Rechtsgutachten hält E-Sport nicht für Sport Zwei Welten, zwei Meinungen

Ein vom Deutschen Olympischen Sportbund in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten lehnt die Anerkennung von E-Sport als Sport ab. Aber wann ist Sport ein Sport?
29.08.2019, 19:45
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Zwei Welten, zwei Meinungen
Von Marc Hagedorn

Michael Bittner ist ein junger Mann. In seiner Freizeit spielt er so viel Tennis, Basketball und Fußball wie möglich. Er braucht das als Ausgleich zu seiner täglichen Arbeit. Bittner, 21, ist von Beruf Gamer. Er hat vor einem Jahr einen gut dotierten Vertrag bei Werder Bremen unterschrieben. Für Werder tritt er in der Bundesliga an, bei Weltmeisterschaften und bei Turnieren in aller Welt. Er trainiert täglich mehrere Stunden. Klingt ganz nach einem Profisportler.

Aber ist er das? Ein Sportler? Dem WESER-KURIER sagte Bittner kürzlich in einem Interview: „Wenn es um den körperlichen Vergleich geht, sage ich: E-Sport ersetzt keinen Sport.“ Ein entspanntes Vergnügen ist das Zocken an der Konsole deshalb aber noch lange nicht. Bittner spielt bei Turnieren bis zu zehn Stunden am Tag, an mehreren Tagen hintereinander und immer unter höchster Anspannung. „Da merkst du, was das für eine Energie kostet“, sagt Bittner, der in der Gaming-Szene unter dem Namen „Mega-Bit“ bekannt ist.

Körperliche Anforderungen sind zu niedrig

Also was denn jetzt: Ist E-Sport ein Sport oder nicht? Die Frage ist fast so alt wie das Spielen an der Konsole selbst. Der E-Sport-Bund Deutschland sagt: Ja, E-Sport ist Sport. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sieht das anders und fühlt sich jetzt durch ein Gutachten bestätigt, das er selbst in Auftrag gegeben hat. Der Düsseldorfer Jurist Peter Fischer kommt in einer 120-seitigen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass E-Sport kein Sport ist. Das zentrale Argument lautet vereinfacht gesagt: Die körperlichen Anforderungen sind nicht hoch genug. Jegliches Spielen an der Konsole, so heißt es in dem Dokument, sei „kein Sport im Sinne des geltenden Rechts“.

Lange Zeit konnte es dem organisierten Sport egal sein, ob und was die Jugendlichen am Computer spielten. Sport wurde im Verein betrieben, Computer spielen war Privatsache, gedaddelt wurde zu Hause. Doch diese Einschätzung haben die Verbände und Vereine inzwischen überdacht. „E-Sport ist Teil der Jugendkultur“, sagt Jens Dortmann, „das kann man gut oder schlecht finden. Aber man kann es nicht ignorieren.“

Lesen Sie auch

Dortmann ist Geschäftsführer des Bremer Fußballverbandes (BFV) und weiß, wovon er redet. Fußball in den Vereinen boomt, aber meist nur bis zur C-Jugend. Wenn die Nachwuchsfußballer älter als zwölf, dreizehn werden, entscheiden sie sich oft für die Konsole und gegen das Kicken auf dem Sportplatz. Der BFV und die Sportjugend des Landessportbundes versuchen deshalb inzwischen, Nachwuchs zu gewinnen, indem sie E-Sport in die Vereinsheime holen. „Wir wollen damit ein attraktives Freizeit­angebot schaffen“, sagt Jens Dortmann, „dieses Anliegen ist für uns auch zentraler als die Frage danach, ob E-Sport ein Sport ist.“

Trotzdem verfolgen die Bremer Fußballfunktionäre die Diskussion zwischen dem DOSB auf der einen und den E-Sportlern auf der anderen Seite sehr genau. Denn es geht um Geld. Nimmt der DOSB den E-Sport als Sportart unter seinem Dach auf, dann haben Gamer demnächst die gleichen Rechte und Vorteile wie Schwimmer, Fußballer, Handballer oder Boxer. Dazu gehören steuerrechtliche Erleichterungen und Zugänge zu Fördertöpfen für den Sport etwa bei der Ausbildung und Finanzierung von Trainern. Da diese Mittel begrenzt sind, würde das zu Einbußen für die etablierten Sportarten führen. Es droht also ein Verteilungskampf. Daran hat offenbar auch der DOSB kein Interesse. Das in dieser Woche vorgestellte Gutachten stützt die Position des DOSB, weil es dem Verlangen des E-Sports, als gemeinnützig anerkannt zu werden, eine Absage erteilt.

E-Gaming hätte nie eine Chance eine Sportart zu werden

Seit dem vergangenen Herbst unterscheidet der DOSB zwischen Sportsimulationen wie dem Fußballspiel Fifa und sogenannten sportfernen Spielen wie Counter Strike oder League of Legends. Fifa, das sich eng am eigentlichen Sport orientiert, ist E-Sport. Counter Strike, das Gegner ein „Killerspiel“ nennen, ist E-Gaming. Bei Fifa ist vieles wie im echten Fußball: Auf dem Bildschirm spielen elf gegen elf, mittels eines Controllers kann gegrätscht, geköpft, gedribbelt, gepasst und geschossen werden. Wenn überhaupt, hätte E-Sport eine Chance, vom DOSB anerkannt zu werden, E-Gaming auf gar keinen Fall.

Die Unterscheidung zwischen E-Sport und E-Gaming kann Hans Jagnow nicht nachvollziehen. Jagnow ist Präsident aller deutschen E-Sportler, und sagt: „Das ist eine künstliche Trennung.“ So wie er das Gutachten liest, wird der DOSB sie künftig auch nicht aufrechterhalten können. „Die Frage ist für uns nicht, was auf dem Bildschirm gezeigt wird, sondern was die Sportler leisten“, sagt Jagnow.

Lesen Sie auch

Jagnow, von Haus aus Schwimmer und Kampfsportler, aber auch leidenschaftlicher Gamer, nimmt dabei nicht die Leichtathletik oder den Fußball als Bezugsgröße, um zu entscheiden, ob E-Sport ein Sport ist. Er orientiert sich an Sportarten wie Sport- und Bogenschießen, die sogar olympisch sind, oder Tischfußball, dessen Fachverband als gemeinnützig anerkannt ist. „Bei diesen Sportarten geht es um motorische Präzision, und das ist im E-Sport genauso“, sagt Jagnow, „deshalb wünschen wir uns eine Gleichbehandlung.“

Zumal E-Sport aus seiner Sicht auch andere Kriterien erfüllt, die dem DOSB wichtig sind. Stichwort Chancengleichheit und Fair Play. Gamer verstehen sich als eine globale Community, sie betreiben den ersten grenzenlosen Sport, der Menschen auf der ganzen Welt verbindet. „Niemand wird wegen seines sozialen Status’, seines Geschlechts oder Aussehens diskriminiert, da diese Merkmale beim Spielen gegeneinander nicht ersichtlich sind“, schreibt der Sportwissenschaftler Ingo Froböse in einem Blog.

Lesen Sie auch

Für Jagnow ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Zahl der Vereine explodiert, die E-Sport anbieten. 220 sind es aktuell, eine Verdoppelung im Vergleich zu 2018. „Viele Vereine zögern im Moment noch, E-Sport in ihr Angebot aufzunehmen, weil sie befürchten, dass sie dann die Gemeinnützigkeit aberkannt bekommen“, sagt Jagnow, der deshalb die Politik in der Pflicht sieht, in dieser Frage Rechtssicherheit zu schaffen. Dass DOSB und E-Sportler sich untereinander einigen, ist unwahrscheinlicher denn je, erst recht nach dem Gutachten in dieser Woche.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+