Werder-Mannschaft im Jahr 1965

Ein Meister aus dem Nichts

Vor genau einem halben Jahrhundert hat der SV Werder Bremen seine erste deutsche Meisterschaft perfekt gemacht. Wir blicken zurück in den Mai 1965.
15.05.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Beginnen wir mit dem Schlusspunkt. Er wurde gesetzt am 8. Mai 1965, ziemlich genau um 17.41 Uhr im Bremer Weserstadion. Werder hatte fünf Minuten vorher Borussia Dortmund 3:0 besiegt. Alle Bremer freuten sich, doch kein Zuschauer ging, auch die Spieler blieben nahezu regungslos auf dem Rasen stehen.

Dann schaltete Stadionsprecher Richard Oßenkop das Mikrofon ein, es knackte leise, und alle wurden mucksmäuschenstill. „1. FC Köln gegen 1. FC Nürnberg 0:0“, teilte Oßenkop nahezu emotionslos mit. Sekunden später brach im Weserstadion ein Vulkan der Begeisterung los. Zuschauer und Spieler lagen einander in den Armen, denn alle wussten: Werder war damit zum ersten Mal in seiner Geschichte Deutscher Fußballmeister geworden, einen Spieltag vor Saisonschluss vom härtesten Verfolger 1. FC Köln nicht mehr einzuholen. Das offizielle Finale, Werders 3:2 in Nürnberg, war nur noch nebenbei registrierte Formalität – auch wenn erst dort, exakt heute vor 50 Jahren, der Titel endgültig perfekt war.

Die vorzeitige Entscheidung verdankten die Bremer einer Regel, die vier Jahre später abgeschafft werden sollte: dem Torquotienten. Bei Punktgleichheit – und Köln lag nach dem vorletzten Spieltag nur zwei Zähler hinter Werder zurück – galt anders als heute nicht die Tordifferenz. Statt dessen wurden die erzielten Treffer durch die Gegentore geteilt. Um Werder (51:27 Tore / Quote 1,89) noch zu überholen, hätten die Kölner (64:43 / 1,49) ihre Abschlusspartie in Dortmund schon mit 20 Toren Differenz gewinnen müssen.

Das Szenario jenes denkwürdigen Tages im Jahr 1965, in dem die Bundesliga noch durchgängig um 16 Uhr angepfiffen wurde, ist für heutige Stadionbesucher ohnehin kaum noch nachvollziehbar. Denn ehe Oßenkop das Mikrofon einschaltete und das telefonisch eingeholte Ergebnis aus Köln verkündete, war das Weserstadion tatsächlich eine Arena der Ahnungslosen gewesen: Es gab noch keine Handys und keine Transistorradios. Von Zwischenständen auf einer elektronischen Anzeigetafel ganz zu schweigen. Der Außenseiter von der Weser, im ersten Bundesligajahr lange in Abstiegsgefahr und erst im Endspurt noch auf Platz zehn gelandet, hatte es geschafft.

Die Abwehr gewinnt den Titel

Am Saisonende lag Werder drei Punkte vor Köln, erst dann kamen Dortmund und München 1860. Und in der Abschlusstabelle stand das kaum glaubliche Torverhältnis von 54:29 nach 30 Spielen. Mit anderen Worten: Die Bremer hatten im Schnitt nicht mal ganz ein Gegentor pro Spiel kassiert und mit nur 54 Toren 41 Punkte erspielt – zu einer Zeit wohlgemerkt, in der ein Sieg nur mit zwei Punkten honoriert wurde. Damit unterstrich Werder eine alte Fußball-Weisheit nachdrücklich: Titel gewinnt man eher mit der Abwehr als mit dem Angriff. „Wenn wir auswärts ein Tor geschossen hatten, konnten wir schon mal nicht mehr verlieren“, erinnern sich Bremer Fußball-Legenden wie Max Lorenz oder Günter Bernard.

Wie hatten es die Bremer geschafft? Zwei Gründe vor allem waren es, die zu einem Erfolg führten, den keiner geahnt hatte – bis auf einen: Georg Gawliczek. Der Trainer des Hamburger SV hatte in einer Umfrage Werder zum erweiterten Favoritenkreis gezählt und dafür viel Spott geerntet. Doch Gawliczek hatte als einziger den Bremern mit den Verpflichtungen von Horst-Dieter Höttges, Heinz Steinmann und Klaus Matischak eine perfekte Einkaufspolitik bescheinigt. Sie war der erste Grund. Die zweite, vielleicht noch entscheidendere Ursache des Titelgewinns wurde jenseits des Atlantiks deutlich und blieb hierzulande erst einmal unbemerkt: Werders Trainer Willi „Fischken“ Multhaup verpasste seiner Mannschaft bei einem internationalen Turnier in den USA ein taktisches Korsett, das die Bundesliga-Gegner später vor Rätsel stellte.

Denn Multhaup schenkte dem deutschen Fußball jenseits des Atlantiks den Libero, den „freien Mann“. So hatten die Italiener schon einige Zeit vorher jenen Spieler genannt, der bei ihnen meist hinter der Abwehr ohne direkten Gegenspieler agierte, Lücken stopfte, aber gelegentlich auch Ankurbler des eigenen Angriffsspiels war. Kein „Ausputzer“, der nur aufräumte, sondern ein auch kreativ agierender Fußballer, technisch überdurchschnittlich.

Der Libero hieß bei Werder Helmut Jagielski, allgemein nur „Jackl“ genannt. Der war vier Jahre zuvor als Außenläufer und Halbstürmer (so hieß das damals) aus Schalke geholt worden, spielte jedoch eher suboptimal, trotz überragender Technik. Multhaup stellte ihn als freien Mann hinter eine Abwehr mit den drei Manndeckern Piontek, Steinmann und Höttges – und plötzlich funktionierte es. „Jackl“ wurde Dreh- und Angelpunkt des Werder-Spiels, mit perfekter Technik den Gegner oft provozierend, die Mitspieler allerdings auch zuweilen schockierend. „Kaiser Franz“ hatte die internationale Bühne noch nicht betreten, doch wenn Beckenbauer in der Bundesliga überhaupt einen Vorgänger hatte, dann Helmut Jagielski aus Bremen.

Die Bremer gewannen gegen international weitaus renommiertere Mannschaften (FC Bahia, Heart of Midlothian) das New Yorker Turnier und kehrten zurück als ein Team, das unbemerkt von der deutschen Konkurrenz einen ganz neuen Stil gefunden hatte. „Wir haben alle verteidigt, aber auch oft mit sieben Mann gestürmt“, weiß Horst-Dieter Höttges noch, Werders linker Verteidiger und erfolgreichster Nationalspieler (66 Länderspiele). Noch auffälliger spielte im Meisterjahr Verteidiger Josef („Sepp“) Piontek auf der anderen Seite. Er agierte oft eher als Rechtsaußen – mit unaufhaltsamen Sturmläufen und präzisen Flanken, die meist Klaus Matischak verwertete.

Womit wir zum zweiten Hauptgrund der ersten Werder-Meisterschaft kommen, den drei Neuverpflichtungen des Jahres 1964: Steinmann vom Absteiger 1. FC Saarbrücken, Höttges von Borussia Mönchengladbach und und Matischak vom VfB Bottrop. Die beiden Letztgenannten wurden sozusagen inkognito Werderaner, was mit den gültigen DFB-Bestimmungen jener Zeit zu erklären war. Denn damals waren neue Verträge nur ab einem bestimmten Stichtag wenige Wochen vor Saisonbeginn möglich. Dieser Tag fiel jedoch in die Zeit des Bremer Amerika-Aufenthaltes.

Wie können wir es verhindern, dass sie in dieser Zeit bei anderen Klubs unterschreiben?, fragte man sich bei Werder und ersann eine heute eher simpel anmutende List: Mit dunklen Sonnenbrillen und großen Hüten tauchten Höttges und Matischak beim Abflug am Bremer Flughafen auf, Pressefotografen gingen sie aus dem Wege. Sie flogen mit, ohne schon Werderaner zu sein. Und die Vernetzung der Medien war damals nicht so lückenlos wie heute – es merkte tatsächlich kaum einer. „An einem Swimmingpool in Hollywood haben wir dann unsere Verträge unterschrieben“, erzählte später Matischak. Sie gehörten zweifellos zu den wertvollsten Unterschriften, die je in Werders Personalakten landeten.

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