Was Zugang „Dr. Erhano“ auszeichnet

Werders neuer E-Sport-Frontmann

Nach dem Abgang von Weltmeister Mohammed „MoAuba“ Harkous hat Werder jetzt einen neuen E-Sport Frontmann. Erhano „Dr. Erhano“ Kayman übernimmt und der Verein setzt auf seine Expertise in der Nachwuchsarbeit.
18.08.2019, 14:08
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Werders neuer E-Sport-Frontmann
Von Olaf Dorow
Werders neuer E-Sport-Frontmann
imago images

Neulich hatte Erhan Kayman einen jungen Spieler auf einem größeren Turnier zu betreuen. Der Nachwuchsmann war erst 16. Er sei sehr schüchtern gewesen, so schildert es Kayman. Und das ist dann auch für einen E-Sportler so eine Sache: ganz schüchtern sein, wenn man aber zwangsläufig rausgehen muss in die Öffentlichkeit. Wenn das irgendwann dazugehört zur E-Karriere. Viele reale Zuschauer und sehr viele virtuelle Zuschauer. Im Netz können sich die Publikumszahlen bei Großereignissen auf etliche Millionen summieren. Das muss ein schüchterner 16-Jähriger dann ja irgendwie verarbeiten, dass da mal mehr hinschauen könnten als bei der Sportschau. Falls ihm die überhaupt was sagt.

Erhan Kayman, der durch die Szene der E-Kicker als „Dr. Erhano“ wandelt, ist bereits 29 Jahre alt und seit acht Jahren ambitionierter E-Sportler. Er sagt von sich selbst, dass er sehr erfahren sei. Zwei Jahre lang hat er diese Erfahrungen zuletzt genutzt, um sie an junge Leute in Stuttgart weiterzugeben. Weil der VfB Stuttgart aber im Fußball aus der Bundesliga abgestiegen ist, haben die notgedrungenen Budgetkürzungen auch den E-Football getroffen. Kayman, dessen Vertrag beim deutschen E-Vizemeister VfB ohnehin ausgelaufen wäre, brauchte nicht mehr darüber zu grübeln, ob er den Vertrag verlängert. Das war‘s in Stuttgart.

Seit Freitag nun ist Kaymans neuer Arbeitgeber bekannt. Dr. Erhano wechselt vom Vizemeister zum Meister, zu Werder Bremen. Dass er auch zum Weltmeister wechselt, kann man nur noch ein bisschen sagen. Zwar wurde der Werder-Spieler Mohammed Harkous unlängst in London Fifa-19-Weltmeister, seit Freitag weiß man jedoch, dass er Werder verlassen wird. Harkous, Spielername „MoAuba“, macht jetzt erstmal Urlaub, dann geht er zu einem wahrscheinlich großen Klub. Seit dem WM-Sieg ist sein Marktwert durchaus ordentlich gestiegen, das will er nicht dementieren.

Wahrscheinlich geht er weg aus Deutschland. „Das ist die Tendenz“, sagt MoAuba, der Anfang oder Mitte September bekanntgeben will, wie sein neuer Klub heißt. Dass er dort hingeht, muss man sich dabei nicht so vorstellen, dass er er auch räumlich gesehen wechselt. Er bleibt in Bochum wohnen. In der virtuellen Welt geht so etwas ja. In Bochum, da gebe es unter anderem seine zwei kleineren Schwestern, da ziehe er nicht um.

An der Spitze bleiben

Dr. Erhano, Deutschlands Nummer zwei und seit Längerem gut befreundet mit Nummer eins, MoAuba, will dagegen umziehen von Stuttgart nach Bremen. Das hängt mit den Plänen zusammen, die Werder mit Blick auf den boomenden E-Sport-Sektor schmiedet. Den deutschen Mannschafts-Meistertitel verteidigen, den MoAuba und Michael „Megabit“ Bittner in der abgelaufenen Saison geholt ­hatten (plus den Einzeltitel durch Bittner), ist da nur ein Aspekt. „Wichtig war uns natürlich“, sagt Werders E-Sport-Mann Dominik ­Kupilas, „weiter ganz oben zu stehen". Das Team Dr. Erhano/Megabit steht da quasi für Qualität an der Konsole.

Wichtig ist Werder ebenso, so erläutert es Kupilas, die Aufbauarbeit. So wie im realen Fußball sozusagen eine große grün-weiße Expertise existiere, durch Ex-Profis, die den Nachwuchs fordern und fördern und eine Werder-Bindung herstellen sollen, so soll es längerfristig gesehen auch im E-Bereich laufen. Wenn man so will, ist der Wechsel von Harkous zu Kayman eine Art Paradigmenwechsel. Harkous ist Spieler, Kayman ist Spieler und Ausbilder. Im Fußballbetrieb sind Heranwachsende zweierlei: potenzielle Fußballer und potenzielle Kunden. Wenn sie verstärkt zum Controller greifen, will der Fußballbetrieb das für sich nutzbar machen.

Pionier im Streaming

Es wäre zu hoch gegriffen, Werder da als einen Pionier der Szene zu beschreiben. Unter der Annahme, dass der E-Sport-Bereich in Deutschlands Profiklubs vergleichsweise noch eher in den Kinderschuhen steckt, ist Werder in diesen Gründerjahren gut dabei. Werders Neuer an der Konsole, „Dr. Erhano“, hat seinen Namen in der Szene, er darf in gewisser Hinsicht als Mann der ersten Stunde gelten. „Er war der Einzige, der schon vor Jahren gestreamt hat“, sagt Michael „Megabit“ Bittner. Man konnte also schon damals live lernen vom Doktor. Bittner gibt zu, dass er „extrem nervös“ war, als er das erste Mal auf einem Turnier gegen Kayman anzutreten hatte.

Kayman soll nun in der neuesten Abteilung des größten Bremer Sportklubs gleichzeitig für Erfolge sorgen und identifikationsstiftende Nachwuchsarbeit betreiben, um das mal so zu nennen. Die Sache mit der Identifikation hat jedenfalls, glaubt man dem Weltmeister, schon bei MoAuba prima geklappt. Er erzählt davon (um korrekt zu sein: eine Stunde vor dem Anpfiff des 1:3 gegen Düsseldorf), dass Florian Kohfeldt der beste Trainer der Bundesliga ist.

Dass er das Jahr in Bremen extrem genossen habe. Weil es im realen wie virtuellen Spielbetrieb doch so gut gelaufen sei. Wenn ihm vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass er Werder im Sommer 2019 verlassen werde, dann hätte er das mit einem „Ja, okay“ ab­genickt. Jetzt tue es ihm schon weh, zu gehen. Wirklich, sagt MoAuba. Weil es doch bei ihm jetzt praktisch so sei: „Man macht mit einer Freundin Schluss, wenn man sie liebt.“ Wenn es so etwas geben würde, könnte es ein Satz aus dem Lehrbuch für die Werder-Identifi­kation sein.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+