. Vom ersten Spieltag an kämpfte Hertha gegen den Abstieg, Huub Stevens und Andreas Thom versuchten sich erfolglos an der Krisenbewältigung, erst Hans Meyer bewahrte die Hertha vor der Zweitklassigkeit. Pal Dardai, einer der wenigen Leistungsträger in jener Saison, fasste zusammen: "Es war eine Verkettung, ein Domino-Effekt. Der verpfuschte Start. Die Verletzung Marcelinhos. Die Diskussionen um Stevens. Keiner von uns Profis hat bis zur Verpflichtung von Hans Meyer das gespielt, was er kann."

VfL Wolfsburg 2005/2006

Eine gut besetzte Mannschaft mit Spielern wie Kevin Hofland, Diego Klimowicz, Andres d?Alessandro, dazu die teuren Neuzugänge Mike Hanke, Alex und Steve Marlet, da schien der kurzfristige Abgang von Top-Star Martin Petrov zu Atletico Madrid kein großes Problem zu sein. Doch weit gefehlt. Je länger die Saison dauerte, desto größer wurden die Probleme. Verletzungen, Sperren und Formkrisen sowie die vorzeitige Trennung von Problemkind d?Alessandro leiteten gegen Ende der Hinrunde einen Totalabsturz ein, den die Wolfsburger als Tabellenfünfzehnter erst am letzten Spieltag im Abstiegsendspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern (2:2) stoppen konnten. Trainer Klaus Augenthaler klagte: "Ich konnte nie mit derselben Formation aus der Vorwoche spielen."

Hamburger SV 2006/2007

FC Porto, FC Arsenal, ZSKA Moskau - der HSV war unter der Regie von Thomas Doll in die Königsklasse des europäischen Fußballs zurückgekehrt. Das war die Situation zu Saisonbeginn. Im Winter drohte der Totalschaden. Am 19. Spieltag war der HSV Letzter - mit einem einzigen Sieg. Doll musste gehen, Huub Stevens übernahm, und es wurde besser. Die ersten Fehler waren weit davor gemacht worden, als der HSV Daniel van Buyten, Stefan Beinlich, Sergej Barbarez und Khalid Boulahrouz ziehen ließ und bei seinen Neuverpflichtungen Juan Pablo Sorin, Danijel Ljuboja und Boubacar Sanogo danebenlag. Wintereinkauf Frank Rost fasste die Probleme beim Miteinander zusammen: "Wenn jeder nur sein Ding macht, reicht es eben nicht." Und David Jarolim blickte zurück: "Wir hatten mehr WM-Teilnehmer als andere. Uns fehlten Frische und Lockerheit. Und dann ging es los: Verletzungen, Sperren, wir fanden nie unseren Rhythmus."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+