Werders Vorstoß spaltet die Liga Eichin will gerechtere Verteilung der TV-Gelder

Sympathiewerte statt sportlichem Erfolg: Thomas Eichin fordert bei der Verteilung der TV-Gelder andere Faktoren einfließen zu lassen. Das kommt nicht überall gut an.
10.04.2015, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Marc Hagedorn und Andreas Lesch

Thomas Eichin kennt die Fernsehzahlen, und die Quoten vom Bundesliga-Spiel SC Paderborn gegen Bayer Leverkusen bestärken den Geschäftsführer von Werder Bremen in seiner Meinung. 430 000 Zuschauer haben kürzlich an einem Sonntag die Partie beim Bezahlsender Sky um 17.30 Uhr eingeschaltet. Das war für das spätere der beiden Sonntagsspiele der niedrigste Wert seit 2011.

Eine Überraschung ist das nicht: Leverkusen und Paderborn gehören traditionell zu den Klubs mit überschaubaren Zuschauerzahlen bei Sky. Gemessen an der sportlichen Qualität müssten Leverkusener Spiele deutlich höher in der Gunst des Fernsehpublikums stehen – tun sie aber nicht. Obwohl sie zum Teil deutlich schwächere Leistungen abliefern, erzielen Eintracht Frankfurt, der HSV, Borussia Dortmund und auch Werder bessere oder wenigstens ähnliche Werte wie Champions-League-Aspirant Leverkusen.

Thomas Eichin möchte diese Tatsache honoriert sehen bei der Verteilung des Fernsehgeldes, die im Moment allein nach dem sportlichen Abschneiden, sprich dem Tabellenplatz in der Bundesliga-Abschlusstabelle, berechnet wird. Werders Geschäftsführer regt an, weitere Faktoren wie Sympathiewerte, Mitgliederzahlen oder die Anzahl mitreisender Fans zu Auswärtsspielen einfließen zu lassen. Werder stünde dadurch besser da als im aktuellen System, das die Verteilung des Fernsehgeldes am sportlichem Erfolg bemisst.

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Eichin mahnt, man dürfe zwischen den reichen und weniger reichen Klubs in der Liga „die Schere nicht zu groß werden lassen“. Er will, dass die Bundesliga gerechter wird. Ob es ungerecht ist oder nicht, sei dahingestellt; zumindest bemerkenswert ist in der Tat, wie wenig manchmal die Platzierung in der Tabelle und die Beliebtheit bei den Fans miteinander korrespondieren. Obwohl die mit Stars besetzte Mannschaft des VfL Wolfsburg vor dem Einzug in die Champions League steht oder 1899 Hoffenheim mit einer jungen, attraktiven Mannschaft um die Teilnahme an der Europa League kämpft, ziehen die meisten Fernsehzuschauer die Spiele anderer Klubs vor.

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Was dem TV-Sender Sky egal sein kann – er unterscheidet nicht nach Vereinsliebe, sondern nach Kunde und Nicht-Kunde –, ist für die Traditionsklubs mehr und mehr ein Ärgernis. Nach einer Umfrage des WESER-KURIER in der Liga sind es maßgeblich Werder, der Hamburger SV und Eintracht Frankfurt, die sich neue Verteilkriterien wünschen.

Und die anderen? Nase putzen!

Der HSV engagiert sich, „weil wir das Gefühl haben, dass wir in Bezug auf unsere mediale Aufmerksamkeit nicht entsprechend honoriert werden“, wie Marketing-Vorstand Joachim Hilke dem „Hamburger Abendblatt“ sagte. Hilke sieht den HSV als einen Hauptquotenbringer im Bezahl-Fernsehen. Er argumentiert, dass Traditionsklubs unvergleichbares Gefühls-Kino liefern würden. Es sei unstrittig, dass sie „den emotionalen Wert der Bundesliga ausmachen. Und nur durch Emotionen wird das Produkt Fußball verkauft“, sagte Hilke.

Eintracht Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen kritisierte, das Ranking in der Liga sei seit Jahren zementiert: oben die Champions-League-Vertreter und die Werksvereine, „die anderen Traditionsvereine können sich die Nase putzen und zwischen Platz acht und 18 spielen“. Bruchhagen hat schon vor mehr als einem halben Jahr den schriftlichen Antrag in den Ligavorstand hineingebracht, die nationalen TV-Erlöse künftig nicht nur nach der Platzierung in der Tabelle, zu verteilen. Sein Finanzvorstand Axel Hellmann sagte: „Das System in der momentanen Form muss modifiziert und die Verteilung der TV-Gelder verändert werden.“

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Die Deutsche Fußball-Liga (DFL), der Dachverband der Bundesligaklubs, steht einer Debatte offen gegenüber. „Im Grundsatz sind derlei Wünsche nachvollziehbar“, sagte Christian Seifert, der Vorsitzende der DFL-Geschäftsführung, bei der Vorstellung des Liga-Reports im Januar in Frankfurt. Er wies darauf hin, dass in anderen europäischen Ligen – im Gegensatz zur Bundesliga – nicht nur die sportliche Leistung das Kriterium für die Verteilung des Fernsehgeldes sei. So spiele in Italien die Größe der Stadt eine Rolle, in England die Fernsehpräsenz. „Vielleicht könnte ein Teil des TV-Geldes danach verteilt werden; ich halte es für legitim, sich darüber zu unterhalten“, sagte Seifert.

Einige Klubs wie Schalke oder Gladbach signalisieren zumindest die Bereitschaft für eine Diskussion. Für andere kommt das nicht infrage. „Bayer 04 ist mit dem derzeitigen Verteilungsmodell zufrieden“, heißt es aus Leverkusen. Der FC Augsburg teilt mit, dass für Geschäftsführer Stefan Reuter das „sportliche Abschneiden die Grundlage für die Verteilung sein sollte“. Das wundert nicht, denn sollten Eichins Vorschläge greifen, würden diesen Klubs TV-Einnahmen verloren gehen. Auch Klaus Allofs vom VfL Wolfsburg ist deswegen kein Freund von neuen Kriterien. „Es würde für Ungerechtigkeiten sorgen, wenn auch weichere Faktoren eine Rolle spielen würden. Deren Bewertung ist problematisch“, sagt der ehemalige Werder-Manager, „die Tabelle dagegen lügt nicht, sportlicher Erfolg ist immer messbar.“ Der aktuelle Schlüssel, glaubt Allofs, stehe „für ein hohes Maß an Solidarität“ und fördere den Wettbewerb.

Auf Skepsis stößt die Idee aus Bremen bei Christian Heidel, dem Manager des FSV Mainz 05. „Warum Klubs mit vielen Auswärtsfans, hohen Mitgliederzahlen oder gut ausgelasteten Stadien höher profitieren sollen, kann ich nicht so ganz nachvollziehen“, sagt er und fügt an: „Die angeführten Kriterien würden die Verteilung eh nur marginal verändern. Das Hauptproblem für die immer weiter auseinandergehende Schere sind nicht die nationalen TV-Gelder, sondern die internationalen Einnahmen, insbesondere aus der Champions League.“

Aus der vergangenen Saison hat der Branchenführer FC Bayern rund 36 Millionen Euro Fernsehgeld aus der Inlandsvermarktung bekommen. Werder liegt mit ungefähr 26 Millionen Euro auf Platz 11 der Fernsehgeld-Tabelle. Letzter ist der Aufsteiger SC Paderborn mit knapp über 18 Millionen Euro (siehe auch Tabelle unten). Wenn künftig Vereine wie Werder ein wenig mehr bekämen, dann würde das Klubs wie den Bayern „gar nicht großartig wehtun“, argumentierte Eichin. „Für die Bayern sind ein, zwei Millionen Euro ein Tropfen auf den heißen Stein. Für uns sind das richtige Werte, mit denen wir in Spieler investieren können.“

Manch einem in der Liga aber sind Maßstäbe wie Sympathie und Tradition zu schwammig. Martin Kind, der Chef von Hannover 96, fragt: „Wer soll das bewerten?“ Bestrebungen, auch weichere Faktoren in Zahlen zu fassen, gibt es allerdings schon. Auf dem Internetportal Statista zum Beispiel findet sich eine Analyse der Sympathiewerte aus dem Jahr 2012, dort wird Borussia Dortmund vor Schalke 04, Bayern München und Werder Bremen als sympathischster Verein geführt. Ganz unten liegen Wolfsburg, Leverkusen, Mainz, Freiburg und Augsburg. Die TU Braunschweig wiederum lässt alljährlich die Bundesligisten als Marken bewerten. Ergebnis hier: Dortmund liegt vor Schalke, Bayern und Mönchengladbach. Werder ist Fünfter.

Handfester sind Fakten wie die Anzahl an Fans, die ihre Mannschaft zu Auswärtsspielen begleiten. Bei Werder mag man zwar keine konkreten Zahlen kommunizieren. Es ist aber kein Geheimnis, dass die 4000 Tickets für Gästefans bei Spielen gegen Bayern, den HSV, Schalke oder Dortmund jedes Mal schnell vergriffen sind. Kommen indes der SC Freiburg, 1899 Hoffenheim oder der FC Augsburg, gehen schon mal bis zu 3000 Eintrittskarten für den Gästeblock ungenutzt an Werder zurück.

„Fußballkrieg“ in Spanien

Wie schwierig es ist, eine gerechte Lösung zu finden, zeigt der Blick ins Ausland. In Spanien herrscht „Fußballkrieg“, wie die Zeitungen dort schreiben. Grund ist die Übermacht der Großklubs Real Madrid und FC Barcelona. Anders als in Deutschland handelt der Ligaverband in der Primera Division die TV-Abschlüsse nicht zentral aus. In Spanien verhandelt jeder Klub für sich. Mit der Folge, dass Real und Barça rund 140 Millionen Euro pro Saison erlösen. Das ist dreimal so viel wie die anderen Spitzenklubs Atletico Madrid, FC Valencia und FC Sevilla.

In Spanien ist man gerade dabei, die Vergabe neu zu regeln. Ähnlich wie in England soll die Hälfte des Geldes gleichmäßig an alle Klubs gehen, 25 Prozent nach der Platzierung der Vorsaison. Mit den restlichen 25 Prozent sollen Rücklagen gebildet werden. Die Absicht ist klar: Man hegt in Spanien die Hoffnung, dass künftig andere Klubs als immer nur Real und Barça sowie alle Jubeljahre einmal Atletico den Titel unter sich ausmachen.

In der Bundesliga wertet man die Zentralvermarktung als Segen. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, nennt sie „ein probates System, weil es ja bewirkt, dass alle, alle 18, auf gesunden Füßen stehen“. Er will die Zentralvermarktung nicht infrage stellen, aber er stellt auch klar: „Wir brauchen mehr Geld.“ Sonst könne sein Klub mit der europäischen Elite nicht mithalten – etwa mit den englischen Vereinen, die deutlich höhere Gehälter zahlten. „Wir müssen alle strampeln, dass wir den Wettbewerb auch aufrechterhalten“, sagt Rummenigge.

Auch Peter Rettig, der Vorsitzende der Geschäftsführung von 1899 Hoffenheim, findet: „Am aktuellen Verteilerschlüssel darf nicht herumgebastelt werden.“ Rettig warnt: „Wenn das Leistungsprinzip vom sportlichen Geschehen auf die Zuschauerränge quasi umgeleitet würde – diejenigen Vereine also mehr Geld aus dem Vermarktungstopf bekämen, die mehr oder die meisten Fans mobilisieren können –, dann wird aus Leistungssport mittel- und langfristig eine reine Show-Veranstaltung.“ Das sehen sie in Bremen, in Frankfurt und in Hamburg ein bisschen anders.

TV-Geld: So macht’s das Ausland: Es ist erst ein paar Wochen her, da drohte der Präsident von Espanyol Barcelona mit Streik. Anlass war der Milliarden-Deal, den die englische Premier League mit dem Bezahlsender Sky abgeschlossen hatte. „Jeder Verein aus der Premier League“, sagte Joan Collet, „kann unsere besten Spieler kaufen, indem er einfach das Gehalt verdoppelt.“ Collet will mehr Geld aus dem spanischen TV-Topf. Er kämpft für ein ähnliches Prinzip wie in der Premier League. Dort werden 50 Prozent an alle Klubs zu gleichen Teilen ausgeschüttet, 25 Prozent gibt es nach der Vorjahresplatzierung und 25 Prozent nach der TV-Präsenz.

Etwas komplizierter, aber ebenfalls an der Premier League orientiert, arbeitet man in Italien, wo die Topklubs ähnlich wie in Spanien lange Jahre ihre Verträge selbst ausgehandelt haben. Inzwischen gilt folgender Verteilerschlüssel: 40 Prozent gehen zu gleichen Teilen an alle Klubs, 30 Prozent werden nach dem Erfolg der Vorsaison ausgezahlt, 25 Prozent anhand der Zahl an organisierten Fans und fünf Prozent nach der Größe der Stadt, aus der ein Erstligist kommt.

Mitarbeit: Frank Hellmann, Christian Otto, Tobias Schächter, Hendrik Buchheister, Andreas Morbach, Maik Rosner, Daniel Theweleit

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