Krise bei Werder Bremen Eine Stadt leidet mit ihrem Verein

Bremen. Die Krise bei Werder Bremen bleibt nicht nur auf den derzeit erfolglosen Fußballverein beschränkt. Vielmehr hat man das Gefühl: Die ganze Stadt leidet mit den Grün-Weißen. Wir haben prominente Bremer um eine Einschätzung gebeten.
27.01.2011, 08:30
Lesedauer: 5 Min
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Eine Stadt leidet mit ihrem Verein
Von Olaf Dorow

Bremen. Und nun? Wird Werder absteigen? Müssen gar Trainer Thomas Schaaf und/oder Manager Klaus Allofs den Weg frei machen für einen Neuanfang? Man hat das Gefühl: Eine Stadt leidet, und weit über ihre Grenzen leidet man auch mit Werder Bremen. Wir haben mit bekannten Menschen gesprochen, die in besonderer Beziehung zu Werder stehen. Was sagt denn...

... der Aufsichtsrat

Willi Lemke will gar nichts sagen. Den halben Tag lang schon rufen Journalisten an. Dieses Telefonat ist das achte mit einem Reporter. Was Wunder, Lemke steht dem Aufsichtsrat vor. "Kein Statement vom Aufsichtsrat", sagt Lemke, bevor dann ja doch eines kommt. "Wir haben volles Vertrauen in die Arbeit von Klaus Allofs und Thomas Schaaf." Es ist allerdings auch kein Wunder, dass der Mann so redet. Jede kleinste und wenn auch nur theoretisch geäußerte Anmerkung zum Manager oder Trainer, jedes "Wenn, dann..." würde Zweifel aufkommen lassen. Warum von innen heraus eine Unruhe befeuern, die außen längst da ist? Als Fan, oder auch: Werder-Willi, leidet Willi Lemke. Kotzelend, jawohl, sei ihm inzwischen vor Spielen, und das Gefühl wurde am Sonnabend vor dem Fernseher nicht besser, als Werder in Köln... darf man sagen: spielte? Am Morgen danach traf sich Lemke wie seit 20 Jahren schon mit ein paar Freunden zum Joggen im Bürgerpark. Es wurde wie gesagt gejoggt, es wurde aber auch, ohne dass das der Laufgruppe bewusst war, das beliebte Gesellschaftsspiel "Tabu" gespielt. Bei diesem geht es darum, Begriffe erraten zu können, ohne dass bestimmte Kernwörter fallen in der Erklärung. Lemke verbot dem Freundeskreis für diesen Morgen die Wörter: "Fußball", "Köln", "Werder".

... der Ex-Chef

Es war eine lustige Runde, die sich da im Hause Born zum Fußballgucken zusammengefunden hatte. Gemeinsam mit acht Freunden schaute Werders Ex-Chef Jürgen L. Born das Spiel Köln gegen Werder, und es hat "wahnsinnig wehgetan", war kaum zu ertragen. Born: "Mit zunehmender Spieldauer stieg so auch der Konsum bestimmter Getränke..." Doch Jürgen L. Born bleibt Jürgen L. Born: "Ich bin von Haus aus ein unlimitierter Optimist." Weswegen er davon ausgeht, dass es wieder besser wird. Vom Ende einer großen Ära mag er nicht sprechen. Fast ein Jahrzehnt hat er mit Thomas Schaaf und Klaus Allofs erfolgreich zusammengearbeitet. Er sagt: "Der Verein darf jetzt auf keinen Fall die Nerven verlieren und voreilige Schritte einleiten. Thomas Schaaf und Klaus Allofs entlassen? Nein, sie schaffen das." Wenn's nach Born geht, sieht es schon am Sonnabend gegen die Bayern wieder besser aus. "Im Pokal haben wir dort unglücklich durch einen Sonntagsschuss verloren", sagt er, "vielleicht gewinnen diesmal wir durch einen Sonntagsschuss, auch wenn Sonnabend ist."

... der TV-Experte

Jörg Wontorra hat am vergangenen Sonnabend so gelitten wie nie. "Das war so uninspiriert, dass ich sagen muss: Das war der Tiefpunkt in den 28 Jahren, die ich jetzt Werder begleite." Wontorra, einst Sportchef von Radio Bremen, vor rund zehn Jahren auch mal Mitglied des Werder-Aufsichtsrates und momentan Gastgeber der Fußball-Talksendung "Doppelpass" bei Sport1, sah das Desaster in der Redaktion in München. Eigentlich hätte die Redaktion beschließen müssen, Werder in der Sendung zu thematisieren, aber das hatte man ja schon eine Woche zuvor gemacht. Und in vielen Wochen davor auch. Wontorra sorgt sich um Werder. Seine sportliche Analyse der Lage speist sich aus dieser Sorge - und zerstreut diese auch nicht eben, sollte der Zuhörer auch welche haben. Die Abwehr: Er habe immer gedacht, dass Naldo von Mertesacker abhängig ist. "Aber es ist ja andersherum: Mertesacker ist von Naldo abhängig", sagt Wontorra. Das Mittelfeld: Es fehle die Kreativität, Bargfrede und Kroos seien überfordert, Frings spiele zu viele Alibi-Pässe. Hunt sei als Nachfolger eines Micoud, Diego oder Özil überschätzt und in seiner Entwicklung stehengeblieben. Der Sturm: Hänge in der Luft. Die Neuzugänge: Arnautovic sei ein Flop, und es sei auch kein Wunder, dass er einst selbst bei Twente Enschede nicht mehr genügend Einsätze bekam. Wagner sei auch ein Flop. Das Grundproblem: Die Mannschaft passe nicht zusammen. Die Sportliche Leitung: Müsse sich hinterfragen, die Mannschaft bräuchte im Sommer eine "komplette Zäsur".

... der Wirtschaftsweise

Rudolf Hickel sagt, dass er immer das Geschäftsmodell von Werder Bremen gelobt habe. Mittelständisch geführt, klare Strukturen, und "die Arroganz der Fußballgötter nicht gelebt". Will sagen: mit Augenmaß und Vernunft gewirtschaftet. Hat Werder jetzt, sportlich gesehen, abgewirtschaftet? Es wäre der "größte Fehler", sagt der Wirtschaftsprofessor, jetzt den Rücktritt von Allofs und Schaaf zu forcieren. Er sei geneigt zu sagen: "Haltet durch! Am Sonnabend (gegen die Bayern, d. Red.) werden wir noch einmal haushoch verlieren, aber dann..." Hickel ist aber, Entschuldigung: nicht nur Professor, sondern auch Mensch, und als Bremer Mensch, dem das Wohl und Wehe des SV Werder am Herzen liegt, geht es ihm auch kaum anders als Willi Lemke. Er leidet. Früher habe er sich immer gefreut auf die Wochenenden, derzeit stiegen Angst und Sorgen, je näher der Spieltag rückt. Das ist auch, rein wirtschaftsprofessoral betrachtet, etwas Wichtiges. Hickel spricht von der "Ökonomie des Glücks". Geht es Werder gut, geht es den Bürgern gut - ein solcher Faktor sei Werder in der Stadt. Werder sei ein enorm großer, ja fast Bremens größter Imageträger, ein Werbeträger, wie ihn eine Tourismuszentrale niemals erschaffen könne. "Rathaus, Roland und Werder, das ist eine Einheit", sagt Hickel, und wenn Werder abstiege, wäre das "ein Riesenverlust". Am Telefon bekommt man geradezu Angst, wenn der Ökonom so spricht, und denkt sich, dass dann Bremen nicht mehr Bremen wäre. Hickel war übrigens am Wochenende in Köln, nicht zum Spiel, aber zum "Presseclub" der ARD. Als vor der Sendung die Rede auf Werders 0:3 gegen den FC kam, musste Hickel die Anmerkung ertragen: "Gegen die kann man doch gar nicht verlieren."

... der Ehrenbürger

Das Spiel war noch nicht einmal zur Hälfte gespielt, da wusste Klaus Hübotter schon, wie es ausgehen würde: nicht gut. Am Radio hatte der 80-Jährige die Bemühungen des Bremer Aushängeschildes Werder in Köln verfolgt, und selbst jetzt, mit dem Abstand von fünf Tagen, sagt er noch: "Große Sch..." Egal, wo er dieser Tage hinkommt, zu Terminen, zum Stammtisch: Das Thema Werder, an guten Tagen ein Selbstläufer, beherrscht erst recht in der Krise die Diskussion. Eine allgemeine Ratlosigkeit hat Hübotter festgestellt. Natürlich kennt er die Fakten: Naldo verletzt, Özil verkauft - aber darf das als Erklärung ausreichen? Hübotter, Ehrenbürger der Stadt, lässt das Grübeln sein. Er sagt: "Ich wünsche der Mannschaft Mut und Glück, denn Fußball ist zu einem großen Teil doch auch Glück."

... der Edelfan

Klaus Baumgart war die Ruhe selbst, als alle Welt im Oktober und November schon von der großen Werder-Krise redete. Und spätestens als Werder zum Rückrundenstart gegen Hoffenheim gewonnen hatte, stand für den "dicken Klaus" fest: "Siehste, hatte ich doch recht. Werder wird diese Saison solide zu Ende spielen." Dann kam Köln. "So entspannt ich bis dahin war, so erschrocken bin ich jetzt", sagt Baumgart, der vor wenigen Tagen während der Sixdays noch mit den Bremern gefeiert hat und jetzt mit den Bremern leidet. "Als ich das Köln-Spiel gesehen habe, dachte ich: Klaus, du träumst. Allein das zweite Tor: Frings läuft falsch, zwei andere gar nicht - bin ich im falschen Film?" Er stellt sich auf harte Monate bis zum Saisonschluss ein. Seine Hoffnung: Ein paar sind noch schlechter als Werder. Gladbach und St. Pauli zum Beispiel. Ob's am Trainer liegt? "Beim besten Willen nicht. Nein." Stattdessen erwartet er von den Spielern eine Reaktion. Er wird das am Sonnabend gegen die Bayern im Fernsehen verfolgen, auf die Konferenzschaltung verzichtet er diesmal. "Ich werde mich ganz auf das Werder-Spiel konzentrieren."

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