Mehr als bloßes Zocken Anerkennung von E-Sport als Sport ist umstritten

Nicht nur bei Vereinen, sondern auch beim Deutschen Olympischen Sportbund ist die Anerkennung von E-Sport als Sport umstritten. Allerdings ist der Zulauf groß. Was sagt Marco Bode von Werder Bremen dazu?
22.02.2019, 20:02
Lesedauer: 4 Min
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Anerkennung von E-Sport als Sport ist umstritten
Von Ina Bullwinkel

Was macht eine Sportart aus? Das zu definieren, fällt nicht immer leicht. Auch in der aktuellen Debatte um E-Sport streiten die Verantwortlichen darüber, wann hinter einem Spiel mehr steckt als bloßes Zocken und es zum Sportbereich gezählt wird.

Für die Sportler und Vereine geht es dabei nicht nur um eine reine Definitionssache. Sie kämpfen dafür, dass E-Sport als Sport anerkannt und gefördert wird. Da es beim E-Sport allerdings nicht darum geht, sich körperlich anzustrengen, sondern Videospiele per Konsole möglichst fehlerfrei und geschickt zu bestreiten, sehen manche Kritiker darin weniger eine Sportart als bloßes Spielen.

In ihrem Koalitionsvertrag haben SPD und Union im vergangenen Jahr festgehalten, E-Sport „künftig vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anerkennen“ zu wollen. Und auch im Sportausschuss des Bundestags wurde am Mittwoch die Anerkennung von E-Sport diskutiert. Zuletzt äußerten sich die Regierungsparteien allerdings weniger offen und verwiesen auf die Verantwortung der Sportverbände.

Die Frage, was die Sportler leisten

Um darüber zu diskutieren, wie die Zukunft des E-Sports in Deutschland aussehen soll, hat Senatorin Anja Stahmann (Grüne), zurzeit Vorsitzende der Sportministerkonferenz, am Freitagnachmittag zu einem Podium nach Berlin in die Bremer Landesvertretung geladen. Aus gesundheitlichen Gründen ist Stahmann allerdings nicht angereist. An ihrer Stelle begrüßte der Bremer Sportamtsleiter Christian Zeyfang die Gäste.

„Es gibt Teile der E-Sport-Welt, die wir uns unter dem Dach unseres Fachverbands vorstellen können“, sagt Christian Sachs, Leiter des Berliner DOSB-Büros, zu Beginn der Veranstaltung. Darunter fielen etwa das Fußballsimulationsspiel FIFA, aber auch Sportarten wie Golf oder Klettern, die mit Hilfe virtueller Realität gespielt würden. „Es gibt aber auch Bereiche, die wir problematisch finden und für uns nicht zum Sport gehören“, sagt Sachs. Damit spricht er strategische Online-Spiele wie League of Legends an, die nach Meinung des Verbands keinen sportlichen Charakter haben. Hans Jagnow, der Vorsitzende des E-Sport-Bunds Deutschland widerspricht.

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„Die Frage ist für uns nicht, was auf dem Bildschirm gezeigt wird, sondern was die Sportler leisten“, sagt Jagnow. Aus seiner Sicht zählen auch die Spiele zum E-Sport, die keine Sportart simulieren. Der Verband bewerte E-Sport unabhängig vom Inhalt – vorausgesetzt die Spiele seien altersgerecht und stünden nicht auf dem Index.

Doch auch die Vereinsleitung von Werder Bremen, derzeit Tabellenführer der E-Sport-Bundesliga im Bereich FIFA, habe sich bewusst gegen bestimmte Videospiele entschieden, sagt Aufsichtsratsvorsitzender Marco Bode. Bode und seine Kollegen hätten sich darauf geeinigt, ausschließlich FIFA anzubieten, denn das habe eine „gewisse Nähe zu Werder Bremen“. Insgesamt wünscht sich Bode einen „kritischen, aber unverkrampften Umgang“ mit dem Phänomen E-Sport. „Wir müssen das Ganze sportlich vernünftig begleiten und uns die Entwicklung anschauen“, sagt Bode. Eine komplette Abwehrhaltung gegen bestimmte Spiele sei dagegen nicht angebracht.

Etwas Neues wagen

Im Gegensatz zur Bundesliga ist E-Sport im Bremer Amateurbereich noch weniger stark aufgestellt. Bei Tobias Ketz im Habenhauser Fußballverein gibt es seit vergangenem Sommer eine E-Sport-Gruppe. Wie Sie die Idee dazu an die Vereinsleitung herangetragen hätten, fragt Mathias Sonnenberg, Leiter der Sportredaktion des WESER-KURIER und Moderator des Podiums.

„Wir sind offene Türen eingelaufen“, sagt Ketz, der den E-Sport-Bereich des Vereins leitet. Auch wenn die Vereinsleitung sich nicht habe vorstellen können, wie man Fußball virtuell spielt, habe sie die Idee gut gefunden, etwas Neues zu wagen. Ketz sieht E-Sport als wichtiges Angebot für die Kinder und Jugendlichen in einem Stadtteil. Ob das FIFA-Spielen als Sport eingestuft werde, sei für den Verein nicht entscheidend. „Wichtig ist, dass die Gemeinnützigkeit des Vereins nicht infrage gestellt wird“, sagt Ketz. Das sei momentan noch nicht geklärt.

„Was in Habenhausen läuft, ist genau das, was wir uns vorstellen können“, sagt Sachs. Sein Verband habe kein Problem damit, wenn sich E-Gamer im Verein organisierten. „Aber die These, E-Sport sei inhaltlich nicht zu unterscheiden, halten wir für problematisch.“ Deswegen könnten aus jetziger Sicht nicht alle Vereine vorbehaltlos anerkannt werden.

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„Die Aufnahmeordnung des DOSB ist ein Schutzwall gegen alles, was von außen kommt“, entgegnet Jagnow. Sachs' Maßstäbe erscheinen ihm zu streng. Und auch Timon Dzienus, Sprecher der Grünen Jugend Niedersachsen, bemängelt die Einstellung gegenüber E-Sport in Deutschland: „Das ist eine gesellschaftliche Realität, die nicht anerkannt wird“, sagt er. In skandinavischen Ländern sei der Umgang mit E-Sport viel weiter fortgeschritten. Dort werde nicht nur an der Konsole gespielt, es gebe zusätzlich ein Ernährungsprogramm, Reaktionstraining und ein Angebot für Leichtathletik. Eine bessere Förderung in Deutschland hält er für notwendig, denn: „Überall, wo es angeboten wird, findet es extrem große Beliebtheit.“

Die Diskussion darüber, unter welchen Bedingungen E-Sport als Sport anerkannt wird, scheint festgefahren. „Wie geht es jetzt weiter?“, fragt Mathias Sonnenberg zum Schluss der Podiumsdiskussion. Eine wirkliche Antwort hat das Podium darauf nicht. In einem Punkt sind sie sich einig: E-Sport ist ein wachsendes Phänomen. Egal, wie es definiert wird.

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