Werder-Fans vor dem Hoffenheim-Spiel Die neue Leichtigkeit

Ein Jahr nach dem Abstiegsfinale gegen Frankfurt herrscht unter den Werder-Fans eine völlig andere, fast vergessene Atmosphäre - auch wenn es für Werder im letzten Heimspiel der Saison immer noch um viel geht.
12.05.2017, 16:42
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Die neue Leichtigkeit
Von Kea Müttel

Ein Jahr nach dem Abstiegsfinale gegen Frankfurt herrscht unter den Werder-Fans eine völlig andere, fast vergessene Atmosphäre - auch wenn es für Werder im letzten Heimspiel der Saison immer noch um viel geht.

„Positiv angespannt“ sei sie vor dem letzten Heimspiel der Saison, sagt Johanna Göddecke. Die 24-jährige ist im Vorstand des Werder-Twitter-Fanklubs „Twerder“ und wird am Sonnabend wie ungefähr 40 000 andere Werder-Fans im Weserstadion ihre Mannschaft anfeuern. Angespannt ist sie, weil „es immer noch die Möglichkeit gibt, nach Europa zu kommen, und das ist halt nach diesem Saisonverlauf so was von kurios, dass wir da überhaupt stehen, wo wir stehen“. Und positiv, weil es keinen Druck gebe.

Wie anders war das vor ziemlich genau einem Jahr, am 14. Mai 2016: In der 88. Minute drückte Papy Djilobodji den Ball über die Linie – das Weserstadion explodierte. Die Bremer blieben durch das 1:0 gegen Eintracht Frankfurt erstklassig. Die Entscheidung am 34. Spieltag. Vorausgegangen waren Wochen der Unsicherheit. Wochen, in denen die Werder-Fans für ihr Team so wichtig waren wie vielleicht noch nie. Unter dem Hashtag #greenwhitewonderwall hatten sich die Fans im Internet zusammengeschlossen und waren zu einer regelrechten Bewegung zusammengewachsen.

Vor der Partie sammelten sich Tausende Fans am Osterdeich, boten dem Werder-Bus ein beeindruckendes Spalier und schrien ihr Team anschließend im Stadion zum Sieg. Ursprung des Hashtags: Johannas Fanklub. „Der Morgen vor dem Spiel war bei mir am schlimmsten, weil ich da so ein bisschen Ruhe hatte“, erinnert sie sich. Aber die Vorbereitungen – mit Banner malen und Leute treffen – hätten sie vor dem Spiel glücklicherweise wieder abgelenkt.

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In diesem Jahr ist alles entspannter. Kein Gedanke an eine drohende Relegation, stattdessen nach einer tollen Serie von zwischenzeitlich elf Spielen ohne Niederlage die unverhoffte Aussicht auf einen Europa-League-Startplatz. Erik, der nur mit seinem Vornamen genannt werden will und seit 2003 in Werders Fan- und Ultraszene aktiv ist, sagt: „Ich bin erleichtert, dass wir da unten raus sind, und freudig angespannt, dass es noch um was geht.“ Fernando Guerrero, einer der Besitzer der Kultkneipe „Eisen“ findet, es sei „eine emotionale Leichtigkeit“ da, „die man von Werder eigentlich so seit 2004 nicht mehr erlebt hat. Man freut sich einfach nur.“ Zufriedenheit unter den Werder-Fans.

Offen für Europa

Berührungsängste mit dem Thema Europa League haben die meisten Fans keine. „International ist immer ein Traum“, sagt Erik, „und wenn sogar Frank Baumann die Angst vor der Belastung weg redet, dann habe ich da keine Bedenken. Das Team muss sich aber noch mal fokussieren, dann schreien wir sie auch zum Heimsieg. Schon der Gedanke an die aufregenden Touren ist elektrisierend.“ Und mit Blick auf die Entwicklungen der vergangenen Wochen fügt er hinzu: „Selbst wenn wir nicht in die Europa League kommen, habe ich Spaß, Vertrauen und Hoffnung gewonnen.“ Auch Kneipier Nando findet, dass Europa „so was von Zugabe“ sei. Für Johanna wäre das internationale Geschäft ebenso „Zubrot“.

Obwohl im Netz einige Versuche gestartet wurden, Hashtags einzuführen und neue Fanbewegungen zu starten, fehlt die Durchschlagskraft vom vergangenen Jahr. „Ich glaube auch nicht, dass sich so eine Aktion noch einmal in dieser Dimension wiederholen lässt“, sagt Johanna. Außerdem wolle sie der Mannschaft keinen Druck machen – und das Motto „Wir wollen jetzt nach Europa, das muss klappen“ ist ihrer Meinung nach Druck. Wohl auch deshalb ist von ihrem Fanklub vor dem Stadion diesmal nichts Besonderes geplant. Im Stadion wird es von „Twerder“ eine kleine Aktion geben, aber „nichts Großartiges in der Dimension des vergangenen Jahres“.

Belebte Atmosphäre rund ums Stadion

Nicht nur Johanna und ihre Freunde haben sich für das letzte Heimspiel etwas überlegt. Till Schüssler, Fanbeauftragter bei Werder, sagt: „Es gibt ein paar Fanaktionen hier und da, so dass wir mit einer belebten Atmosphäre im und um das Stadion rechnen.“ Die Stimmung ist seiner Meinung nach euphorisch. Werders Sportchef Frank Baumann hatte Ende vergangener Woche dem WESER-KURIER gesagt: „Ich bin guten Mutes, dass wir wieder eine außergewöhnliche Atmosphäre erleben werden.“ Dafür sorgt sicherlich auch der Abschied des langjährigen Kapitäns Clemens Fritz. Auch für Santiago Garcia und Florian Grillitsch wird es das letzte Heimspiel im Werder-Trikot sein.

Und egal wie das Spiel ausgehen wird – zufrieden sind viele Fans jetzt schon. „Ich empfinde einfach eine ganz große Dankbarkeit! Ich bin so entspannt, wie ich es bestimmt seit sechs, sieben Jahren in Bezug auf Werder nicht mehr war“, sagt Fernando. Und Johanna sagt: „Ich finde gerade nichts, was mir nicht gefällt.“ Nach dem Spiel gehen die Mitglieder ihres „Twerder“-Fanklubs in ihre Stammkneipe im Viertel – ins „Eisen“ zu Kneipier Fernando. Der sagt: „Ich möchte im Moment verharren und die unfassbare Rückrunde genießen.“ Bei einem Werder-Sieg, da ist er sich sicher, werden alle in seiner Kneipe „sehr, sehr glücklich“ sein. Eine Niederlage werde zuerst ein kleiner Stimmungsdämpfer sein, aber auch dann werden die Gäste seiner Meinung nach zu dem Schluss kommen: „Eigentlich war es doch ’ne coole Saison!“

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